Wer braucht hier Nachhilfe im Erwachsensein?
04.06.2009 | 15:59 Uhr 2009-06-04T15:59:00+0200
Essen. Schon im Vorfeld ging ein Aufschrei durchs Land: Babys verleihen für eine Fernsehsendung? Doch genau darum geht es in der neuen Doku-Serie "Erwachsen auf Probe" bei RTL. Sonja Mersch ist Mutter einer kleinen Tochter und hat die Sendung für DerWesten geguckt.
Als Mutter bin ich vorsichtshalber mal auf das Schlimmste gefasst. "Erwachsen auf Probe" - der Titel klingt zwar harmlos, aber wie die ganze Nation inzwischen weiß, sollen hier echte Babys an Teenager verliehen werden. Pädagogischer Sinn? Eher quotenheischender Unsinn, soweit mein Vorurteil. Und es geht gleich so los wie erwartet: dramatische Teasermusik, reißerische Slogans aus dem Off: "Die wichtigste Reifeprüfung ihres jungen Lebens - werden sie an ihren Aufgaben wachsen - oder zerbrechen?" Bei solchen Sätzen möchte ich schon das erste Mal ausschalten, dabei läuft die Sendung gerade mal zwei Minuten. Nein danke, ich möchte keine Teenager im deutschen Fernsehen zerbrechen sehen.
Aber es fängt ja alles ganz harmlos an: Vier Pärchen beziehen ihre Einfamilienhäuser, der Einfachheit halber verteilt man sie auf rotes Haus, gelbes Haus, grünes Haus und blaues Haus. So muss man sich die vielen Namen nicht merken. Beim Casting haben die Produzenten ganze Arbeit geleistet: Da ist der vorbestrafte Mario, dessen Freundin schon mal ein Kind verloren hat, der angehende Erzieher Basti mit Tamara, die unbedingt ein Kind will, außerdem der 17-jährige Elvir, der seiner Gelfrisur mehr liebevolle Zuwendung schenkt als seiner Freundin. Fast alle rauchen.
Einfach mal in den Arm nehmen
Die erste Prüfung heißt: Nestbauen. Einige scheitern beim Zusammenschrauben eines Ikea-Stuhls. Ansonsten sehen die Häuser aus wie im Katalog, eine schöne heile Welt. Mal im Ernst: So sieht im Leben keine erste gemeinsame Wohnung aus. Immerhin, sie sollen arbeiten gehen. Als die 17-jährige Nadine bitterlich weinend in Großaufnahme gezeigt wird, weil ihr Freund den Job gekündigt hat, möchte ich zum zweiten Mal weg schalten: Bitte macht die Kamera aus!
Noch bevor überhaupt ein Baby im Spiel ist, frage ich mich: Welche Eltern lassen es zu, dass ihre Söhne und Töchter so vorgeführt werden? Könnte jemand diese jungen Mädchen, die sich verzweifelt nach einem Kind sehnen, bitte einfach mal in den Arm nehmen und ihnen wirklich zuhören?
Babybauchattrappen und programmierte Puppen sind ja erprobte Mittel, um Jugendlichen die anstrengenden Seiten von Schwangerschaft und Kinderpflege näher zu bringen. Damit sich alles noch ein bisschen echter anfühlt, müssen die Pärchen für ihre "Reifeprüfung" sogar zu einem echten Geburtsvorbereitungskurs - um zu erfahren, dass Kinderkriegen richtig wehtut. So ernst wie Angji ("Du musst die Puppe versorgen wie ein richtiges Baby, sonst schreit sie dir das ganze Haus voll.") oder Basti, der mit dem programmierten Baby nachts schuckelnd durchs Haus läuft, nehmen andere ihre Aufgabe nicht. Eine Puppe erstickt im Elternbett. Zur Strafe gibts für Elvir und Nadine kein echtes Baby. Vorerst jedenfalls nicht.
Die Pärchen scheitern grandios
Die anderen haben ihren Babyführerschein gemacht und dürfen sich jetzt am lebenden Objekt versuchen. Sie haben Glück: Die echten Mütter geben ihnen eine schriftliche "Gebrauchsanweisung" (O-Ton einer Mutter!) für ihre Kinder mit und bleiben in der Nähe, falls doch mal was ist. Und dann geht's los: wickeln, baden, Fläschchen machen. Wie zu erwarten war, scheitern die Pärchen grandios, auch wenn Katja Kessler als Babyexpertin Tipps in Sachen Fliegergriff und Pucken geben darf. Die Babys schreien und schreien und schreien. Das sollen sie ja auch, die Jugendlichen müssen so hilflos wie möglich aussehen. Dabei stellen sich einige von ihnen nach dem ersten Schock gar nicht mal so schlecht an.
