Fernsehen
Wie schlechte TV-Programme unsere Gesellschaft verändern
13.09.2009 | 09:55 Uhr 2009-09-13T09:55:00+0200Hagen. Darüber, dass im Fernsehen Tag für Tag ziemlich viel Mist gesendet wird, besteht wohl allgemein breiter Konsens. Woran aber liegt das eigentlich? Könnte es vielleicht sein, dass das reichliche Produzieren geistigen Mülls sogar Methode hat?
Alexander Kissler ist jedenfalls ausdrücklich dieser Meinung. Der Kulturpublizist und Medienwissenschaftler hat viele Monate geduldig vor dem Fernseher verbracht und dabei das vermeintlich vielfältige Angebot von Öffentlich-Rechtlichen und Privaten kritisch beäugt. In seinem Buch „Dummgeglotzt” (Gütersloher Verlagshaus) legt er nun ebenso schonungslos wie überzeugend dar, dass „das Fernsehen uns verblödet”.
Angesichts einer kaum noch zu überschauenden, geschweige denn tatsächlich zu schauenden Zahl von Dokusoaps befindet Kissler: „Ins Fernsehen schafft es offensichtlich am leichtesten, wer sich am drastischsten aus der Zivilisation entfernt hat.”
Soll heißen, hemmungslos Übergewichtige, selbstverschuldet Verarmte, keck auftrumpfend Kriminelle, hysterisch Ruhmsüchtige, sexuell Enthemmte und chronische Selbstüberschätzer schaffen es vor die TV-Kameras und verzerren beim Zuschauer durch ihre Dauerpräsenz mit Ausschließlichkeitsmerkmal mehr und mehr den Blick für die Wirklichkeit: „Das ist das Leben, so sind deine Mitmenschen - und es ist ganz normal, so zu sein.”
Manierenlose Kurzfristhelden
„Manierenlose Kurzfristhelden” nennt Kissler diese Doku-Stars, und er betont, dass inzwischen auch ARD und ZDF tüchtig auf sie zurückgreifen. Und dies, obwohl die Öffentlich-Rechtlichen gut sieben Milliarden Euro Gebühren jährlich erhalten und damit eigentlich ein nachhaltiges und niveauvolles Programm bieten sollten.
Doch die sich da für kurze Zeit im Rampenlicht zeigen, sind vielmehr Opfer als Helden. Kissler: „Schicksale werden ausgestellt, nicht befragt, Sätze begonnen, nicht beendet, Menschen vorgeführt nicht vorgestellt.”
Dass das Fernsehen „Helden züchtet, die es sucht, aufbaut und rasch entsorgt”, wie der Autor meint, wird bei Formaten wie „Deutschland sucht den Superstar” oder „Germany's next topmodel” nur allzu deutlich. Schlimmer aber noch präsentiert sich „Das Dschungelcamp”, das im Schnitt tatsächlich von fast sechs Millionen Zuschauern gesehen wird und das „ausnahmslos niedere Instinkte, die Schadenfreude und den Voyerismus, den Sadismus und die Freude am Schmutz bedient” (Kissler).
Entwürdigen als Unterhaltungsfaktor
Schlechtes Zuschauer-Gewissen wird schnell durch die Formel gedämpft: „Wer gut bezahlt wird, darf sich auch entwürdigen lassen.” Doch das Konzept, das dieser „Show” zugrunde liegt, ist bösartig und subtil, wie Kessler analysiert: „Es ist eine quietschbunte Einführung in sklavisches Denken. Mit Aufmerksamkeit und Honorar wird prämiert, wer seinen Anpassungswillen, seine Unterwerfungsbereitschaft, seine Selbstverleugnung maximiert. Je bedenkenloser du tust, was man dir sagt, desto schneller locken Prestige und Anerkennung: Erfolg durch Erniedrigung.” So jedenfalls lässt es sich erklären, dass abgehalfterte Prominente „freiwillig” Würmer und Kakerlaken essen, sich zudem treten, beißen und bespucken lassen.
Deutlich harmloser geht es natürlich in den Talkshows zu, wenngleich auch hier scheinheilige Mechanismen lauern. Mit dem Talk-König Johannes B. Kerner sieht Kissler eine regelrechte „Kernerisierung” des Fernsehens auf diesem Gebiet. Neben einer allgegenwärtigen Schleichwerbung für neue Bücher, Filme und andere Artikel mit denen die Studiogäste kommen, gilt hier vor allem „die Unfähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem, Bedeutendes von Bedeutungslosem zu scheiden.”
