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Interview

Stefan Aust: "Schlämmer ist außerordentlich real"

11.08.2009 | 23:37 Uhr
Stefan Aust: "Schlämmer ist außerordentlich real"

Der beliebteste Politiker unserer Tage ist Horst Schlämmer. Warum Komiker Hape Kerkeling den Nagel auf den Kopf tritt, verriet Ex-"Spiegel"-Chef und Polit-Talker Stefan Aust Jürgen Overkott. Aust löchert Politiker vom 23. August an gemeinsam mit Sabine Christiansen für Sat.1.

Stefan Aust wird mit Sabine Christiansen Politiker interviewen. Foto: ddp

Der beliebteste Politiker unserer Tage ist Horst Schlämmer. Können wir Politik nur noch als Comedy ertragen?

Stefan Aust: Ich habe mich unheimlich darüber gefreut - vor allem weil er Journalist ist. Normalerweise stehen die Journalisten auf der Beliebtheitsskala ganz weit hinten.

Das Projekt hat Zukunft.

Stefan Aust: Unbedingt. Wissen Sie, dass Joschka Fischer als Parlamentsneuling sehr witzige Reden gehalten hat? So weit ich weiß, sind sie ihm damals von dem Team der "Titanic" geschrieben worden.

Unsere Politik braucht mehr Humor.

Stefan Aust: Ganz eindeutig.

Wie kommt es, dass viele Politiker etwas verschnarcht wirken?

Stefan Aust: Das will ich so nicht sagen. Wir reden oft zu schlecht über Politiker. Die meisten von ihnen sind hart arbeitende und oftmals auch sehr intelligente Leute, die für wenig Geld sehr große Strapazen auf sich nehmen. Sie müssen über jedes Thema immer Bescheid wissen, sie müssen bereit sein, Interviews zu geben. Aber wir müssen auch sehen: Es gibt viele Politiker, die die Ochsentour durch die Ortsvereine gemacht haben. Das prägt natürlich auch.

Ich gebe Ihnen Recht, und dennoch muss ich noch mal dreinschlagen. Die Rhetorik von Horst Schlämmer ist so, dass er sich im selben Satz widerspricht. Wie real ist die Satire?

Stefan Aust: Das finde ich außerordentlich real. Ein geschickter Politiker argumentiert dialektisch. Er sagt etwas und hebt es später wieder auf. Der begnadetste Politiker in diesem Bereich ist im Augenblick Gregor Gysi von den Linken. Er sagt in drei Sätzen fünf verschiedene Dinge, die er miteinander verknüpft, außerordentlich intelligent übrigens. Aber er widerspricht sich ständig.

Horst Schlämmer ist seine eigene Partei und sein eigenes Programm. Kommt es nur noch auf den Kanzler an?

Stefan Aust: Wir haben derzeit eine sehr erfolgreiche Kanzlerin, zumindest in den Umfragen. Aber die Arbeit macht eine sehr gut funktionierende Ministerialbürokratie. Wenn Angela Merkel das Unglück widerfährt, doch nicht gewählt zu werden, bliebe von ihr nicht viel. Sie hat zwar das Land ganz gut durch die Krise geführt, aber Akzente hat sie nicht gesetzt. Wenn ich das vergleiche mit der rot-grünen Koalition, sind zumindest zwei Dinge geblieben. Sie hat sich nicht am Irak-Krieg beteiligt, massivem Druck der Amerikaner zum Trotz, und Hartz IV und die Agenda 2010 durchgesetzt. Die beiden Projekte waren unpopulär, aber grundsätzlich notwendig, auch wenn sie in vielerlei Hinsicht missglückt sind.

Wer nichts macht, macht auch keine Fehler.

Stefan Aust: Schon. Aber wenn Sie die Rolle der Politik in der Zeit vor der Finanzkrise sehen, kann ich nicht erkennen, dass Politiker rechtzeitig vor dem gewarnt haben, was an Casino-Kapitalismus bereits erkennbar war. Ja, es war ja sogar so, dass die Staatsbanken an vorderster Front mitgewirkt haben.

Wechseln wir mal die Perspektive. Das Wahlvolk ist müde geworden. Kürzlich kam das ZDF auf die Idee, Politiker zu casten. Sollten wir die Wahl künftig einer Jury überlassen?

Stefan Aust: Das haben wir ja schon. Die Jury bei der Auswahl der Politiker sind die Parteien. Deren Mitglieder sind zwei Prozent der Bevölkerung.

