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800. Folge

Erfolgskonzept Tatort - realistisch und relevant

06.05.2011 | 11:03 Uhr

Essen.   Ein förderales Erfolskonzept: Am Sonntag wird der 800. Tatort ausgestrahlt. Doch verblüffenderweise zeigt die Krimi-Reihe des Ersten überhaupt keine Abnutzungserscheinungen. Ein kleiner Rückblick auf 40 Jahre.

Der „Tatort“ ist über 40 Jahre alt – und damit aus der TV-Steinzeit. Doch verblüffenderweise zeigt die Krimi-Reihe des Ersten überhaupt keine Abnutzungserscheinungen. Im Gegenteil: Der ARD-Klassiker erreicht so viel Fernsehjugend wie sonst kein anderes fiktionales Angebot der Öffentlich-Rechtlichen. Krimis mit gesellschaftlichen Aufreger-Themen haben in der deutschen Mattscheiben-Branche Standards gesetzt – von der Premiere 1970 bis zur 800. Folge am Sonntag.

Gunter Witte (75), der den „Tatort“ vor mehr als 40 Jahren erfand, ist ein listiger Fuchs. Im Gespräch mit DerWesten sagte der bekennende Opern-Liebhaber mit feiner Ironie, wenn er heute den Auftrag erhalte, die Krimi-Reihe zu entwickeln, würde er auf „eine höherer Realitätsnähe“ achten.

Dabei weiß jeder Film- und Fernsehmacher, dass das Publikum gerade keine Eins-zu-eins-Abbildung des Alltags sehen will. Vielmehr reizen Verdichtung und Überhöhung. Wenn Filme nachprüfbare Realität zeigen, dann bitte ohne die langweiligen Momente.

Dennoch brauchen die Streifen Glaubwürdigkeit, Wahrhaftigkeit. Die handelnden Figuren müssen lebensecht sein, die Themen gern von gesellschaftlicher Bedeutung.

40 Jahre Tatort

Bei der Premiere ging’s um die deutsch-deutsche Teilung

Gleich die erste Episode des „Tatortes“ wartete mit Beidem auf. Am 29. November 1970 fuhr Walter Richter als Kommissar Trimmel im „Taxi nach Leipzig“ (Episodentitel). Der Regisseur Peter Schulze-Rohr und sein Drehbuch-Autor Friedhelm Werremeier griffen in der heißen Phase des kalten Krieges ein Thema auf, das polarisierte: die deutsch-deutsche Teilung. Was das Interesse an dem Fall weiter steigerte: Erhebliche Teile des Films spielten jenseits der DDR-Grenze. Nebenher lockte der Streifen damit ein gesamtdeutsches Publikum.

Auch wenn der Generation Schimanski die „Tatorte“ der 70er mitunter grau und betulich vorkamen, immer wieder griffen die Krimis Empörungsthemen auf – wie die Episode mit dem programmatischen Titel „Tote brauchen keine Wohnung“ von Regie-Altmeister Wolfgang Staudte aus dem Jahr 1973.

Zum immergrünen Klassiker geriet allerdings eine Folge, die vier Jahre später ausgestrahlt wurde: „Reifezeugnis“. Der Krimi des späteren Hollywood-Regisseurs Wolfgang Petersen sorgte mit verbotener Liebe zwischen einem Lehrer und einer 15-jährigen (!) Schülerin für einen handfesten Skandal, nicht nur weil die damals noch minderjährige Nastassja Kinski in ihrem Film-Debüt viel nackte Haut zeigte . Von Missbrauch war damals allerdings nicht die Rede.

Kindesmissbrauch thematisierte der „Tatort“ erst in den 90er Jahren – etwa in den Folgen „Frau Bu lacht“ von Dominik Graf aus dem Jahr 1995 und Niki Steins „Manila“ von 1998. Beide Fälle handelten von Sex-Tourismus. Angelina Maccarone stellte 2007 Missbrauch in einer Familie in den Mittelpunkt der Folge „Wem Ehre gebührt“. Dass der Krimi im türkisch-alevitischen Milieu spielte, sorgte für einen Aufschrei in dieser Bevölkerungsgruppe, die sich diskriminiert sah.

