So hat sich Anne Will bei ihrem Sonntags-Comeback geschlagen

Anne Will ist zurück an ihrem alten Sendeplatz am Sonntagabend.
Anne Will ist zurück an ihrem alten Sendeplatz am Sonntagabend.
Foto: NDR/Wolfgang Borrs
Was wir bereits wissen
Heikler Sendeplatz, heikles Thema: Bei ihrer Rückkehr auf den Sonntagabend beschäftigte sich Anne Will mit den Kölner Übergriffen.

Berlin.. Für Freunde des politischen Talks fühlte sich dieser Sonntagabend beinahe gewohnt an: Auf den „Polizeiruf 110“ folgte zur besten Sendezeit „Anne Will“. Fast wie früher – wäre da nicht die bereits verblassende Erinnerung an den im Sommer zurückgetretenen Günther Jauch, der Will für mehr als vier Jahre von der Pole Position des deutschen Polittalks auf den Sendeplatz am Mittwoch verdrängt hatte.

Polit-Talk Und so war die erste Ausgabe von „Anne Will“ zum früheren Termin schon für sich genommen bemerkenswert: Ein Comeback, das die damals geschasste Moderatorin ganz ohne Nachtreten über die Bühne brachte. „Ein bisschen was werden wir verändern, allein schon, weil wir demnächst 60 statt 75 Minuten haben, aber grundsätzlich machen wir so weiter wie bisher“, hatte Will vorher mit Blick auf ihren neuen-alten Sendeplatz erklärt. Das zeugt von Größe, vor allem wenn man bedenkt, mit welcher Euphorie Will damals von den ARD-Granden zugunsten des Unterhaltungs-Profis Jauch abgeschoben worden war.

„Natürlich gibt es gewalttätige Flüchtlinge“

In ihrer ersten Sendung auf dem alten Jauch-Platz widmete sich Will gleich einem Aufreger-Thema. Unter dem Titel „Nach Köln – Höchste Zeit für eine neue Flüchtlingspolitik?“ diskutierten Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU), Gesine Schwan (SPD), „Welt“-Herausgeber Stefan Aust und Islam-Experte Ahmed Mansour die Folgen der Silvesternacht. Die Anlage der Sendung war klar: Immer wieder drängte Will ihre Gäste auf die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen den hohen Flüchtlingszahlen und den sexuellen Übergriffen von Köln gibt. Und ob also die Bundesregierung und insbesondere die Kanzlerin eine Mitverantwortung trage.

Im Zentrum des Interesses stand Kanzleramtschef Altmaier, der nicht nur die Bundesregierung im Allgemeinen, sondern als oberster Koordinator auch ihre Flüchtlingspolitik im Besonderen vertrat. „Ich kann jeden Bürger verstehen, der sich Sorgen macht“, sagte Altmaier nach einem reißerischen Einspieler, in dem unter anderem die gestiegene Zahl der Anmeldungen für Schreckschusswaffen thematisiert wurde. Auch könne niemand ausschließen, dass sich der Vorfall wiederhole.

Übergriffe Einen Zusammenhang mit der Flüchtlingspolitik wollte Altmaier aber nicht erkennen. Dazu verwies er wieder einmal auf eine BKA-Erhebung aus dem Herbst, wonach Flüchtlinge im Durchschnitt nicht häufiger straffällig werden, als die hiesige Bevölkerung. „Natürlich gibt es gewalttätige Flüchtlinge“, sagte er. Dies könne bei derart hohen Flüchtlingszahlen aber auch nicht ausgeschlossen werden.

