Das aktuelle Wetter NRW 22°C
ARD

Twitter und Facebook beflügeln Quoten vom „Tatort“

31.05.2013 | 14:06 Uhr
Die Schauspieler Nina Kunzendorf als Kommissarin Conny Mey und Joachim Krol als Kommissar Frank Steier des Frankfurter "Tatort". Das Duo war ein starkes Team. Jetzt soll es Margarita Broich für die Frankfurter richten.Foto: Malte Christians

Köln.   Der „Tatort“ im Ersten surft auf einer Welle des Erfolges. „Tatort“-Koordinator Gebhard Henke vom WDR kennt die Gründe des Trends. Seine Analyse konzentriert sich auf junge Zuschauer und ihre Echtzeit-Kommunikation via Facebook und Twitter.

Der „Tatort“ surft auf einer Welle des Erfolges. Binnen kurzer Zeit übersprangen mehrere Episoden die magische Zehn-Millionen-Zuschauer-Marke. „Tatort“-Koordinator Gebhard Henke vom WDR versucht im Gespräch mit Jürgen Overkott eine Erklärung. Eine nicht unbedeutende Rolle spielen dabei Internet-Phänomene wie Facebook und Twitter.

Der „Tatort“ mag ja eine Erfolgssträhne haben, aber Fußball-Krimis wie jüngst in Wembley funktionieren beim Publikum noch besser. Was haben die Kicker dem „Tatort“ voraus?

Gebhard Henke: Das kann ich Ihnen sagen: Ereignisse wie Wembley sind ganz selten (ich kann mich nicht daran erinnern, dass im Finale der Champions League je zwei deutsche Mannschaften gestanden haben), und der „Tatort“ kommt jede Woche. Und man muss das doch auch mal so sehen: Ja, Fußball ist, vor allem bei Welt- und Europameisterschaften, ganz weit vorn, und dann kommt erst mal nichts, und dann kommt schon der „Tatort“.

ARD
Münsteraner „Tatort“-Duo träumt von Kino-Film

Knapp 13 Millionen Zuschauer hat die jüngste Folge des „Tatorts“ Münster erreicht – Bestmarke. Kein Wunder, dass die beiden Hauptakteure – Jan Josef Liefers und Axel Prahl – jetzt nach Höherem streben: Sie wollen ins Kino.

Zugegeben, meine Frage war unfair.

Henke: Sie müssen sich nicht entschuldigen.

Doch, die Frage war unfair. Denn mit dem Stuttgarter „Tatort“ ist innerhalb von kurzer Zeit schon wieder einem Team gelungen, die Zehn-Millionen-Marke zu überspringen. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Henke: Ja. (Pause) Aber nicht wirklich. Der Erfolg kommt eben nicht aus dem Nichts.

Es gibt kein fiktionales Format, das seit 43 Jahren läuft

Es ist ein Trend.

Henke: Trotzdem kann ich nicht sagen, dass sich die Filme, die wir in diesem Jahr gezeigt haben, fundamental von denen aus dem Vorjahr oder denen von vor fünf Jahren unterscheiden. Meine Erklärung für den Trend ist: Der „Tatort“ steht für Kontinuität. Es gibt eben sonst kein (fiktionales, Red.) Format, dass schon seit 43 Jahren zu sehen ist, und diese Aura, die die Reihe umgibt, scheint so interessant zu sein, dass gerade die Jüngeren immer mehr den „Tatort“ entdecken.

Und nicht nur die.

Henke: Wir wissen, dass Männer wie Frauen die Reihe interessant finden, Menschen unterschiedlicher Altersklassen und auch unterschiedlichen Bildungsgrades. Der „Tatort“ kommt schon so lange, kommt regelmäßig und ist trotzdem modern.

Der „Tatort“ hilft, das Leben zu strukturieren.

Henke: Wie die „Sportschau“ und die „Tagesschau“. Aber dass der „Tatort“ so erfolgreich ist, hat niemand von uns vorgesehen, obwohl wir uns ja alle viel Mühe geben, unsere Sache gut zu machen. Wir beide haben vor einiger Zeit mal darüber gesprochen, ob die gewachsene Zahl der Teams nicht zu einer Unübersichtlichkeit führt, die das Publikum nicht mag. Aber ich kann Ihnen sagen: Der „Tatort“ macht uns im Augenblick einfach nur große Freude. Ob Til Schweiger oder Wotan Wilke Möhring: Die neuen Ermittler werden ja gefeiert, als wenn ein Bundesliga-Club einen neuen Spieler vorstellt.

Es müssen nicht immer die ganz schnellen Schnitte sein

Aber Tradition könnte man auch gegen den „Tatort“ wenden. Es gibt ja neben dem „Tatort“ nur noch zwei weitere Lagerfeuer: die „Sportschau“ und die „Tagesschau“. „Wetten, dass..?“ glüht nur noch auf kleiner Flamme.

Henke: Schon. Aber beim „Tatort“ ist zu beobachten, das auch Jüngere im Hinblick auf Rituale konservativ sind. Die Jüngeren wollen gar nicht immer etwas Neues, und es müssen auch nicht immer die ganz schnellen Schnitte sein. Viele von ihnen haben Spaß an klassischer Krimi-Kultur.

