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Westerwelles Bravo-Beichte

14.04.2010 | 19:45 Uhr
Westerwelles Bravo-Beichte

Berlin.Wer es bis zu den kusslastigen Kapriolen von „SMS-Seelsorger Dr. Love“ geschafft hat, wird beim Umblättern der neuen „Bravo“ gezuckt haben. Anstelle der zum Begreifen des jeweils anderen Ge- schlechts allzeit hilfreichen Tipps von Dr. Sommer hievte das zentrale Begleitorgan zur Pubertät ab Seite 72 den laut Umfragen unbeliebtesten Bundesaußenminister seit anno Tobak ins Heft. Und lässt verkünden, er stehe „total auf Johnny Depp“. Warum, hat Reporter Marcus Lucas den auf fast allen Fotos spaßbremsig beschlipsten und gewaltig konzentriert lächelnden Guido Westerwelle nicht gefragt. Muss ja auch nicht.

Wenn der deutsche Vizekanzler sich „so privat wie nie“ zeigt, wird man am Ende schon wissen, wie er „wirklich tickt“. Oder auch nicht. Westerwelle bleibt Westerwelle, auch wenn er die auflagenstärkste Jugendpostille ein wenig in sein Leben lugen lässt. Dass er in den 70er-Jahren Suzi Quatro, die kleine Lederfrau mit dem schweren Bass, angehimmelt hat wie Abba wird heute auf die Fans von Miley Cyrus und Lady Gaga so steinzeitlich wirken wie der verschwiemelte Hinweis auf „schön abgedunkelte“ Kelleräume. Die über „knarrende Treppen“ verfügten, sodass man „das Bier verstecken konnte“, für den Fall, dass „die ältere Generation sich mal nach unten traute“.

Dass Guido Westerwelle die Expertise von Dr. Sommer nicht in Anspruch nahm, sondern zu Realschulzeiten „offen und robust“ (???) aufgeklärt wurde, blieb in dem vom Chefredakteur mit einem schlichten „Super, Guido!“ bekränzten Interview so unvertieft wie das seltsam verklausulierte Kapitel Homosexualität. An „manche Attacke, an die man sich heute auch erinnert“ denkt der seit 2004 mit Michael Mronz liierte Westerwelle. Und daran, dass es einige gab, „die es gewusst haben und damit nicht umgehen konnten“. War’s schlimm? I wo, „recht unbeeinträchtigt“ sei’s gelaufen in Liebesdingen. Hauptsache.

Jugend ist launisch

Angela Merkel, von Haus aus Naturwissenschaftlerin und heute Kanzlerin, wird an zwei anderen Stellen aufgehorcht haben, als ihr der Wortlaut gestern nach Kalifornien gefaxt wurde. Westerwelles Hassfächer in der Schule? Physik. Chemie. Das tollste Gast-Geschenk als Außenminister? Ein langer Silberdolch aus dem Jemen... Bleiben zwei Fragen: Kehrt der Außenminister mit seiner „Bravo-Beichte“ zurück in alte Guidomobil-und-Big-Brother-Container-Spaßpartei-Zeiten? Und was sagen die Leser, denen die Redaktion auf Schritt und Tritt nachspürt und jeden Leserbrief pingelig auswertet? Auswirkungen auf nahende und ferne Wahlen scheinen kaum vorhersehbar. Die Jugend ist launisch. Mitte der 90er-Jahre ergab eine große Bravo-Umfrage vor der Bundestagswahl unter 6000 Lesern zwischen 14 und 17 Jahren einen satten Vorsprung für CDU/CSU. Mit Joschka Fischer als Kanzler.

Dirk Hautkapp

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