„Die falsche Sentimentalität hat nur eine Botschaft: Bleiben Sie dran!”, lautet ein Kissler-Fazit. Und die Rechnung geht offensichtlich auf. Bis zu seinem 13. Lebensjahr hat ein Kind in Deutschland bereits 250 Tage ferngesehen. Kein Wunder, dass der Psychologe und Hirnforscher Manfred Spitzer warnt: „Bildschirm-Medien machen dick und krank, wirken sich in der Schule ungünstig auf die Aufmerksamkeit und das Lesenlernen der Kinder aus und führen zu vermehrter Gewaltbereitschaft.”
Eigene Fernsehzeit mindestens halbieren
Was ist gegen all diese Trends, diese heimlichen und unheimlichen Verlockungen und Versuchungen zu unternehmen? Alexander Kisslers Vorschlag: Mindestens Halbierung des Fernsehkonsum. Ein Spielfilm statt zwei, eine Talkshow statt zwei, eine Dokusoap statt zwei: „Ich gehe jede Wette ein, wir werden nichts verpassen. Wir werden uns leichter fühlen. Jeden Tag zwei Stunden mehr werden wir gewinnen für uns, für unseren Geist, unsere Seele, unsere Freunde. Freiraum wird entstehen, Grundbedingung aller Freiheit. Unsere Republik wird davon profitieren, weil Zynismus und Desinteresse dann nicht länger unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit bestimmen.” Und auch das verspricht Kissler: Je weniger wir fernsehen, umso eher werden wir unsere Würde zurückgewinnen.
06:20
Sehr traurig das alles mit anzusehen... Abschalten!
03:31
Mit Fernsehen ist es wohl wie mit Alkohol. in Maßen genossen ist es in Ordnung, frei nach Paracelsus Zitat alles ist Gift. Wahrscheinlich gibt es auch einen Unterschied ob ich 2 Stunden 3sat und arte schaue oder RTL II und VOX. Warum ist Trash-TV aber so beliebt? Mag daran liegen dass viele Zuschauer nur sehen wollen, dass es anderen noch schlechter geht. Wer lacht nicht wenn auf der Straße einem ein Missgeschick passiert? Vor der Glotze kann man sich dann noch die Mühe sparen vor die Türe zu gehen und bekommt rund um die Uhr Peinlichkeiten, Tratsch und Skandale frei Haus. Und dass viele Eltern dem Fernseher dankbar ihren Nachwuchs zur Erziehung und Ruhigstellung anvertrauen ist auch kein Geheimnis. Wie kannst Du Dein Kind so etwas gucken lassen?? Wieso? Ich habe das Fernsehprogramm nicht gemacht!
Da sehne ich mich manchmal wieder nach Peter Lustig: Nicht vergessen: Abschalten!
09:23
Hohen Unterhaltungswert sichert Vera von RTL:
Schwiegertochter gesucht
00:42
#1, So sieht es aus! Auch wenn es mannigfaltige Möglichkeuten gibt, aufzuzeichnen, ist es eine Frechheit der Gebührensender, vor wenigen Stunden in 3sat und im rbb Kabarettsendungen zeitgleich zu streamen. .
Naja, und das JAZZ vor Mitternacht NIE läuft und dies bald auch im Radio so sein wird, muss man nicht raten, man kann es sehen, Heimatsülze und Frontbejubler, es ist wieder so weit!
(In einer solchen Schmonzette gab die etablierte Folkjerts ; Tatort, Odenthal, noch die Betüddlerin eines Afghanistan Heroen der ARD/BW / Schäuble- Sektion)>>Kisten abmelden!
19:14
Bücher und Artikel über das schlechte TV-Programm gibt es mittlerweile zuhauf. Ich denke, es kommt nicht so sehr darauf an wie lange man schaut, sonder WAS man schaut. Und obwohl es wirklich jede Menge Schrott gibt, der die niederen Instinkte der Zuschauer anspricht, hat doch jeder die Möglichkeit sich Sendungen nach seinem eigenen Geschmack auszusuchen. Man muss nur sorgfältig auswählen und nicht wahllos den Fernseher laufen lassen.