Das war aber nicht immer so. In den 90ern steckte der „Tatort“ in der Krise. Womit hat das Erste die Trendwende geschafft?

Henke: Das habe ich gar nicht so erlebt. Aber gut, einen Erosionsprozess hat es damals gegeben. Diese Entwicklung hat mit dem Aufkommen der privaten Konkurrenz zu tun, in den 90ern hat sich das gesetzt. Das Fernsehspiel und der Fernsehfilm waren damals verunsichert. Aber ich finde nicht, dass sich das in der nachlassender Qualität der Produkte niedergeschlagen hat.

Die Tatort-Kommissare

Der „Tatort“ aus Münster lockte das junge Publikum

Gut, aber wodurch hat sich der Trend gedreht?

Henke: Was ich beobachtet habe (ich kann es allerdings nicht wissenschaftlich belegen): Der „Tatort“ Münster war der erste, der einen jüngeren Altersdurchschnitt hatte. Prahl und Liefers waren anfänglich normal erfolgreich. Und ich habe ich bei meinen eigenen Kindern beobachtet, dass sie mich Tage nach der Erstausstrahlung ansprachen, ob ich ihnen eine DVD der Folge geben könne. Diese Entwicklung hat etwas mit dem Internet zu tun. In der Vor-Facebook-Zeit wurde der „Tatort“ in Foren diskutiert, oft mit dem Tenor: Das war geil. Und dieser Trend hat sich derart verstetigt, dass es heutzutage doch vielerorts so ist, wer den „Tatort“ nicht gesehen hat, kann am Montag danach gar nicht mehr mitreden. Egal ob man die Episode gut oder schlecht fand: Die Kommunikation darüber ist genauso wichtig wie das Objekt der Begierde.

Tatort
So sieht's beim Tatort-Dreh am Phoenixsee aus

Die Leiche einer 16-jährigen Schülerin wird aus dem Phoenix-See gefischt — so beginnt die dritte Dortmunder "Tatort"-Folge. Wir zeigen erste Fotos vom "Grenzgänger"-Dreh in Hörde!

Die Kommunikation im Netz läuft häufig über Twitter und Facebook. Welche Impulse nehmen die „Tatort“-Macher auf?

Henke: Das ist nicht neu, dass sich Zuschauer an uns wenden; früher gab es Briefe. Ich kann immer wieder nur sagen: Das Publikum ist hochkompetent. Wobei ich sagen muss, dass das jüngere Publikum noch kompetenter als das ältere ist, weil junge Leute oft sehr filmgebildet sind. Sie kennen viele ausländische Formate, sie erkennen Fehler, bei den Dialogen, bei der Ausstattung, bei den Szenen-Anschlüssen. Selbst wenn die Kommentare einmal böse sind, zeugen sie letzten Endes von einer großen Zuwendung und Liebe zum Objekt. Andererseits sind die Meinungen zu einem Fall immer geteilt: Der eine findet Privatgeschichten der Fahnder blöd, der andere ist gegenteiliger Ansicht.

Spannend, wie sich die Erfurter und die Dortmunder machen

Tatort
Einfach Kult - der Tatort

Der Tatort ist längst zur Institution in deutschen Wohnzimmern geworden. Auch das Ruhrgebiet hat seinen eigenen Tatort in Dortmund. Alle Informationen rund ums Thema finden Sie hier.

In welche Richtung entwickelt sich der „Tatort“?

Henke: Die Mischung aus bekannten und neuen Teams stimmt. Jetzt kommen noch die Erfurter dazu, und die Frankfurter konzentrieren sich nach dem Abschied von Joachim Król mit Margarita Broich auf ein neues Team. Persönlich spannend finde ich, wie sich die Erfurter und auch die Dortmunder machen: Bei beiden sind die Teams größer als zwei. Ansonsten ist es so, dass die Redaktionen die „Tatorte“ in großer Autonomie erstellen. Ich selbst sehe die Filme auch oft erst dann, wenn sie fertig sind.

Tatort
ARD rechtfertigt Werbe-Einblendungen für Jauch im Tatort

Gute Story, gute Darsteller, gute Noten: Twitterer fanden viel Lob für den Kölner Tatort "Trautes Heim". Doch so richtig glücklich sind die Krimi-Fans trotzdem nicht: Die Senderverantwortlichen minderten das Tatort-Vergnügen mit nervigen Werbeeinblendungen für Günther Jauchs Talkshow.

Ein großer TV-Trend sind amerikanische Serien. Übt der Erfolg bei Publikum und Kritik so etwas wie kreativen Druck auf den „Tatort“ aus?

