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„Überall ist Blut“

15.02.2010 | 19:02 Uhr
„Überall ist Blut“

Brüssel„ Selbst für erfahrene Helfer ist der Anblick nur schwer zu ertragen. „Hier liegen Tote, Verletzte – überall ist Blut“, sagt eine Sanitäterin vom Roten Kreuz. „So etwas habe ich noch nie gesehen. Es ist einfach schrecklich.“

Sie hat einer Passagierin unter die Arme gefasst, die sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Der Kopf der Frau steckt unter einem riesigen Verband, rote Spuren ziehen sich von der Wunde über ihrer Stirn bis hinunter zum Kinn, ihr Blick ist starr nach vorne gerichtet. Die Sanitäterin führt sie vorsichtig über den vereisten Gehweg, hinein in den Bahnhof, wo bereits andere Verletzte auf Bänken und Stühlen sitzen.

Auch Stunden nach dem schweren Zugunglück in der belgischen Stadt Halle bei Brüssel gleicht der winzige Bahnhof einer Notaufnahme-Station. In einem Raum verbinden Ärzte unentwegt Arme und Beine, geben Infusionen und messen Blutdruck. Auch vor dem Gebäude haben die Helfer Zelte aufgebaut, um die Verletzten zu versorgen. Das Sirenengeheul der Unfallwagen bricht nicht ab.

„Im ersten Waggon sind alle tot“, schluchzt ein Mann. „Das wissen wir noch nicht genau“, versucht ihn ein Arzt zu beruhigen. Doch die Opferzahlen steigen stündlich. Gegen Mittag meldet die Brüsseler Staatsanwaltschaft bereits zwischen acht und 20 Tote. Der Bürgermeister von Halle, Dirk Pieters, spricht später von mindestens 20 Todesopfern, die Zahlen ändern sich, je mehr man ins Innere der zerstörten Waggons vordringt.

Außerdem soll es mehrere Dutzend Schwerverletzte geben, wird gemeldet, die nach und nach in die umliegenden Krankenhäuser gebracht werden, darunter auch ein Kind. Sanitäter erzählen von Notamputationen am Unglücksort, von Leichen und von furchtbaren Verstümmelungen; weit mehr als 100 Menschen kommen mit leichteren Verletzungen davon. Sie werden in einem nahe liegenden Sportzentrum versorgt. Notfallseelsorger helfen den Überlebenden, die grausamen Bilder zu verarbeiten.

Das Unglück hatte sich gegen 8.30 Uhr ereignet, die Menschen waren auf dem Weg zur Arbeit in die Hauptstadt, und die beiden Pendlerzüge mit bis zu 300 Fahrgästen bis auf den letzten Platz gefüllt, als sie plötzlich frontal ineinander rasten.

Viele Passagiere hatten Zeitung gelesen oder ein Nickerchen gehalten, als sie aus ihren Sitzen geschleudert wurden. Einer der beiden Lokführer habe ein Stoppsignal übersehen, heißt es später. Womöglich spielte auch das Wetter eine Rolle: Am frühen Morgen hatte es in Belgien so stark geschneit, dass die Sicht stark eingeschränkt war.

Hunderte Meter vom Bahnhof entfernt versuchen Rettungsmannschaften auch am Mittag noch, Menschen aus den schwer beschädigten Waggons zu holen. Dichter Schnee treibt über die Gleise und erschwert den Helfern die Arbeit. Die Unglückszüge sind ineinander verkeilt, die Wucht des Aufpralls war so groß, dass die ersten Wagen nach oben gedrückt wurden, darunter hat sich ein weiterer geschoben. Einige Waggons sind umgekippt und liegen auf dem Gleisbett.

„Es ging alles ganz schnell, plötzlich gab es einen Knall, ich wurde nach vorne geschleudert und dann war alles still“, erzählt Joseppe B., der das Unglück mit einigen Schrammen überstanden hat und nun die Bergungsarbeiten beobachtet. Feuerwehrmänner schieben Trümmer um Trümmer beiseite, doch sie können sich nur langsam vorarbeiten.

Zwischen Brüssel und dem Südwesten des Landes kommt der Zugverkehr komplett zum Erliegen. Auch die Hochgeschwindigkeitsstrecken nach London, nach Deutschland und in die Niederlande sind unterbrochen.

Es ist das schwerste Zugunglück in Belgien seit neun Jahren, damals war ein Zug auf einem falschen Gleis gefahren und in einen anderen geprallt, neun Menschen kamen dabei ums Leben. Belgiens Ministerpräsident Yves Leterme bricht noch am Vormittag eine Balkanreise ab, um zum Unglücksort zu reisen.

Erst am frühen Nachmittag beginnen die Helfer, die Leichen aus den verunglückten Zügen zu bergen. Zuvor hatten sie sich ausschließlich um die Verletzten gekümmert. Ein Helfer sagt: „Das ist ein Alptraum, den man nie vergisst.“

Katrin Teschner

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