Warum deutsche Fernsehshows keine Straßenfeger mehr sind

"Wetten, dass..?" mit Frank Elstner: Sechs Jahre lang moderierte er die Show, die er selbst erfunden hatte. Ende dieses Jahres gibt es die letzte Ausgabe - mittlerweile mit Markus Lanz.
"Wetten, dass..?" mit Frank Elstner: Sechs Jahre lang moderierte er die Show, die er selbst erfunden hatte. Ende dieses Jahres gibt es die letzte Ausgabe - mittlerweile mit Markus Lanz.
Foto: ZDF/dpa
Was wir bereits wissen
Früher war im Fernsehen alles anders. Shows waren Straßenfeger, sie galten als Nonplusultra der Unterhaltung. Inzwischen sieht das ganz anders aus. Der letzte Klassiker "Wetten, dass..?" wird Ende des Jahres beerdigt. Castingsshows wie "Rising Star" zünden nicht mehr. Aber woran liegt das?

Berlin.. "Auf Los geht's los" mit dem vergangene Woche gestorbenen Joachim Fuchsberger, "Wünsch Dir was" mit dem im Juli gestorbenen Dietmar Schönherr, "Dalli Dalli" mit dem unvergessenen Hans Rosenthal oder auch Shows mit Rudi Carrell ("Am laufenden Band"), Peter Frankenfeld ("Musik ist Trumpf") oder Hans-Joachim Kulenkampff ("Einer wird gewinnen"): Die goldene Ära der Fernsehshows mit vielen Millionen Zuschauern ist lange vorbei. Heute schwächeln Shows im deutschen Fernsehen. Ein TV-Format ist in der Krise.

Jüngstes Beispiel ist etwa das frühzeitige Aus der aus Israel importierten App-Show "Rising Star", die RTL wegen enttäuschender Quoten am Donnerstag nach sieben statt geplanten zehn Folgen beendet.

"Niemals wieder hatte man in späteren Jahren solch ein sicheres Gefühl, zu einem bestimmten Zeitpunkt genau das Richtige zu tun" - Sätze wie dieser über "Wetten, dass..?" in den 80er Jahren, geschrieben von Florian Illies im Kindheitsnostalgie-Bestseller "Generation Golf", gehören der Vergangenheit an. Heute sitzt die ganze Familie so gut wie gar nicht mehr gemeinsam vor dem Bildschirm.

Castingshow Bekannte Erfolgsmuster ermüden den Zuschauer

Stattdessen: Nimmt das ZDF "Wetten, dass..?" zum Jahresende nach 33 Jahren aus dem Programm. Vor wenigen Jahren - mit Thomas Gottschalk - hatte die Samstagabendshow noch zuverlässig mehr als zehn Millionen Zuschauer pro Ausgabe. Dann kam Markus Lanz und der Quotenabsturz. Am 4. Oktober kommt die Show aus der Sommerpause zurück. Noch drei Ausgaben soll es geben. Im Dezember ist mit der 215. Show Schluss.

Zurzeit floppt vieles: Das Publikum missbilligt neue Shows. Das bekam dieses Jahr neben RTL mit "Rising Star" auch schon die ARD mit Jörg Pilawa ("Sing wie Dein Star", "Quizonkel.TV") zu spüren sowie das ZDF etwa mit Michelle Hunziker ("Die große Überraschungsshow"), aber auch ProSieben ("Millionärswahl", "Keep Your Light Shining").

Die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Bleicher meint: "Die derzeitige Quotenkrise diverser Showformate basiert auf dem ständigen Wiederaufbereiten sattsam bekannter Erfolgsmuster und fehlenden Innovationen. Senderübergreifend werden die immer gleichen Formate recycelt, was zu Ermüdungserscheinungen bei den Zuschauenden führt." Insbesondere Castingshows seien davon betroffen.

Idee der Musik-Castingshow ist abgenudelt

Der Branchendienst "Meedia" sieht das ähnlich: "Mit "The Voice of Germany" erlebte das Genre eine kurze Renaissance, aber "Keep Your Light Shining" und "Rising Star" zeigen deutlich, dass die Idee der Musik-Castingshow abgenudelt ist." "Deutschland sucht den Superstar" sei zum Beispiel "längst mehr Trash-Soap statt Musikshow", "Das Supertalent" sei "ein permanent übergeigtes TV-Kuriositätenkabinett".

Medien-Expertin Bleicher ergänzt, selbst die seit Jahren andauernde Ausdifferenzierung des Zielpublikums habe wenig echte Innovationen hervorgebracht. "Senioren werden nach wie vor mit Volksmusikshows adressiert, junge Zuschauer dürfen sich am televisionären Kindergeburtstag "Halli Galli" oder an den Wettkämpfen von "Schlag den Raab" erfreuen."

Zwar gebe es ein Interesse an neuen Show-Ideen, doch etwa die Einbeziehung des Internets sei trotz App-Shows eher halbherzig und befinde sich immer noch in den Kinderschuhen.

Nachruf Klassische Shows gelten als Hort inszenierter Gefühle

Doch vielleicht ist es auch anders und die Show-Krise hat eben genau mit dem Internet und der wachsenden Bedeutung des virtuellen Lebens und sozialer Netzwerke zu tun. Dann nämlich wäre die These, dass sich das Publikum von Shows abwendet, weil es statt geleckter Moderatoren, pompöser Bühnen und Showtreppen eine Sehnsucht nach wahren Emotionen hat, wie sie zum Beispiel der Fußball bedient.

Absurderweise wird das Bedürfnis nach dem echten Leben vor allem von fiktionalen Filmen oder Sendungen wie dem Dschungelcamp "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" (RTL) erfüllt, in dem Promis entzaubert werden.

In die gleiche Kerbe schlug - mit relativ ordentlichem Zuschauerspruch - jüngst auch "Promi Big Brother" auf Sat.1. Klassische Shows in künstlichem Hallen- oder Studio-Ambiente gelten dagegen als Hort inszenierter Gefühle.

Als einziges Format im deutschen Fernsehen kommt der ARD-Sonntagskrimi "Tatort" noch regelmäßig auf eine Zuschauerzahl um die zehn Millionen - wohl auch deshalb, weil der Krimiklassiker den Anspruch hat, reale gesellschaftliche Konflikte aufzugreifen. (dpa)