Wie andere Länder über den „Terror“-Piloten entschieden

Im ARD-Film „Terror – Ihr Urteil“ wurden die Zuschauer zu Schöffen in einem Gerichtsprozess.
Im ARD-Film „Terror – Ihr Urteil“ wurden die Zuschauer zu Schöffen in einem Gerichtsprozess.
Foto: obs
Was wir bereits wissen
Darf man ein volles Flugzeug abschießen, um Tausende Menschen vor einem Anschlag zu schützen? Die weltweiten Antworten überraschen.

Berlin..  Der ARD-Film „Terror – Ihr Urteil“ hat die Zuschauer am Montag vor eine Gewissensfrage gestellt – und das deutsche Publikum hat eindeutig entschieden. 87 Prozent der Zuschauer sprachen im virtuellen Gerichtssaal einen Kampfpiloten frei, der eine Passagiermaschine mit 164 Menschen an Bord abgeschossen hatte, um einen Anschlag mit eben dieser Maschine auf ein voll besetztes Fußballstadion zu verhindern.

Doch nicht nur die deutschen Fernsehzuschauer konnten über den fiktiven Fall abstimmen. Denn Basis für den ARD-Film ist ein Theaterstück „Terror“ von Ferdinand von Schirach. Das Stück wurde weltweit bereits 540 Mal aufgeführt – und jedes Mal konnten die Theaterbesucher abstimmen. Zwar gab es überwiegend (503) Freisprüche , doch die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern sind gravierend. Die Theater-Macher listen die Daten zu allen Vorstellungen auf der eigenen Internetseite auf.

Deutschland

In Deutschland wurde das Theaterstück „Terror“ bisher 472 Mal aufgeführt. Dabei gab es 441 Freisprüche. Insgesamt hielten 90.682 Theaterbesucher den Piloten Lars Koch für „nicht schuldig“, 61.110 stimmten für „schuldig“. Zu den Theater-Freisprüchen kommt der Freispruch durch das TV-Publikum am Montag.

Schweiz

Nach Deutschland gab es im Nachbarland Schweiz die meisten Aufführungen des Theaterstücks. 25 Vorstellungen brachten 25 Freisprüche (2424 Stimmen). Lediglich 882 Besucher wollten den Kampfpiloten wegen Mordes im Gefängnis sehen. Im Schweizer Fernsehen, wo der Film „Terror – Ihr Urteil“ zeitgleich am Montagabend lief, fiel die Abstimmung fast so deutlich aus wie in Deutschland. 84 Prozent stimmten für den Freispruch, 16 Prozent sahen in dem Piloten den Schuldigen.

Österreich

Mit 18 Theater-Vorstellungen liegt Österreich knapp hinter der Schweiz. Doch beim Ergebnis gibt es einen deutlichen Unterschied – und der liegt in einer Verurteilung. Insgesamt votierten 1582 Zuschauer für einen Freispruch, 1049 dagegen. Das Ergebnis ist im Vergleich zu Deutschland und der Schweiz wesentlich knapper. Im TV-Voting – auch in Österreich konnte man die TV-Verfilmung am Montag sehen – gab es jedoch das gleiche Ergebnis wie in Deutschland: 87 Prozent der Stimmen für einen Freispruch.

Venezuela

18 Mal spielten Theaterensembles das Stück von Ferdinand von Schirach auch im südamerikanischen Venezuela. Das Ergebnis gleicht dem in Österreich: bei 18 Vorstellungen gab es 17 Freisprüche (3321 Stimmen). 1968 Menschen waren für einen Schuldspruch gegen den Kampfpiloten.

Japan

Das wohl überraschendste Ergebnis gab es in Japan. Bei vier Vorstellung des Theaterstücks gab es vier Schuldsprüche. 958 Theaterbesucher wollten den Piloten im Gefängnis sehen, nachdem er den Passagierjet abgeschossen hatte. 569 sahen ihn als unschuldig an.

Die Gründe für Unterschiede

Wie genau die unterschiedlichen Ergebnisse in den einzelnen Ländern zustandekommen ist nicht endgültig geklärt. Eindeutig scheint aber, dass politische Ereignisse und die Geschichte der Länder das Abstimmungsverhalten beeinflussen.

So zeigt eine Zeitleiste der Theatermacher etwa, dass die Ergebnisse zugunsten eines Freispruches nach den Terroranschlägen von Paris im vergangenen Jahr deutlich gestiegen sind. Die Zuschauer scheinen seitdem mehr mit der Figur des Piloten zu fühlen, die nach eigenen Angaben Hunderte tötete, um Tausende zu retten.

Einen anderen Erklärungsversuch brachten bereits Montagabend Vertreter des Schweizer Fernsehens vor. Während sie die Schweizer Ergebnisse in einer Live-Schalte im ARD-Talk „Hart aber fair“ vorstellten, gingen sie auf Abstimmungen im Allgemeinen ein. Die leichte Abweichung des Schweizer Votums hänge demnach damit zusammen, dass es in der Schweiz häufiger Volksabstimmungen gebe. Die Schweizer hätten sich deshalb daran gewöhnt, über politische Fragen direkt abzustimmen.