Aust, der Zahlennarr

Mit den hohen Flüchtlingszahlen war dann auch der einzige Punkt angesprochen, der „Welt“-Herausgeber Aust zu interessieren schien. Immer wieder ritt der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur auf der Feststellung herum, dass im Kern die hohen Flüchtlingszahlen das Problem seien. „Das Wichtigste ist die Begrenzung der Zuwanderung“, sagte Aust. Kurz darauf musste man befürchten, dass er eine Deutschlandfahne aus dem Jackett zaubern würde. Glücklicherweise war es aber nur ein Zettel als Denkstütze, mit dem der Journalist seinem Widersacher Altmaier die – wie sich herausstellte: ungenauen – jüngsten Flüchtlingszahlen unter die Nase rieb.

Gänzlich zum Fremdschämen war in der Folge Austs mangelnde Konsequenz: Auf die Forderung, dann doch bitte einfach mal auszusprechen, dass er sich Grenzkontrollen wünscht, wich der Journalist in einer unglaubwürdigen Volte aus: „Das wünsche ich mir nicht, offene Grenzen sind die größte Errungenschaft Europas.“

Ähnlich monothematisch aufgestellt war der Psychologe und Islam-Experte Ahmed Mansour, dessen Agenda im Großen und Ganzen in der reichlich unkontroversen Forderung bestand, eine umfassende Integrationsstrategie zu entwickeln. Einen echten Erkenntnisgewinn steuerte Mansour aber dahingehend bei, dass er die diffuse und durchaus rassistische Angst vor „dem arabischen Mann“ etwas einordnete. „Die Sexualität wird tabuisiert, sodass ein Gewaltpotential entsteht“, versuchte er sich an einer soziologischen Erklärung für die Behauptung, dass der Islam etwas mit den Übergriffen zu tun habe. Gesetze und Abschiebung, so Mansours Schlussfolgerung, reichten deswegen nicht aus. Zugleich mahnte er mit Blick auf den Zahlennarr Aust, die Flüchtlingsdebatte nicht auf bloße Zahlen zu reduzieren. „Das sind keine Zahlen, sondern Menschen.“

Ein Rechtsstaat-Verständnis zum Gruseln

Für einen guten Blick auf das große Bild sorgte zwischendurch immer wieder Gesine Schwan. Altmaier etwa wies sie auf die Doppelzüngigkeit der deutschen Europapolitik hin. „Die Bundesregierung hat bisher nie Solidarität ausgestrahlt, fordert jetzt aber Solidarität ein“, sagte die Politikwissenschaftlerin mit Blick auf die Griechenlandkrise und die Verweigerung zahlreicher EU-Staaten, verbindliche Flüchtlingskontingente zu akzeptieren. Gezielte Provokationen der Gastgeberin, etwa die Frage nach einem grundsätzlichen deutschen Staatsversagen, moderierte Schwan vehement ab („Nein, wir haben doch keinen Bürgerkrieg!“).

Flüchtlinge An anderer Stelle zeigte die Politikwissenschaftlerin aber ein erschreckendes Verständnis vom Rechtsstaat. Auf den Hinweis, dass das von ihr befürwortete Schwimmbadverbot für alle männlichen Flüchtlinge eines Ortes wegen sexueller Übergriffe von manchen dieser Männer diskriminierend sei, hatte Schwan eine überraschend hemdsärmelige Antwort: „Ganz astrein werden wir da nie sein.“

Der Stil macht den Unterschied

Am Ende der Debatte bleibt die Frage, ob das der Talk war, nach dem sich Kritiker von Günther Jauch jahrelang gesehnt haben. Anne Will machte bei ihrem ersten Auftritt auf ihrem neuen-alten Sendeplatz nicht alles anders als ihr Vorgänger. Die Einspieler bleiben populistisch und auch die Fragestellung und Themenwahl sind nicht überraschend.

Aber, immerhin, der Stil hat sich verändert. Will ist als Moderatorin präsenter, geht forscher vor und stellt härtere Fragen, als Jauch es tat. Das ist keine Überraschung, sondern die Einlösung der Minimal-Erwartung an dieses Comeback. Und doch: Es ist schon mal was.

Zur kompletten Sendung in der ARD-Mediathek