Tatort "Borowski und der Engel" ist ein großartiger Krimi

Seit zehn Jahren ermittelt Axel Milberg als Klaus Borowski im Kieler "Tatort".
Seit zehn Jahren ermittelt Axel Milberg als Klaus Borowski im Kieler "Tatort".
Foto: NDR/Christine Schröder
Was wir bereits wissen
Tatort-Kommissar Borowski feiert am Sonntag sein zehnjähriges Tatort-Jubiläum mit einem großartigen Krimi. Die Geschichte einer Frau, die mit einer Raffinesse und Impertinenz lügt, macht ihm schwer zu schaffen. „Borowski und der Engel“ bietet wieder einmal mehr als den üblichen Krimistandard.

Essen.. Diese schöne Frau überfordert sogar einen so ausgefuchsten Polizisten wie Klaus Borowski. Sie lügt mit einer Raffinesse und Impertinenz, dass einem schwindelig wird. Und nicht nur weil ein Mord unentdeckt bleibt und dafür ein Selbstmord die Gerechtigkeit herstellen muss, und auch sonst die Krimispielregeln sonntagabends endlich mal kräftig durchgeschüttelt werden, ist der „Tatort: Borowski und der Engel“ (ARD, Sonntag, 20.15 Uhr) der außergewöhnlichste, den die Reihe seit langem zu bieten hat.

Wie kommt das Böse in die Welt, fragt Borowski in einer Vorlesung an der Kieler Uni, und genau davon handelt dieser Fall, der sich zum Psychogramm einer gespaltenen Frauenpersönlichkeit entwickelt. Die Frage, wer’s war und wie es passiert ist, beantwortet Sascha Arangos ebenso fantasievolles wie mutiges Drehbuch stets sofort. Aber es ist die Frage nach dem Warum, die ihn treibt und die ohnehin die fesselndste ist.

Eiskalte Teilnahmslosigkeit

Sabrina Dobrisch ist das Herzstück dieser reizvollen Versuchsanordnung. Sie ist Altenpflegerin und lechzt nach ein bisschen Dankbarkeit, doch selbst der todkranke Greis schiebt sie von sich, wenn sie sich an ihn lehnt. Als er wenig später röchelt, dreht sie den Lautstärkeregler am Fernseher hoch und lässt ihn sterben.

Tatort Zwischen Empathie und eiskalter Teilnahmslosigkeit scheint sie psychisch zerrissen, als stellte man Knöpfe bei ihr an und aus. Sie ist nicht einmal aktiv böse, sondern lässt Dinge geschehen, die man besser verhindern sollte, bis sich das Böse in einer beängstigenden Zwangsläufigkeit einnistet. Lavinia Wilson spielt diese verstörende Einzelgängerin mit einer Intensität, die frösteln lässt. Das ist schon darstellerische Extraklasse.

Irgendwann schöpft Borowski Verdacht

Auf der Straße löst die Frau beim Versuch, eine ihr verhasste Katze überfahren zu lassen, schließlich einen tödlichen Unfall aus, bei dem sie als Retterin glänzen kann: Die Verursacherin (Leslie Malton) zieht sie aus dem Wrack, dem sterbenden, jungen Pianisten, der überrollt wurde, hält sie die Hand.

Doch die gewaltige Aufmerksamkeit, die ihr plötzlich zuteil wird, langt ihr nicht, sie lässt alle Welt glauben, der Unfall sei ein Mordversuch gewesen. Ihr Lügengebäude wächst weiter und weiter, wächst in ungeahnte Dimensionen, auch wenn ein so kluger Kommissar wie Borowski natürlich irgendwann Verdacht schöpft.

Andreas Kleinerts Inszenierung dieses ausufernden Wahnsinns schafft weit mehr als es deutscher Krimistandard üblicherweise bietet. Axel Milberg, der diesen Kieler Cop in seiner wunderbar reduzierten Brummart in nunmehr zehn Jahren zu einer Tatort-Stilikone veredelt hat, steht in dieser Jubiläumsfolge nicht einmal so stark im Mittelpunkt. Aber einem so großartigen Schauspieler reichen Augenblicke, um zu glänzen, noch dazu im Zusammenspiel mit seiner frechen Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli). Das darf noch ein paar Jahre so weitergehen.