Warum Podcasts wie "Serial" in den USA bei den Hörern boomen

Dem Marktforschungsunternehmen Edison zufolge haben 39 Millionen US-Amerikaner im vergangenen Monat einen Podcast gehört.
Dem Marktforschungsunternehmen Edison zufolge haben 39 Millionen US-Amerikaner im vergangenen Monat einen Podcast gehört.
Foto: Jens Kalaene/ dpa
Was wir bereits wissen
Januar 1999, ein Mord in Baltimore, wenige Beweise und ein schnell gefasster Verdächtiger: Das ist die Ausgangslage von "Serial", einer Dokumentar-Serie, die von ihren Fans in den USA jede Woche gebannt verfolgt wird. Das Besondere: "Serial" ist nur zum Hören.

New York.. Wer hat Hae Min Lee ermordet? Am 13. Januar 1999 wurde die Highschool-Schülerin zum letzten Mal in Baltimore County im US-Bundesstaat Maryland gesehen. Einen Monat später fand man ihre Leiche in einem Park, mit bloßen Händen erwürgt. Zu einer lebenslangen Haftstrafe wurde damals ihr 17 Jahre alter Ex-Freund, Adnan Syed, verurteilt. Ein Freund hat ihn besonders belastet, aber Syed stritt die Tat immer ab.

Dass plötzlich überall auf der Welt Zehntausende sich für den Fall interessieren, ist das Verdienst von Sarah Koenig. Die US-Journalistin hat "Serial" geschaffen, eine Serie, die pro Staffel einen einzigen echten Kriminalfall näher untersuchen will.

Während dieses Konzept im Fernsehen bei Serien wie "True Detective" nicht neu ist, verantwortet Koenig mit "Serial" etwas Besonderes: Die Serie ist ein Podcast, also eine Hör-Serie zum Anhören und Runterladen im Internet, auf Smartphones oder im Auto.

Jeden Donnerstag erscheint eine neue Folge, die zuverlässig bei den iTunes-Downloadcharts auf dem ersten Platz landet - selbst in Deutschland. Laut Angaben der Produzenten wird jede Episode rund eine Million Mal heruntergeladen.

"Serial" ist Ergänzung zur Sendung "This American Life"

Das könnte auch am ungewöhnlichen Stil der Sendung liegen: Koenig berichtet persönlich, fällt kein Urteil und weiß nach eigener Aussage selbst nicht, wer der Täter ist. Im Internet hat sich längst eine Fan-Szene rund um die Show gebildet. In Foren werden die neuen Hinweise diskutiert, auf der Webseite zum Podcast können die Hörer Straßenkarten, Briefe oder Handy-Protokolle der Beteiligten nachlesen.

TV-Serien Selbst David Carr, Medien-Kritik-Urgestein der "New York Times" ist voller Lob: "Wer war's? Sarah Koenig war's", schrieb er bei Twitter. "Wenn Sie nicht "Serial" hören, verpassen sie nicht nur bemerkenswerte Einblicke in einen Mordfall, sondern auch in die Kunst der Reportage."

"Serial" ist eine Ergänzung zur Sendung "This American Life", einem der erfolgreichsten Formate im öffentlich-rechtlichen National Public Radio (NPR). Das in den USA vor allem durch Spendengelder finanzierte Radio macht seit längerem mit mutigen und angesichts der Downloadzahlen sehr erfolgreichen Shows auf sich aufmerksam.

Audio-Serien erleben einen Boom

Auch "This American Life" geht neue Wege und bietet als einstündige Sendung zu einem einzigen Thema eine bunte Mischung aus Reportagen, Kurzgeschichten und Essays. Rund 1,8 Millionen Hörer hat die Sendung, den Podcast lädt sich noch einmal eine halbe Million Menschen herunter.

Ähnlich erfolgreich sind "Startup", eine Show, in der Moderator Alex Blumberg sein eigenes Podcast-Unternehmen gründet oder "Planet Money" mit mitreißenden Berichten über Finanzthemen. All das sorgt dafür, dass einige Zeitschriften längst von der "Renaissance von Podcasts" schreiben.

Die längst totgeglaubten Audio-Serien erleben einen echten Boom. "Die Leute springen auf den Zug auf, seit sich Audio zu einem jederzeit verfügbaren Medium entwickelt", sagt Alex Blumberg. Dem Marktforschungsunternehmen Edison zufolge haben 39 Millionen US-Amerikaner im vergangenen Monat einen Podcast gehört.

Die meisten Menschen hören Podcasts im Auto

Die Gründe dafür sind vielfältig. Während viele Sendungen früher einfache Talk-Formate zum letzten Baseball-Spiel waren, erfüllen die Erfolgsformate heute hohe Standards und klingen beinahe wie Hörspiele.

Gleichzeitig bleiben die Kosten im Vergleich zu TV-Produktionen weit überschaubarer und die Formate sind für Werbefirmen attraktiver, weil die Zuhörer nicht umschalten. Doch der größte Verbündete für die Podcaster ist die Automobilindustrie.

Im Auto hören immer noch die meisten Menschen Radio, 91 Prozent aller US-Amerikaner über 12 Jahren, laut den Forschern von Nielsen Audio. Diese Gruppe kann nun dank immer mehr Fahrzeugen mit Anschlüssen für Smartphones oder sogar eigenem Netzzugang auch Podcasts einfacher hören.

Für die "Serial"-Autorin Sarah Koenig ist das beinahe ein Problem, denn der Fall in Baltimore County ruft inzwischen auch Hobby-Ermittler auf den Plan, die den Personen aus der Sendung auf die Pelle rücken. "Das sind echte Menschen, mit ihren Familien und Leben, die mir ihre Informationen anvertraut haben", erklärt sie mit Blick auf die vielen Gerüchte und Mutmaßungen rund um den Tod von Hae Min Lee. "Das macht mich nervös." (dpa)