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Flüchtlingskrise

Flüchtlingskrise - Bochums Theater mischt sich ein

13.03.2016 | 16:30 Uhr
Flüchtlingskrise - Bochums Theater mischt sich ein
Szene aus „Lampedusa“ von Anders Lustgarten.Foto: Diana Küster

Bochum.  Im Zentrum steht die Flüchtlingskrise. Bochums Schauspielhaus widmet sich einen ganzen Monat lang „dem Eigenen und dem Fremden“.

„Das Theater ist Ort der Einmischung.“ – Das ist der Ansatz mit dem sich das Bochumer Schauspielhaus schwerpunktmäßig mit d e m aktuellen Thema beschäftigt, der Flüchtlingskrise. Mehr denn je, so die Annahme, stelle sich die Frage, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen. Überlegungen, die sich daraus ergeben, soll mit dem Themenmonat „Das Eigene & das Fremde“ nachgegangen werden.

Als erster Aufschlag stand am Wochenende die Premiere von „Lampedusa“ an; ein Drama des britischen Autors Anders Lustgarten, das seine deutsche Uraufführung erlebte. Mit dem Stück erreicht die Flüchtlingskrise die Theaterbühne, packend, bewegend. Ein Abend, der verstört. Und der klar macht, dass es keine Patentlösungen gibt.

Verlierer des Turbo-Kapitalismus

Lustgarten stellt die Migrationswelle mithilfe zweier Einzelgeschichten in einen gesamteuropäischen Kontext; es geht um den Fischer Stefano (Raiko Küster) auf der Mittelmeerinsel Lampedusa und die Geldeintreiberin Denise (Juliane Fisch) in London. Beide haben anscheinend nichts mitein­ander zu tun, wenn sie von sich erzählen.

Doch was sie erzählen, ist krass: Der Ex-Fischer muss die Toten aus dem Meer bergen, die es auf den Kähnen der Schlepper nicht bis an den Strand geschafft haben – 3500 Wasserleichen allein im letzten Jahr. Und Denise ist für eine Inkassofirma unterwegs, um bei säumigen Kunden die Kohle einzutreiben; es sind alte und kranke Menschen, meist am unteren Rand der Gesellschaft, arme Schlucker, die Verlierer des Turbo-Kapitalismus.

Hinter allem: ein Haufen Lumpen

Beide Figuren agieren auf gewässertem Grund (Bühne: Dorothea Lütke Wöstmann), hinten ist ein riesiger Haufen Lumpen aufgeschichtet, der die angeschwemmten Leichen symbolisiert. Küster und Fisch stapfen durch das Wasser, dessen Wellenschlag sich flirrend an den Wänden bricht: ein verwirrendes Bild, bedrückend und beeindruckend zugleich, das einen nicht in Ruhe lassen will.

Tatsächlich kann man hier nicht wegsehen. Lustgartens „Lampedusa“ erzählt vielleicht nichts anders als das, was man aus der Tagesschau schon zu kennen glaubt. Aber er erzählt es eben theatergerecht, hier funktioniert das Wegzappen nicht. Und niemand kann sich vor der nach und nach sich entwickelnden Einsicht verschließen, dass der Fischer, die Geldeintreiberin, die ökonomischen Verhältnisse in England (neun der zehn ärmsten Regionen Europas liegen in Großbritannien, aber auch die reichste = London) und die Flüchtlingskrise integral zusammenhänge. Dass die Menschen, die nach Europa flüchten, genauso Opfer der Globalisierung sind wie die „kleinen Leute“ hier.

Feines Gespür für Zwischentöne

Olaf Kröck, Chefdramaturg und Interimsintendant für 2017/18 zwischen Anselm Weber und Johan Simons, hat den wortstarken, hochpolitischen Theatertext mit feinem Gespür für Zwischentöne in Szene gesetzt. Raiko Küster und Juliane Fisch drängen in ihren Rollen hautnah an die Gefühle des Publikums heran, die Inszenierung selbst ist durchzogen von einer matten Poesie, die die Menschlichkeit beschwört, aber kaum Hoffnung zulässt. Starker Abend!

Termine

Weitere Vorstellungen von Anders Lustgartens „Lampedusa“ zeigt das Schauspielhaus Bochum am 24.3. (19.30 Uhr), 1.4. (20 Uhr), 10.4. (17 Uhr) und 30.4. (20 Uhr).

Karten und Vorstellungs-Infos gibt es an der Theaterkasse unter 0234/3333-5555.

Der Themenmonat „Das Eigene & das Fremde“ geht bis Anfang April auf verschiedene Weise den verschiedenen politischen und ökonomischen Aspekten der Flüchtlingskrise nach. Podiumsdiskussionen und Musikveranstaltungen gehören ebenso zum Programm wie die Premiere des neuen Regieprojekts von Hermann Schmidt-Rahmer, der Elfriede Jelineks Werke zur Flüchtlingskrise „Die Schutzbefohlenen“ zum Ausgangspunkt seiner Inszenierung nehmen wird (Premiere am 9. April.).

Jürgen Boebers-Süßmann

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2016-03-13 16:30
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