Das aktuelle Wetter NRW 19°C
TV-Kritik

Wenig Annäherung von Kampusch und Beckmann

07.09.2010 | 07:41 Uhr
Wenig Annäherung von Kampusch und Beckmann
Reinhold Beckmann in der Studio-Kulisse. Bild: Morris Mac Matzen

Essen.Natascha Kampusch sprach bei Beckmann über ihre Entführung. Der Moderator wirkte seltsam befangen im Gespräch mit der acht Jahre lang gefangenen, jetzt 22-jährigen Österreicherin.

Natascha Kampusch war Opfer eines der bizarrsten Kriminalfälle der jüngeren Vergangenheit. Acht Jahre lang musste die junge Österreicherin im Verließ eines psychisch gestörten Entführers ausharren. Nach ihrer Selbstbefreiung vor vier Jahren drohte sie erneut zum Opfer zu werden: Teilen der Öffentlichkeit erschien die Wienerin zu selbstbewusst. Selbst ARD-Talker Reinhold Beckmann wirkte am späten Montagabend beim Gespräch mit der heute 22-Jährigen seltsam befangen.

Dabei wollte es der 54-jährige Moderator besonders gut machen. Er trug den klassischen Sozialarbeiter-Dress, ein graues Sakko und helle Hemden-Karos auf dunkelblauem Grund. Und um Sympathie für seine Gesprächpartnerin zu bekunden, beugte sich Beckmann seinen Oberkörper weit über die dunkelbraune Platte seines Studio-Tisches.

Dennoch lastete auf Beckmann eine seltsame Anspannung, die im Zwiegespräch mit der unfreiwillig prominent geworden Frau keinen rechten Fluss aufkommen lassen wollte. So arbeitete Beckmann über weite Strecken kaum mehr als bekannte Fakten ab, zu den Umständen der Entführung, zum Entführer und nicht zuletzt zu ihrer Selbstbefreiung, ganz so, als wollte ein Therapeut testen, wie belastbar eine sehr angeschlagene Klientin ist.

Als Beckmann die Frage stellte, warum Kampusch ihren Entführer gebeten habe, sie zu umarmen, klang er so, als befürchte er einen Zusammenbruch seiner Gesprächspartnerin.

Nur bei einer Frage scheint ihr kurz die Sprache wegzubleiben

Doch Kampusch bewahrte Nerven, wie zu Beginn des Gesprächs und beinahe bis zum Schluss, mit schmallippigem Lächeln, klaren, fast druckreifen Sätzen und einem “Tagesschau”-Deutsch, aus dem nur noch ein Hauch von Wiener Akzent herausklingt. Der “Täter”, so nennt sie ihren Entführer Wolfgang Priklopil, habe ihr Jugend gestohlen, und in dieser Situation habe er ihr die “Mutter ersetzen” sollen. Nur Kampuschs knetende Hände verrieten ihre Anspannung.

Weitere Vermisste
Schicksal ungeklärt

Reinhold Beckmann machte in seinem Talk auch auf das Schicksal von Dagmar Funke aufmerksam. Die heute in Neuss vermisst seit 14 Jahren ihre Tochter Deborah Sassen. Der Fall zerstörte ihre Familie. Die Ehe zerbrach, eine weitere Tochter nahm sich das Leben. Dennoch glaubt die ehemalige Düsseldorferin daran, dass ihre „Debbie“ noch lebt.

Erst als Beckmann herausarbeitete, dass Kampusch inzwischen vielerorts für unglaubwürdig gehalten wird, blieb der jungen Frau mit den schmalen Lippen und dem strengen Seitenscheitel kurz die Sprache weg. Die Zweifel an ihrer Leidensgeschichte waren erklärtermaßen der Grund, warum Kampusch ihr ganz persönliches Drama zu einem Buch verarbeitete: “3096 Tage” heißt es, exakt 3096 Tage war sie in eigenen Worten in “Dunkelhaft”, gefangen von einem Muttersöhnchen und Frauenhasser, der das eingekerkerte Kind betrachtete “wie ein neues Haustier”.