Wer soll Tatort-Kommissar im Ruhrgebiet...

Tabus gibt es nicht im Tatort

Dabei gilt der „Tatort“ als liberal. Im Jahr 2008 führte der NDR mit Mehmet Kurtulus den ersten türkisch-stämmigen Ermittler ein. Im Jahr darauf, 2009, warb die österreichische Folge „Baum der Erlösung“ mit Harald Krassnitzer als Kommissar Eisner im Minarettstreit von Telfs für Versöhnung zwischen Tirolern und Türken.

Ein weiteres Tabu enttarnte Maria Furtwängler als Ermittlerin Charlotte Lindholm in dem Fall „Mord in der ersten Liga“ im März dieses Jahres: Homosexualität im Profifußba ll. Damit griffen Regisseur Nils Willbrandt und sein Drehbuch-Autor Harald Göckeritz eine Kontroverse aus der Fußball-Bundesliga um das Zerwürfnis eines heimlichen Schiedsrichter-Paares auf, die nicht nur in den Sportseiten von Zeitungen und Magazinen geführt wurde.

Doch egal wo Ungemach drohte – die „Tatort“-Kommissare sorgten stets für Ordnung, gemäß der alten Krimi-Weisheit „Crime doesn’t pay“, Verbrechen lohnt sich nicht. Dass gerade die Fernsehfahnder der ersten Generation korrekt bis zur Langweiligkeit auftraten, hatte einen guten Grund: Das Fernsehen betonte den bundesrepublikanischen Rechtsstaat, mit Blick auf den Gängelstaat im Osten einerseits, aber auch als demonstrative Abgrenzung zum Unrechtsregime der Nazi-Diktatur andererseits.

Tatort-Kommissare im Schatten von...

Ausgleich zwischen den sozialen Schichten

Andererseits spielten im ersten „Tatort“-Jahrzehnt allzu viele Fälle in der gutbürgerlichen Mittelschicht. Damit behauptete die Krimi-Reihe weitaus mehr Ausgleich zwischen den sozialen Schichten, als der real existierende West-Alltag hergab. Und dann kam Schimanski .

Selten wurde eine Fernsehfigur in 2:34 Minuten so präzise eingeführt wie der Mann, der als erster Held aus dem Arbeiter-Milieu den „Tatort“ revolutionierte, mit allen Zutaten, die eine leicht wiedererkennbare TV-Ikone braucht. Draußen zeigt die Kamera eine abgerockte Industrie-Kulisse, drinnen eine abgerockte Wohnung, bewohnt von Zausel, der zwei rohe Eier schluckt, sich in seine Gammel-Jacke zwängt und die Tür schließt. In dieser Szene fällt kein einziges Wort.

Schimanski bald wieder im TV

Vorbild der rebellischen Jugend

Ein Ganove? Ein Bulle. So jedenfalls trat Schimanski auf. Er pöbelte und prügelte, soff und hurte. Logischerweise legte er sich mit jeder Autorität an. Für Verbrecher hatte Schimanski zuweilen mehr Sympathie als für seine Vorgesetzten. Schimanski geriet zum Vorbild für die rebellische Jugend – und zum Helden einfacher Leute, die seine direkte Art liebten. Mit Schimanski hatten Achtundsechziger wie Regisseur Hajo Gies das Fernsehen okkupiert, in der Ära Kohl waren die Folgen mit Götz George gar ein vordergründig unpolitischer Protest gegen die behauptete geistig-moralische Wende.

Dennoch ist auch Schimanski Produkt des Zeitgeistes. Die vorläufig letzte Folge mit dem Ewigkeitskommissar in diesem Februar atmete schon den Geist der Nostalgie.

Das Erfolgsrezept des „Tatortes“ besteht in Gunther Wittes Konzeption, die nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat: „Die Regeln lauteten: Es muss immer einen Kommissar geben. Dann: Die Geschichten müssen etwas mit unserer Realität zu tun haben. Und drittens: die Regionalität.“

Beim „Tatort“ erwies das, was die ARD sonst in ihrer Schlagkraft schwächt, als Stärke: ihr föderales System, ein System, das so förderal ist wie Deutschland selbst.

 

Jürgen Overkott



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