Aber wie soll das auch funktionieren? Eltern haben nicht einfach "ein Kind", sie haben ihr eigenes Kind, das sie seit der ersten Sekunde seines Lebens kennen - und das ist ein riesiger Unterschied. Wo soll der pädagogische Nutzen darin bestehen, nachts für ein fremdes Kind aufzustehen? Das würde jeden aggressiv machen. RTL behauptet: "Erwachsen auf Probe ist kein Spiel. Es ist das wahre Leben!" Aber wie realistisch ist es, "eigenverantwortlich" ein Baby zu wickeln, während ein Team von Kameraleuten und Betreuern drum herum wuseln und die echte Mutter nur ein paar Schritte entfernt mit Argusaugen über jeden Handgriff wacht?
Warum eigentlich?
Ab und zu werden sie von der Kamera gezeigt, diese Eltern, die im Nachbarhaus vor dem Überwachungsbildschirm sitzen und gequält gucken, als hätte man sie zum Mitmachen gezwungen. Die Mundwinkel von Theresas Mutter zucken, als sie ihr neun Monate altes Töchterchen in den Armen fremder Menschen verzweifelt weinen sieht. Und: Ja, ich kann mir denken, wie sie sich fühlt. Mies. Die Mama von Lasse, zehn Monate, sagt, gerne mache sie das hier nicht. Ja, aber warum denn dann eigentlich, fragt man sich.
Fast alle Eltern geben an, sie wollten Jugendlichen zeigen, wie anstrengend das Leben mit Kindern sei, "damit sie es sich noch einmal überlegen". Muss man diesen Weltverbesserungsanspruch haben und vor allem, muss man ihn in einem solchen Format ausleben? Oder darf einem das eigene Kind für derart fragwürdige Experimente auch einfach zu schade sein?
Fazit: Nachhilfe im Erwachsensein brauchen in dieser Sendung nicht die zu recht überforderten Teenies, sondern wohl eher die Programmverantwortlichen bei RTL.
- Diskussion: Was halten Sie von der RTL-Sendung?
- Satz der Woche: Ich würde mein Kind vermieten, wenn...
23:37
damit sie es sich nochmal überlegen na glückwunsch...gibt es im anti-kinder-deutschland nicht schon genug gründe KEIN kind zu haben? muss man da diejenigen, die sich doch trauen und irgendwie die finanziellen mittel aufbringen noch zusätzlich abschrecken?
15:09
>In den Großfamilien früher kannten die Kinder aber ihre Bezugspersonen, es war eine Familie! <
Entschuldigung, die Bezugsperson wird ihnen ja nicht genommen durch ein paar Tage Dreharbeiten. Wer die Sendung gesehen hat, weiß, dass die Mütter ihre Kinder nicht zur Schlachtung frei gegeben haben und zusätzlich auch noch am Fernseh mitbestimmen können, dort einzuschreiten und ihr Baby abzuholen. Somit ist das echt vergleichbar mit Babysitter, die man sogar noch alleiner lässt, weil nicht gefilmt und vorbereitet.
Hatte hier schon mal jemand eine Tagesmutter, die nicht vom Jugendamt vermittelt wurde? Das ist viel spannender und überraschender als so eine Serie. Denn da weiß man wirklich nicht, was mit seinem Kind ist den ganzen Tag. Und da gibt es manchmal wirklich hübsche Überraschungen... Das sind jedoch sogenannte Bezugspersonen, die das Kind dann haben darf.
Ich finde das Experiment zu klein. Man sollte das nicht unter einer Käseglocke testen, sondern unter realen Bedingungen. Wo ist die Familie und Freunde, wenn den ersten Tag das Baby nach Hause kommt. Die frisch gebackene Mutter muss da meist schon wieder die liebe Gastgeberin spielen, nebenbei stillen, Windeln wickeln und freundlich lächelnd die Getränke in die Runde reichen... wie, was 50ger Jahre? Nee, so ist das bei vielen noch immer.