Und es werden immer weniger.

Stefan Aust: Dazu kommt, von den Parteimitgliedern entscheiden dann wiederum nur zehn Prozent darüber, welcher Politiker in Spitzenpositionen kommt. Die Meinungsbildung ist vom eigentlichen Souverän, dem Wähler, verlagert worden in die Parteien. Eigentlich haben wir eine Parteien-Demokratie. Es kann nicht sein, dass so wenige Menschen eine so große Macht haben.

"Die Sendung mit der Maus"

Welche Rolle spielen Talk-Shows? Kann man Politiker dort grillen?

Stefan Aust: Das glaube ich nicht. Politiker sind schon durch und durch. Sie geben nur selten auf Frage echte Antworten und lassen selten einen Blick in ihr Inneres zu. Andererseits: Die Talkshow bringt uns die Politik ins Wohnzimmer. Und wir können ja auch nicht immer erwarten, dass im Fernsehen eine politische Bombe explodiert.

Warum, bitte, tun Sie sich die Sat.1-Talkshow mit Sabine Christiansen an?

Stefan Aust: Och, ich bin von ihr gefragt worden. Für mich ist es eine aufregende Aufgabe, das in Wahlzeiten zu machen. Ich sehe das sportlich. Andererseits kann man das Fernsehen nicht neu erfinden - aber wir versuchen es immer wieder. (kleine Pause) So, das war jetzt eine dialektische Antwort, wie sie Politiker immer geben.

Ich sehe, Sie können nahtlos ins andere Lager wechseln.

Sabine Christiansen. Foto: ddp

Stefan Aust: Auf keinen Fall. Ich bin sogar froh, dass ich nicht mehr "Spiegel"-Chefredakteur bin. Denn alles, was ich gesagt habe, konnte auch gegen das Blatt verwendet werden. Jetzt stehe ich nur noch für mich allein.

In Ihrer Amtszeit hat der "Spiegel" den Talk von Sabine Christiansen mal als "Sendung mit der Maus" bezeichnet. Stand das nicht zwischen Ihnen?

Stefan Aust: Überhaupt nicht. Man kann sein Blatt nicht nach seinen persönlichen Beziehungen ausrichten. Es kann nicht sein, dass man Leute, die man mag, von Kritik ausnehmen. Und Sabine Christiansen ist professionell genug, das zu wissen.

Bei Sat.1 haben Sie drei schwere Gegner: Anne Will, die Bundesliga und das Sommerwetter. Wie sind Sie gerüstet?

Stefan Aust: Wir haben noch viel mehr Gegner. Alle Sendungen, die überhaupt zu dieser Zeit laufen. Aber dennoch bin ich vor meiner Aufgabe überhaupt nicht bange. Wir werden eine stabile Zuschauerzahl haben.

Stefan Aust ist derzeit auch als Berater der WAZ-Gruppe tätig, zu der DerWesten.de gehört.

Jürgen Overkott

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Kommentare
24.08.2009
10:29
Stefan Aust: Schlämmer ist außerordentlich real
von Marcus Heinrich Rohner | #14

Ich bin ja froh, dass ich offenbar nicht der einzige bin, der über Horst Schlämmers Bundestagskandidatur nicht lachen kann.

Ich habe schon viel und gerne über Hape Kerkeling gelacht, insbesondere über seinen Auftritt als Königin Beatrix, bei dem man man u. a. den früheren Protokollchef des Bundespräsidialamtes Horstmann so wunderbar nervös und überfordert im Hintergrund herumlaufen sieht.

Aber die Figur des Horst Schlämmer finde ich sowohl als Parodie eines Povinzreporters als auch als Bundestagskandidat einfach nur unappetitlich und erbärmlich. Die ihm eingeräumte Medienpräsenz ist ein Armutszeugnis unserer Republik. Die Franzosen haben für ihre Republik die Bastille gestürmt, die Amerikaner haben die Rotröcke aus dem Land gejagt; wir haben die Demokratie gewissermaßen nach dem 2. Weltkrieg geschenkt bekommen und feiern nun Horst Schlämmer.

Um Max Liebermann in diesem Zusammenhang zu zitieren: ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte!

Ich plädiere dafür, allen Mitbürgern, die ernsthaft Horst Schlämmer wählen würden, die bürgerlichen Ehrenrechte einschließlich des Wahlrechtes abzuerkennen und sofort Betreuungsverfahren übder diese Personen einzuleiten, um Schlimmeres für sie und die Republik zu verhindern.