Beiläufig lieferte Kampusch auch eine Erklärung für ihr sehr kontrolliertes, kopfgesteuertes Auftreten. Schon vor der Entführung, während der Paar-Krise ihrer unverheirateten Eltern, habe sie gelernt, “sich in einen Ruhezustand zu versetzen”. Genau das half ihr in buchstäblich dunklen Stunden im Montagekeller eines stinknormalen Wohnhauses in einem Dorf bei Wien.

Und genau das wird Kampusch auch helfen, Hass und Häme, Neid und Missgunst auszuhalten: Sie wolle in Wien bleiben, kündigte sie an, “ich bleib zum Trotz ich.”

Jürgen Overkott

Facebook
 
Kommentare
08.09.2010
01:09
Wenig Annäherung von Kampusch und Beckmann
von dr.einstein | #23

Wenn so manche Klugscheißer hier wüssten, wie jämmerlich sie sind, würden sie sich ihre Kommenare sicher sparen.
Kann sich überhaupt jemand vorstellen, wie das ist, wenn man die Hälfte seines Lebens allein in einem Kellerverließ verbringen muss mit dem Entführer als einziger Bezugsperson? Und das als Kind und durch die Zeit der Pubertät?
Und nach Ende der Entführung einen Marothonlauf von Polizei zu Psychologen und von Reporter zu Reporter durchmachen zu müssen?

Und da sitzen dann hier so ein paar Sesselpupser und wissen ganz genau, wie sich dieses Kind hätte richtig verhalten müssen. Oder sie zweifeln ihre Glaubwürdigkeit an. Heißt das, die hat sich 8 Jahre versteckt und sich alles nur ausgedacht?

Herr, wirf Hirn vom Himmel!

07.09.2010
22:06
Wenig Annäherung von Kampusch und Beckmann
von IPA Wien | #22

unglaubwürdig wurde sie GEMACHT ...

nach dem Auffliegen der schrecklichen Polizeifehler. Das Innenministerium selbst diese hässliche Strategie gewählt – die Adamovich-Kommission wurde von ihm im rechtsfreien Raum installiert und mit dem gut geölten Medienapparat des Innenministeriums versorgt..

Statt der Evaluierung der Polizeifehler sah diese ihre Hauptaufgabe darin, das Opfer und seine Angehörigen frei von jeder Amtsverschwiegenheit anzuschütten, Woche für Woche und Monat für Monat. Repräsentanten des Staates haben sie zur Lügnerin gemacht, zur Mitwisserin und Mittäterin bei ihrem eigenen Verbrechen, um von den Polizeifehlern abzulenken.

ZITAT: Wen der Medienrummel nervt, der erkennt die wahre Tragödie des Kriminalfalls nicht.
Man darf nicht vergessen, wie oft die junge Frau in ihrem Leben schon Opfer geworden ist: Nicht nur Opfer eines gestörten Verbrechers und Opfer einer knallharten Mediengesellschaft. Kampusch darf getrost als Opfer einer schlampig ermittelnden Polizei bezeichnet werden.

Längst weiß man, dass Kampusch sehr schnell nach ihrer Entführung gefunden hätte werden können, wenn einigen Hinweisen nachgegangen worden wäre. .... Für diese Versäumnisse zur Verantwortung gezogen wurde niemand. Das ist wirklich schlimm – nicht Kampuschs Umgang mit ihrem Schicksal.

http://forwardme.de/640fc7.go

07.09.2010
21:56
Wenig Annäherung von Kampusch und Beckmann
von ulenfrau | #21

viele kommentare hier machen mich einfach nur traurig. ich bitte um barmherzigkeit für natascha kampusch und ihr schweres schicksal. sie ist für den rest ihres lebens gezeichnet. ich bewundere sie für ihre kraft und stärke und dafür, dass es dem täter nicht gelungen ist, sie zu zerbrechen. von ganzem herzen wünsche ich ihr alles gute.

07.09.2010
16:01
Wenig Annäherung von Kampusch und Beckmann
von TheRealThomasS | #20

Wieviel Neid muss man in sich tragen, um Frau Kampusch Vorwürfe machen zu können?

Wer kann ermessen, welche Auswirkungen es hat, in der gesamten pubertären Entwicklungsphase eingesperrt zu sein?

Dasrüberhinaus sollte sich jeder mal überlegen, wieviel Spass es machen würde, als 18/19 jährige(r) nochmal die Schule ab Klasse 5/6 zu besuchen.

