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Thomas Oppermann rettet Polit-Talk bei Anne Will vor Debakel

30.05.2013 | 09:19 Uhr
Thomas Oppermann rettet Polit-Talk bei Anne Will vor Debakel
Ausgerechnet am 20. Jahrestag des rechtsextremen Brandanschlags von Solingen wollte Anne Will in ihrer Talkshow darüber diskutieren, wie gefährlich radikale Muslime sind.Foto: Getty

Essen.  Der Polit-Talk von Anne Will war schon zum Scheitern verurteilt, bevor er  begonnen hat. Am 20. Jahrestag des  Solinger Brandanschlags diskutierte sie nicht etwa über Rassismus, sondern fragte, „wie gefährlich sind radikale Muslime?“ Ein Debakel wurde es trotzdem nicht – Thomas Oppermann sei Dank.

Man kann die Themenwahl unglücklich nennen. Oder schlichtweg taktlos. 20 Jahre nach dem rassistischen Brandanschlag von Solingen, bei dem fünf Menschen türkischer Herkunft starben, gibt es vieles, über das man hätte diskutieren können. Wie die Gesellschaft verhindern kann, dass immer mehr junge Menschen dem Salafismus verfallen, gehört an so einem Tag eher nicht dazu.

Der Aufhänger für das Thema „Allahs Krieger im Westen – Wie gefährlich sind radikale Muslime?“ schien denn auch arg gekünstelt: Vor dem Hintergrund der Attentate in Boston und London will Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich die Ausweisung von Hasspredigern erleichtern und so den Salafismus eindämmen – eine ultrakonservative Strömung innerhalb des Islams, deren Anhänger als gewaltbereit und militant gelten. Eine Scheinlösung für ein viel komplexeres Problem, wie Thomas Oppermann, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, fand.

Oppermann wirft Regierung Scheinheiligkeit vor

„Diese Leute sind überall auf der Welt gefährlich. Ausweisung allein ist keine Lösung“, sagte Oppermann, der hinter dem Vorstoß der Regierung reine Wahlkampftaktik vermutete. Vielmehr müsse man das grundsätzliche Problem angehen, das da heiße: „Wie verhindern wir die Radikalisierung junger Menschen?“ Und zwar in beiden Ausprägungen – Salafismus und Rechtsextremismus.

Ein Denkanstoß, für den sich die Redaktion des Polit-Talks bei ihm bedanken müsste. Schlug er doch zwei Fliegen mit einer Klappe: Der Brandanschlag von Solingen und damit die Erinnerung, dass „in Deutschland viel mehr Menschen durch fremdenfeindliche Gewalttäter zu Tode kommen als durch Salafisten“ (Oppermann), fiel thematisch nicht unter den Tisch; und er machte deutlich, dass beide Ideologien die selbe Frage aufwerfen: Wie kann man Jugendliche vor ihnen schützen?

CSU-Politiker Joachim Herrmann liefert nur Plattitüden

Dass politische Talkshows mit ihrer Diskussionskultur aus Geschrei und Gezeter fundierte Antworten liefern könnten – dieser Illusion gibt sich wohl niemand mehr hin. Drei Fünftel der Gäste bestätigten diese Erkenntnis denn auch. Während sich der CSU-Politiker Joachim Herrmann in Plattitüden erging, die niemand je bestritten hat, trug Nora Illi, Islam-Konvertitin und Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats in der Schweiz, nicht gerade dazu bei, ihre Religion besser zu verstehen. Ihr Mantra: Willst du, dass ich dich toleriere, musst du mich auch tolerieren.

Bis auf die Augen komplett verschleiert, wurde sie nicht müde zu betonen, dass sie als Schweizer Staatsbürgerin die demokratischen Rechte zu achten habe. Akzeptanz hingegen sei eine andere Sache. Die forderte Illi auch von der deutsch-türkischen Islamkritikerin Necla Kelek nicht ein, die Schwierigkeiten mit Illis Niqab, dem Gesichtsschleier, hatte. „Wir müssen gemeinsam die Gesellschaft gestalten. Ich weiß aber nicht, wie das gehen soll, wenn ich jemandem wie Ihnen nicht direkt in die Augen schauen kann“, sagte Kelek.

Islamkritikerin Necla Kelek sieht Muslime zu wenig in der Pflicht

Auch sonst ließ die Publizistin keine Gelegenheit aus, gegen den Islam zu sticheln. Dass 51 Prozent der Deutschen den Islam als Bedrohung wahrnehmen, daran seien die Muslime zum Teil selbst schuld, sagte sie und will ihnen mehr Verantwortung zugeschrieben wissen: „Warum gehen die Verbände nicht auf die Straße und sagen, diese Radikalisierung wollen wir nicht?“

Der Fünfte in der Runde und neben Oppermann der Einzige mit produktiven Beiträgen war der Filmemacher Asiem El Difraoui. Als größten Feind der Verständigung machte er die gegenseitige Unkenntnis aus. „Wir polarisieren viel zu sehr“, sagte er. „Wir müssen den Dialog wieder in die Mitte bringen.“

Ein Anliegen, das Oppermann offenbar auch in der Talk-Runde verfolgte. Gab er doch tatsächlich ein paar konkrete Lösungsansätze zu Protokoll. Der Unkenntnis etwa, könne man mit Islamunterricht in der Schule begegnen. „Damit die Schüler einen differenzierten Umgang mit ihrer Religion lernen und sich gegen salafistische Rattenfänger wehren können.“ Und für bereits radikalisierte Muslime wäre ein Aussteigerprogramm denkbar, das ihnen über Angebote in Vereinen und Ausbildungsstellen Alternativen aufzeigt. Ähnlich also wie „Exit“, das Ausstiegsprogramm für Rechtsextreme.

Christine Holthoff

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Thomas Oppermann rettet Polit-Talk bei Anne Will vor Debakel
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2013-05-30 09:19
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