"Tatort" aus Kiel - Borowski ermittelt im Armen-Ghetto

Der Tatort "Borowski und die Kinder von Gaarden", zeigt neben einem aktuellen Fall, die sozialen Misstände der Schleßwig-Holsteinischen Hauptstadt Kiel.
Der Tatort "Borowski und die Kinder von Gaarden", zeigt neben einem aktuellen Fall, die sozialen Misstände der Schleßwig-Holsteinischen Hauptstadt Kiel.
Foto: NDR/Christine Schroeder
Was wir bereits wissen
Pädophilie, Hartz IV: Der "Tatort" aus Kiel an diesem Sonntag ist auch eine Sozialstudie über vernachlässigte Kinder und das Elend im Armen-Quartier.

Hamburg/Kiel.. Der „Tatort“ Kiel hat einen guten Lauf. Die Episode um eine psychisch kranke Altenpflegerin schrammte im vorigen Jahr knapp an einem Grimme-Preis vorbei. Jüngst sorgte ein Fall um die Crystal-Meth-Szene im Norden im besten Sinn für Aufsehen. Jetzt richtet Axel Milberg als feinfühliger Seelenkenner Klaus Borowski sein Augenmerk auf die Problemviertel-Jugend. Erneut ist der „Tatort“ alles andere als gewöhnlich.

Regisseur Florian Gärtner und sein Kameramann Gunnar Fuß zeigen erst das Milieu, dann den Tatort. Der Krimi „Borowski und die Kinder von Gaarden“ spielt im Armen-Ghetto der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt. Der Zustand der Wohnung entspricht der Verfassung, in der sich der Tote zuletzt befand: Onno Steinhaus, 60, verwahrlost, Trinker.

Wegen Pädophilie vorbestraft

Obendrein war das erschlagene Opfer wegen Pädophilie vorbestraft. Bald stellt sich heraus, dass Steinhaus immer von Jungs umgeben war. Was sie „abhängen“ nannten, war tatsächlich ein ungezügelter Mix aus Schnaps-Party und Porno-Konsum, dokumentiert auf Videos, die – zeitgeistig – ins Internet gestellt wurden.

Münster-Tatort Obendrein machen im Viertel Gerüchte die Runde, dass Onno sich zuletzt an einem der Jugendlichen verging: Timo Scholz (Bruno Alexander), großer Bruder von Leon (Amar Saaifan) – beide wachsen im trostlosen Haushalt ihrer desillusionierten Mutter (Julia Brendler) auf, die vom Leben nichts mehr hat außer flüchtigen Sex mit Revier-Polizist Thorsten Rausch („Game of Thrones“-Star Tom Wlaschiha). War Timo der Täter?

Schlimmer als Absage auf Bewerbung ist gar keine Reaktion

Regisseur Gärtner und sein Drehbuch-Duo Eva und Volker A. Zahn deuten nur an, was das Leben in der Hartz-IV-Hölle so unerträglich macht. Der junge Verdächtige bringt es auf den Punkt: „Du kannst alles falsch oder ganz falsch machen. Ein Richtig gibt’s hier nicht.“ Timo bedrückt beispielsweise, dass auf seine Bewerbungsschreiben meist gar keine Reaktion kommt. Das ist für ihn noch schlimmer als eine Absage.

Von Absagen ist es nicht weit bis zum Abstumpfen. So interessiert sich eine Nachbarin nicht dafür, dass Onno Steinhaus Kinder missbraucht haben könnte, sondern nur für das Schicksal seines Hundes.

ARD Was das glaubwürdig geschriebene und authentisch inszenierte Sozialdrama erträglich macht, ist die menschenfreundliche Haltung Borowskis. Axel Milberg spielt den Fahnder als besonnenen Beobachter und sensiblen Befrager. So entwickelt er zunehmend Sympathie für die beiden Scholz-Brüder. Umgekehrt heißt Menschenkenntnis für Borowski nicht zwangsläufig, für alle und alles Verständnis zu haben.

Das soziale Misere lässt sich kaum verändern

Das spürt gerade seine Kollegin, deren Mangel an Feingefühl in krassem Missverhältnis zu ihrer ausgezeichneten Kenne der digitalen Welt steht. Und ausgerechnet mit dem schillernden Vorort-Cop Rausch, der sich als Großstadt-Cowboy gefällt, beginnt Brandt einen unbedachten Flirt. Gottlob verhütet Borowski Schlimmeres.

Gerade weil die beiden Fahnder nur bedingt harmonieren, erweist sich das Duo als starkes Team. Am Ende hat es einen Fall mit einer ungewöhnlichen Wendung aufgeklärt. Zugleich macht der Film klar, dass sich die gezeigte soziale Misere kaum verändern lässt. Kein Wunder, dass sich die Kamera zum Schluss behutsam von der Szene zurückzieht. Schön wirkt sie nur aus der Vogelperspektive.

Fazit: Starkes Sozialdrama mit Top-Team.

ARD, 20.15 Uhr