Und am Ende des Tages sollte man sich auch ein 200ml Fläschchen machen. Ich empfehle hin und wieder ne Hopfenkaltschale. Davon schläft man gut, damit man den kleinen Teppichratten auch weiterhin gewachsen ist. ;o)
Übrigens ist mein Eindruck eher, dass man mit der Sendung vermeiden will, mehr Babys zu haben. Auf jeden Fall scheint es eher zu vermitteln, wie viel Power da drauf geht. Aber mit ein wenig Liebe braucht das gar nicht so viel Power und geht wie von selbst. Schade RTL, Geburtenkontrolle geht echt anders... ;o)
13:59
In den Großfamilien früher kannten die Kinder aber ihre Bezugspersonen, es war eine Familie! Das ist etwas ganz anderes, als wenn die Kinder völlig fremden und unwissenden Personen ausgehändigt werden.
Dreckig = gesund stimmt, damals hatten die Kinder keine Allergien, die sind eine Folge von viel zu viel steriler Umgebung.
Auch ich halte von diesem Experiment gar nichts, es geht nur um Geld und Quoten.
Warum die Eltern ihre Kinder dafür hergeben? Fragt sie doch mal, wieviel Geld sie dafür bekommen, dann ist die Antwort schon da!!
13:44
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13:23
Ich finde das einen Spiegel unserer Zeit und ein Fallbeispiel von der falschverstandenen Pädagogik, die uns allseits umgibt.
Der Artikel spiegelt für mich wieder, wie böse Mamis sein müssen, ihre wertvollen Kinder an Jugendliche abzugeben, die nichts anderes tun, als jeder normale Babysitter. Dieser blöde Perfektionismus.
Früher gab es mal Großfamilien. Nicht einer hat sich da so angeschi**en wie heute die sorgenden Mütter, die so einen Wind machen. Die Kinder gingen sogar mit raus aufs Feld, steckten mit Vorliebe Steine und Sand in Mund und pinkelten, wo sie gingen und standen. Das düren heute nur noch Hunde. Wenn der Rotz lief und die Hände dreckig waren, waren die Kinder einfach nur gesund.
Heute haben Lasse, Lotte und Lars einen Sauger, um den Popel aus der Nase zu ziehen. Sie haben ihre Pupers inzwischen schon 12 - 16 Stunden an, weil sie so schick trocken hält, aber man wundert sich, warum sie mit 5 Jahren immer noch nicht aufs Klo gehen, geschweige denn noch nicht laufen, weil sie immer noch mit der Karre durch die Welt geschubst werden. Spielt ein Kind, schreit es, tobt es und entdeckt es seine Welt, kriegt es spätestens im Kindergarten Tabletten gegen ASD Syndrom.
Manchmal frage ich mich, wer hier nicht mehr ganz richtig tickt...
11:44
Mal ganz unabhängig davon... Wenn eine 18-jährige nichtmals weiß, wie viel 200ml sind, dann sollte sie lieber wieder zur Schule gehen, als Kinder in die Welt zu setzen!
11:14
Was für ein schöner Bericht! Gut geschrieben, passende Argumente, treffendes Fazit.
Vielen Dank, vor allem für die Erkenntnis, nichts verpasst zu haben... ;-)
11:00
(kleinst-)kinder als versuchskaninchen ??? ---> NEIN DANKE !!!
geht es nach unserer derzeitigen reGIERung, dann drängt sich mir der verdacht auf, dass man seinen nachwuchs möglichst kurz nach der geburt, in fremde hände geben sollte, damit möglichst doppelverdient und versteuert wird ...
(egal, wie qualifiziert die aufbewahranstalten letztlich sind ...)
gerade die ersten drei lebensjahre, sind jedoch nachweislich entwicklungsentscheidend (spiegelneuronen etc.); darum lehne ich menschenexperimente jedweder art - gerade in dieser zeit - strikt ab ...
besser wäre es, die potenziellen jungeltern bspw. in der schule zu informieren, wenn denn die häuslichen erzeuger/erzieher diese aufgabe (mangels eigener fähigkeiten) nicht leisten können ...
für mehr kinderrechte !!!
10:59
Mal losgelöst davon, dass man nicht noch zur Quote von solchen Sendungen für intellektuell Minderbemittelte beitragen sollte, indem man die Diskussion darüber am Leben erhält:
Wer sagt eigentlich, dass man zum Erwachsensein unbedingt Kinder kriegen muss?
10:55
ich rate dringend zum abschalten, je mehr sich sowas anschauen, desto mehr werden sich diese Sender auf solche Formate einstellen und da man Quote machen will, wirds immer extremer werden.
Brot und Spiele braucht das Volk.