Voyeurismus, Ekel, Macht: Darum schauen wir das Dschungelcamp

Auch wenn die aktuelle Staffel von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" als eher langweilig gilt, die Zuschauer schalten trotzdem ein. Warum das Format so erfolgreich ist, erklärt Medienpsychologe Dr. Michael Gestmann im Interview.

Alle Jahre wieder bestimmt im Januar das Dschungelcamp für zwei Wochen die Schlagzeilen. Warum so viele Menschen einschalten und was die Kandidaten antreibt und am Ende davon haben, erklärt Dr. Michael Gestmann, Geschäftsführer der PR-Agentur Dr. Gestmann %26 Partner in Bonn, im Interview mit spot on news. Der promovierte Medienpsychologe ist u. a. spezialisiert auf Personality PR und Imageberatung.


Warum weckt das Dschungelcamp jedes Jahr wieder so großes Zuschauerinteresse?


Michael Gestmann: Der Erfolg dieses TV-Formats beruht darauf, dass es verschiedene menschliche Bedürfnisse befriedigt. Beispielsweise Voyeurismus, Schadenfreude und Ekel. Die Zuschauer wollen sehen, wie sich die Kandidaten im Dschungel selbst erniedrigen und wie sie die ekeligsten Aufgaben lösen müssen. Viele Zuschauer empfinden sogar sadistische Gefühle, wie inzwischen Studien belegen. Auch Machtgefühle spielen eine wichtige Rolle, da es die Zuschauer in der Hand haben, welche Kandidaten rausfliegen und welche nicht. Ergänzt durch Erotik und Skandal bringt dieser Gefühlsmix die Leute zum Einschalten.


Die aktuelle Staffel gilt als eher langweilig.


Gestmann: Das Dschungelcamp polarisiert seit der ersten Staffel. Die einen finden es super, die anderen halten es für nur peinlich. Diese widerstreitenden Meinungen sorgen dafür, dass dieses Format immer Gesprächsstoff ist, sei es im Büro oder in Gesprächen mit Freunden und Bekannten. Es ist so oder so ein Aufreger. Die aktuelle Staffel gilt zwar als langweiliger als die vorausgehenden. Kritisiert wird beispielsweise die Kandidatenauswahl durch RTL. Doch das begleitende Medieninteresse war trotzdem nie höher. Selbst Medien wie "Spiegel online" berichten kontinuierlich. Die mediale Aufmerksamkeit ist somit extrem hoch und derzeit unabhängig vom wirklichen Geschehen im Camp..


Was bringt die Kandidaten dazu, sich darauf einzulassen?


Gestmann: Manche Kandidaten treibt ein finanzielles Interesse. Das stärkste Motiv dürfte aber der Wunsch sein, öffentliche und mediale Aufmerksamkeit zu bekommen. Es ist ein Deal auf Gegenseitigkeit: Die Medien bieten die begehrte Aufmerksamkeit, die Teilnehmer die Storys. Manchen Kandidaten scheint unzureichend bewusst zu sein, dass sie im Dschungelcamp und im medialen Haifischbecken verfüttert werden - zur Belustigung des Publikums.


Die Aufmerksamkeit ist doch meist nur sehr kurz?


Gestmann: Die Aufmerksamkeitseffekte halten tatsächlich nur sehr kurz an. Denn das Medien-Spektakel benötigt immer wieder neue Themen und Personen, die in den medialen Schraubstock gespannt werden. Doch mehr als die berühmten Warholschen 15 Minuten Ruhm ist für die meisten B- und C-Promis nicht drin. Die mediale Aufmerksamkeit ist nun mal extrem flüchtig.


Walter Freiwald sorgt im Moment für die meisten Schlagzeilen.


Gestmann: Freiwald scheint einen extrem hohen Handlungsdruck zu haben. Er hat für sich offenbar die Chance erkannt, die Konkurrenten zu übertrumpfen und vorrangig sich in die Medienöffentlichkeit zu spielen. Sein Verhalten resultiert sicherlich aus einer bewusst gewählten Inszenierungsstrategie. Ob sich diese für ihn auch nach Staffelende auszahlen wird, ist zu bezweifeln. Selbst als "King of the Jungle" dürfte er aufgrund der Schnelllebigkeit unserer Zeit schnell aus der kollektiven Wahrnehmung geraten und vergessen werden. Außer es gelingt ihm, sich mit neuen Aktionen in die (Medien-)Öffentlichkeit zu pushen.


Läuft sich so ein Format irgendwann tot?


Gestmann: Die Gefahr bestünde, wenn das Format zu häufig liefe. Dies ist aber nicht der Fall. Interessant ist, dass nie zuvor so viele Medien das Geschehen im Dschungelcamp begleitet haben wie aktuell. Und das sorgt dafür, worum es allen Beteiligten in erster Linie geht: Aufmerksamkeit. Die RTL-Macher werden sicherlich die Kritik, etwa in Bezug auf das Casting und das passive Verhalten der Kandidaten, ernst nehmen, damit das Dschungelcamp für die Zuschauer weiterhin attraktiv bleibt. Solange die Quote stimmt, bleibt uns dieses Format sicherlich weiterhin erhalten.

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