Psychodrama "Tore tanzt" - Jesus-Freak wird Opferlamm

Julius Feldmeier als Tore im Psychodrama "Tore tanzt". Der Film erlebte eine umstrittene Welturaufführung bei den Festspielen in Cannes im Jahre 2013.
Julius Feldmeier als Tore im Psychodrama "Tore tanzt". Der Film erlebte eine umstrittene Welturaufführung bei den Festspielen in Cannes im Jahre 2013.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Muss Gewalt automatisch Gegengewalt hervorrufen? Oder ist es besser, sich nicht zu wehren? Solche Fragen thematisiert der Kinofilm "Tore tanzt".

Berlin.. Kirche und Glaube sind immer mehr Menschen in der westlichen Welt egal – einen Extremfall christlicher Überzeugung schildert dagegen Katrin Gebbe in ihrem preisgekrönten Kinofilmdebüt "Tore tanzt". Sie wirft darin spannende Fragen auf.

Im harten Psychodrama, das in der ZDF-Reihe "Das kleine Fernsehspiel" an diesem Montag (29. Juni) um 23.50 Uhr läuft, geht es um einen jungen Außenseiter, der sich den "Jesus Freaks" angeschlossen hat, einer freien, mit Jugendkultur verbundenen Glaubensrichtung. Wie es der Gottessohn predigte, hält Tore bewusst die andere Wange hin, wenn ihm auf die eine geschlagen wird. Mit dieser Haltung provoziert er – der sprichwörtliche reine Tor - andere Mitmenschen. Es kommt zu Gewaltexzessen gegen ihn, die nicht nur dem Opfer, sondern auch dem Zuschauer viel Kraft abverlangen.

Erniedrigende Erfahrungen im Schrebergartenhaus

Ist man Vorbild, Naivling oder Idiot, wenn man sich nicht wehrt? Stachelt ein Typ wie Tore seine Peiniger zu ihrem Tun nicht erst richtig an? Ist es konsequent liebevoll oder nur verklemmt, Sex erst in der Ehe zuzulassen? Der Film, unterteilt in die Kapitel "Glaube", "Liebe" und "Hoffnung", gibt keine klare Antworten. Sein engelsgleich aussehender Hauptdarsteller (Julius Feldmeier) vermag es auch, solche Aspekte in beunruhigender Schwebe zu halten. Von der Vernunft, die ja zum christlichen Leben gehört, ist seine Figur jedenfalls weit entfernt.

Im Kino Tore folgt seiner Zufallsbekanntschaft Benno (Sascha Alexander Geršak, "5 Jahre Leben"), um mit dessen dysfunktional-sadistischer Patchwork-Familie im Schrebergartenhaus zu leben. Sogar nach erniedrigenden Erfahrungen kehrt er dorthin zurück. Denn seine Hoffnung sind nicht nur Gott und Jesus – sondern auch Bennos gedemütigte Stieftochter Sanny (Swantje Kohlhof).

Wahre Begebenheit in deutscher Kleingartenkolonie

Die Hamburger Autorin und Regisseurin Gebbe, Jahrgang 1983, realisierte die Low-Budget-Produktion von Junafilm in Zusammenarbeit mit dem ZDF frei nach einer wahren Begebenheit. In einer deutschen Kleingartenkolonie hatte ein Ehepaar einen behinderten Jungen versklavt gehalten. Das Drama, das mit quälend langen Szenen von Vergewaltigung und Zwangsfütterung mit verschimmeltem Hühnerfleisch arbeitet, erlebte eine umstrittene Welturaufführung bei den Festspielen in Cannes. Dort lief es 2013 in der illustren Nebenreihe "Un certain regard" (Ein gewisser Blick).

In seinen Mitteln erinnert "Tore tanzt" an die dänische "Dogma"-Richtung: alltägliche Umgebung, unruhige Bilder wie mit Handkamera aufgenommen und scheinbar natürliches Licht, das hier oft dunkle Schatten wirft. Die inhaltlichen Ambivalenzen des Films darf man als dessen Stärke oder als Schwäche werten. (dpa)

  • Tore tanzt. Montag (29. Juni), 23.50 Uhr, ZDF