14.08.2009
14:05
Stefan Aust: Schlämmer ist außerordentlich real
von Lexchen | #13

warum werden Politiker immer als schlechte Menschen dargestellt ? es ist doch ein Manko, dass Deutschlands Politiker den Weg zu den Bürgern nciht finden. Daher ist die Bemerkung, das die HSP-Partei ein Witz ist doch eigentlich eher falsch. Denn das wichtigste hat sie. Nämlich den Weg zu den Bürgern gefunden.
Der Journalismus ist geplagt von Menschen, die nur Macht und Autorität wollen jedoch nicht bereit sind der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Vieles ist verschworen und nciht durchsichtig genug.Das müsste man ändern.

Zudm wurde hier ein Kommentar verfasst, in dem es hieß, dass Merkel und Steinmeier sich keinen Gebrauchtwagen kaufen. Ganz ehrlich welcher halbwegs normale Mensch kauft sich einen Gebrauchtwagen, wenn er genug Geld hat, um sich eine eventuell schadstoffärmeres Auto zu kaufen?! und selbst wenn sie sich einen Gebrauchten kaufen wird wieder geklatscht, weil sie sich einen Gebrauchten geholt haben also so oder so ist es egal.

14.08.2009
07:25
Stefan Aust: Schlämmer ist außerordentlich real
von Martin09 | #12

>>>Horst-Schlämmer-Partei<<< finde ich super - dann haben wir Bürger vielleicht mal wieder was zu lachen.
Ein bekennender Komiker ist mir lieber als verlogende und machtgeile Politikclowns!!

Aber mal ehrlich - das ist doch ein totales Armutszeugniss für unsere sogenannte Politikelite der etablierten Parteien.

Armes Deutschland! Und was nun? Weiterhin den Lügenprogrammen der großen Parteien glauben?

Vielleicht wäre in Deutschland ja auch mal ein kleiner Aufstand gegen unsere Politikclowns das richtige, um denen mal wieder zurück in die richtige Spur zu helfen!!!!

13.08.2009
10:11
Stefan Aust: Schlämmer ist außerordentlich real
von verklaerbaer | #11

zu #10:
Vieles, zumindest dass wir nicht mehr nur ein Volk von verkackten mieselpetrigen Alt-68ger *********** sind, sondern lockerer geworden sind, vielleicht auch Dank linker Bildungspolitik auch blöder, doch das war ja Absicht!

12.08.2009
13:29
Stefan Aust: Schlämmer ist außerordentlich real
von scorpionx | #10

was sagt uns der zuspruch für herrn schlämmer,
über unser politikkultur im lande ???

11.08.2009
22:32
Stefan Aust: Schlämmer ist außerordentlich real
von StefanDernbach | #9

Vielleicht gibt es ja mal eine Fortsetzung:
Das Schweigen der Schlämmer.

Die Vermischung von Politik und Comedy - und zwar in beide Richtungen - entzieht dem politischen Boden auf Dauer auch noch die letzten Nährstoffe.

11.08.2009
22:26
Stefan Aust: Schlämmer ist außerordentlich real
von kuba4711 | #8

Stefan Aust repräsentiert inzwischen ein Journalisten-Niveau das dem entspricht was das neoliberale Flagschiff Spiegel inzwischen repräsentiert.
Augstein dreht sich im Grabe rum.

11.08.2009
19:39
Stefan Aust: Schlämmer ist außerordentlich real
von Rike57 | #7

Also ich würde viel lieber die HSP wählen als die CDU/CSU, FDP, SPD, Grüne, DieLinke oder sonst eine Partei...

Schade das die HSP nicht auf dem Wahlzettel steht...


Glück auf!!!

11.08.2009
19:07
Stefan Aust: Schlämmer ist außerordentlich real
von Facebook Justus Erb | #6

Wir brauchen dringend ein bedingungsloses Grundeinkommen, zumindet für Journalisten als Demokratiepauschale

11.08.2009
18:50
Stefan Aust: Schlämmer ist außerordentlich real
von CaptainWillard | #5

Es fehlt heute im Journalismus an echten Freelancern.

Reportern.

Correspondents.

Was war das ein Wahlkampf > Hunter S. Thompson vs. Richard Tricky Dicky Nixon.

Apropos - würde von A.Merkel oder F.-W. Steinmeier jemand

einen Gebrauchtwagen kaufen?

Von denen, die hier so lieb ihre Politiker verteidigen?

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