Henke: Na ja, diese Diskussion führe ich nicht mit Zuschauern, sondern muss ich mit Journalisten und meinen Filmstudenten führen. Wir werden in Amerika oft beneidet. Erstens, die Amerikaner mögen Serien haben, aber haben nicht die Tradition des qualitätsvollen Fernsehfilms wie wir, und zweitens werden wir von den Amerikanern oft darum beneidet, mit wie wenig Mitteln wir so opulente Filme machen. Aber ich finde die Debatte interessant. Und ich finde interessant, was HBO macht oder auch die Skandinavier. Und dennoch bleibe ich dabei: Wir sollten unseren eigenen Weg gehen. Diesen Ehrgeiz sollten wir uns nicht nehmen lassen.

Brillante Schauspieler plus Psychologie

Spaltet das Publikum: Kommissar Faber (Jörg Harmann) vom Dortmund-Team.

Gut, und dennoch: Jenseits von teurer Action stellen amerikanische Serien – von „CSI: New York“ bis „Criminal Minds“ - das Team in den Mittelpunkt der Ermittlungen, mit flacher Hierarchie. Was der eine Ermittler sagt, nimmt der andere auf und führt es weiter.

Henke: Genau das machen wir beim Dortmunder Team. Wir stellen die Beziehungen der Team-Mitglieder bei der Arbeit in den Mittelpunkt; ihr Privatleben spielt keine autonome Rolle. Aber letztlich stehen wir auch da in der Tradition des „Tatortes“: Wir setzen auf brillante Schauspieler und eher auf Psychologie als auf Action.

Der zweite Dortmund-"Tatort"
40 Jahre Tatort

Jürgen Overkott


Kommentare
31.05.2013
15:49
Twitter und Facebook beflügeln Quoten vom „Tatort“
von Ex-Ruhrgebietler | #1

Man könnte auch sagen: Via Facebook und Twitter wird den Internetkindern eingeredet das Tatort gefälligst als Kult zu behandeln ist.

Und dem Fernsehmenschen muß ich widersprechen: Es gibt nicht jede Woche Tatort, sondern JEDEN TAG. Permanent wird auf allen dritten Programmen irgendeine Folge wiederholt, man könnte manchmal meinen ohne Tatort müßten die wieder das Testbild senden. Vielleicht schafft man es ja irgendwann wieder Leute einzustellen deren Kreativität weiter reicht als das 257. Tatort-Team neu aus der Taufe zu heben...

Aus dem Ressort
Peter Kloeppel gibt Chefredaktions-Posten bei RTL ab
RTL
Zehn Jahre lang stand Peter Kloeppel an der Spitze von RTL. Jetzt gibt der 55-Jährige den Posten des Chefredakteurs ab. Damit wolle er sich einen großen persönlichen Wunsch erfüllen und in Zukunft mehr Zeit in den USA verbringen. Er bleibt aber Chefmoderator von "RTL Aktuell".
ARD lässt Show-Format "Tim Mälzer kocht!" auslaufen
Koch-Show
Nach fünf Jahren ist Schluss für die Koch-Show "Tim Mälzer kocht!". Am 23. August zeigt die ARD die letzte Folge. Doch der TV-Koch bleibt. Ab Herbst ist er mit "Der Montags-Check im Ersten" und bis Jahresende mit zwei weiteren Folgen der Show "Der Lebensmittel-Check mit Tim Mälzer" zu sehen.
Duisburgerin nimmt an Neuauflage von "Deal or No Deal" teil
TV-Show
"Deal or No Deal" ist zurück im Fernsehen. Die Show-Neuauflage wird am Mittwoch um 20.15 auf Sat.1 ausgestrahlt. Mit dabei ist die Duisburgerin Hülya Güzel. Wie viel sie abgesahnt hat, darf sie nicht verraten. Das war auch nur zweitrangig. Viel wichtiger: Wie war denn nun Wayne Carpendale?
Medien, Macht und Sex – Parade-Rolle für Matthias Brandt
ARD
Ihm gelingt momentan alles: Matthias Brandt ist der Schauspieler der Stunde, ganz gleich ob als Kommissar im „Polizeiruf 110“ oder als machtbewusster Medienmann, an diesem Mittwoch in der ARD. Doch als ihm ein ganz hohes politisches Amt winkt, gerät er in die Mühle seiner eigenen Branche.
ZDF liegt im Quotenrennen vor der ARD auf Platz eins
TV-Quoten
Die Klinikserie "In aller Freundschaft" ist für die ARD nach wie vor eine sichere Bank. Im Vorprogramm hat Harald Krassnitzer als Mediator allerdings mit einer bröckelnden Quote zu kämpfen. In der Jahresbilanz ist das ZDF auf dem ersten Platz. Die ARD belegt Platz zwei.
Umfrage
Neue Runde in der Affäre Schavan: Norbert Lammert sagt seine Rede an der Uni Düsseldorf ab. Ist das angemessen als Bundestagspräsident?

Neue Runde in der Affäre Schavan: Norbert Lammert sagt seine Rede an der Uni Düsseldorf ab. Ist das angemessen als Bundestagspräsident?

 
Fotos und Videos
Glaskasten für Galileo angeliefert
Bildgalerie
TV-Experiment
The Voice Kids
Bildgalerie
Unterhaltung
Alle 26 Platzierungen
Bildgalerie
ESC 2014
Conchita für Österreich
Bildgalerie
ESC 2014