„True Detective“ - kaputte Ermittler und ein bizarrer Mord

Bei "True Detective" spielt Colin Farrell Detective Ray Velcoro.
Bei "True Detective" spielt Colin Farrell Detective Ray Velcoro.
Foto: Imago
Was wir bereits wissen
"True Detective" startet mit einer neuen Staffel. Fans erwarten kaputte Ermittler, ein bizarrer Ritualmord, Psychopathen und geldgierige Hintermänner.

Washington.. Der Chef hat sie gefeuert. Das Finanzamt will Nachzahlungen für die letzten drei Jahre. Die verzogenen Stiefkinder haben Zucker in den Tank ihres geliebten Cabriolets geschüttet. Und die Gattin ist mit dem 20 Jahre jüngeren Lover für immer nach Bora Bora ausgewandert: Man muss sich nicht zwingend in die mit solcher Unbill verbundene finstere Gemütslage hineinphantasieren, um für den Start der zweiten Staffel der preisgekrönten HBO-Fernseh-Serie „True Detective“ (Start Sonntag, 21. Juni, parallel zur US-Premiere im Bezahlsender Sky Go) mental gerüstet zu sein. Aber es hilft vielleicht.

War der für 12 Emmys nominierte Erstling mit den psychisch oft bis zum Schlüsselbein in den Sümpfen Louisianas steckenden Ermittlern Rust Cohle (Matthew McConaughey) und Martin Hart (Woody Harrelson) schon ein krasses Beispiel für konsequent inszenierten Nihilismus, so kommt der in den industriellen Siedlungsfraß von Los Angeles County verlegte Nachfolger noch dreckiger und hoffnungsloser daher. Joseph Conrads Herz der Finsternis ist gegen diesen Erzählstrang ein Ohnesorg-Komödienstadl. Nach den ersten drei von acht einstündigen Folgen, mit mehr wollte Serienerfinder Nick Pizzolatto die Kritik nicht anfüttern, möchte man zur Entgiftung nur noch alte „Lassie“-Folgen gucken. Oder Flipper.

Soziopathen-Trio zwischen Verfall und Korruption

Das Elend heißt Vinci (wie Leonardo da). Ein erfundenes Mini-Kaff von 100 Einwohnern und gefühlt 1000 verpestenden Industrie-Kraken, das dem real existierenden Vernon in Los Angeles County verdammt ähnlich sieht. In diesem von Verfall und Korruption durchsetzten Endzeit-Biotop ist jeder, ausnahmslos jeder, dritten Grades an der Seele verwundet, wunderlich oder ein Mistkerl.

Drama Detective Ray Velcoro (schmierig lauernd: Colin Farrell) hat den Vergewaltiger seiner Frau auf dem Gewissen, säuft wie ein Loch und fällt jedesmal hinein, wenn er seinen adipösen Sohn leiden sieht, weil die Mitschüler ihm die neuen Turnschuhe wegmobben. Detective Ani Bezzerides (rachefeenartig: Rachel McAdams) hat ihren esoterische Guru-Vater nie verwunden, ertränkt sich nach der Schicht ebenfalls in Hochprozentigem und hat immer drei bis sieben Messer dabei, falls ein Kerl sie unaufgefordert anfassen täte. „Er würde in einer Minute ausbluten.“ Das Soziopathen-Trio perfekt macht der Highway-Motorrad-Polizist Paul Woodrugh (sehr schön und sehr beschädigt im Kopf: Taylor Kitsch). Er hat als Soldat so unaussprechlich Schreckliches gesehen, dass es beim Zuschauen wehtut, wenn ihn die Erinnerungen anpacken.

Kaputte Ermittler und ein bizarrer Ritualmord

Gemeinsam werden sie zu einem sehr toten Mann gerufen, dem die Augen weggeätzt und das Gemächt mit der Schrotflinte weggeblasen wurde. Sein Ableben hängt mit einem millionenschweren Baugeschäft für eine neue trans-kalifornische Eisenbahnlinie zusammen, an das Gangster-Mini-Boss Frank Semyon (starr und kein bisschen witzig: Vince Vaughn) seine Rentenanwartschaft geknüpft hat. Jetzt noch ein bisschen Raymond Chandler, „Chinatown“ und David Lynchs „Eraserhead“ dazugeben, darüber Leonard Cohens kellertiefes „Nevermind“ legen - fertig ist die die neue Kult-Mischung: ungleiche, kaputte Ermittler, bizarrer Ritualmord, perverse Psychopathen, geldgierige Hintermänner.

Leider funkelt und glänzt es in Staffel zwei bei weitem nicht so beständig wie in dem faszinierend auf gegeneinander geschnittenen Erzählebenen angesiedelten Erstling. Auf Nietzsche-für-Cops-Monologe wie bei Rust Cohle wartet man vergebens.

Der vorläufig beste Satz stammt von Mobster Frank: „Tue nie etwas, weil du Hunger hast - nicht mal essen.“ True Detective II dreht sich um das, was sie in Amerika „White Trash“ nennen. Gesocks, widerliches. Trost spendet nur die musikalische Depri-Kulisse, hinter der sich wieder der genialische T Bone Burnett ins Fäustchen lacht. Allein für das hinreißende „The Only Thing Worth Fighting For” von Lera Lynn und Rosanne Cash lohnt sich das Einschalten. Gute Laune kriegt man davon aber auch nicht.