Und letztlich glaube ich nicht, dass Frau Kampusch vollständig frei über ihr Handeln entscheiden kann.

07.09.2010
15:45
Wenig Annäherung von Kampusch und Beckmann
von no Bahn | #19

#18 von wolke286
Aber ich kann nicht einen auf total gestört machen und gleichzeitig durch sämtliche Medien wandern. Ist in sich ein Widerspruch
Das ist so nicht richtig, traumatisierte Menschen zeigen oft ein Verhalten, dass einem eher unsinnig erscheint. Also bitte hier keine Kriterien anlegen, die im normalen Alltag gelten. Denn solche unqualifizierten Bewertungen von Laien machen es Trauma-Opfern oft schwieriger als es ohnehin schon ist.

07.09.2010
15:35
Wenig Annäherung von Kampusch und Beckmann
von wolke286 | #18

@no Bahn: Weder ich noch Sie können annähernd sagen, was man in so einer Situation gemacht hätte oder machen würde, klar. Aber ich kann nicht einen auf total gestört machen und gleichzeitig durch sämtliche Medien wandern. Ist in sich ein Widerspruch.
Von mir aus kann sie machen was sie will, sobald ich sie im TV sehe, schalte ich sowieso um.

07.09.2010
15:26
Wenig Annäherung von Kampusch und Beckmann
von no Bahn | #17

#14 von wolke286 ,
Wenn ich so etwas mitgemacht hätte, könnte ich mich niemals so in den Medien präsentieren
Ich glaube nicht dass Sie auch nur annähernd sagen können, was Sie in der Situation getan hätten oder tun würden. Das Verhalten von Fr. K. zu kommentieren oder zu bewerten ist einfach anmassend und arrogant. Damit meine ich Sie jetzt nicht persönlich, sondern als allgemeine Kritik gedacht. Nach dem was diese Frau durchgemacht hat (soweit wir das wissen) gönne ich ihr jeden Cent!

07.09.2010
13:54
Wenig Annäherung von Kampusch und Beckmann
von mccabe | #16

Beckmann ist und bleibt ein eitler und geckenhafter Kasper, der so gut wie nichts halbwegs sachlich gebogen bekommt.

07.09.2010
13:38
Wenig Annäherung von Kampusch und Beckmann
von Karlstadt | #15

sobald beckmann oder sein klon kerner auf dem monitor erscheinen, kann man getrost umschalten. wer diese beiden schaumschläger eigentlich eingestellt hat, gehört geteert und gefedert.

07.09.2010
13:09
Wenig Annäherung von Kampusch und Beckmann
von wolke286 | #14

@genws: mag sein, dass Frau Kampusch damals keine Möglichkeit hatte, eine Schule zu besuchen und eine Ausbildung zu machen. Aber das hätte sie in der Zwischenzeit auch nachholen können, oder? Für mich ist das die reinste Geldabzockerei. Wenn ich so etwas mitgemacht hätte, könnte ich mich niemals so in den Medien präsentieren.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/3663678/create

Aktuelle Fotos und Videos
Musiker im ESC Finale
Bildgalerie
ESC 2012
Tanz-Queen Magdalena Brzeska
Bildgalerie
Let's Dance
Roman Lob in Baku
Bildgalerie
ESC 2012
ESC-Delegations-Party
Bildgalerie
ESC 2012
Aus dem Ressort
"Monpti" - eine Hommage an die große Romy Schneider
Fernsehen
30 Jahre nach ihrem Tod widmet 3sat der großen Schauspielerin ein Filmreihe. „Sissi“ ist nicht dabei, aber die Reihe spiegelt die Schaffenskraft wider. Los geht es am Sonntagabend mit „Monpti“, einem Film aus den 50er Jahren.
RTL II bestreitet, für Übertreibungen gezahlt zu haben
„Gangster“-Doku
Nach einem RTL-II-Bericht über angebliche Gangster und Gewalt in Hochheide widerspricht der Fernsehsender den Vorwürfen der gefilmten Jugendlichen. RTL II habe kein Geld bezahlt, um übertriebene Aussagen zu erhalten. Die Produktionsfirma habe lediglich „Motivkosten“ erstattet.