Precht im ZDF - Bauchredner trifft Puppe und der Aufstand von unten
03.09.2012 | 07:12 Uhr 2012-09-03T07:12:07+0200
Essen. Sind unsere Schulen am Ende? Um diese Frage ging es in der neuen ZDF-Sendung „Precht“. Statt philosophischer Debatte kam die gegenseitige Beweihräucherung zweier Teilnehmer mit exakt gleichem Weltbild heraus. Das Debüt von Richard David Precht im ZDF hätte spannender ausfallen können.
Um steile Thesen sind sie beim Debüt von „Precht“ im ZDF nicht verlegen . „Macht lernen dumm?“ dröhnt es im Vorspann dieser neuen Sendung. Zwei Minuten später droht schon der Untergang des Abendlandes. „Wenn wir so weitermachen, wird es unser Land bald nicht mehr geben“, orakelt Hirnforscher Gerald Hüther. Sein Gesprächspartner bewegt den Kopf langsam auf und ab. Ja, das denkt er auch. In der nächsten Dreiviertelstunde wird Richard David Precht noch sehr oft nicken . Hüther könnte auch seine Bauchrednerpuppe sein. Oder umgekehrt. Auf die Spannung der Show wirkt sich das eher negativ aus. Auf die Überprüfung von Fakten erst recht.
Die Urangst der Gesellschaft sind "gebildete Bauarbeiter"
In China springen Kinder wegen Schulstress von Brücken, manche bringen ihre Eltern um, behauptet Hüther. Precht fragt nicht, wo er das gehört hat. Wichtig ist nur, dass wir auf dem Weg zu chinesischen Verhältnissen sind. Was läuft schief? Die Schulen häufen „Wissen ohne Gefühl“ an, vermiesen den Spaß am Lernen und schnüren die Kreativität ab, findet Hüther, findet Precht. Statt Lehrern wünschen sich die beiden „Potenzialentfaltungscoaches“. Als wäre das Wort nicht lang genug, legt Hüther nach: „Potentialentfaltungsprozesse spielen sich nur in der Gruppe ab.“ Ade, mündiges Individuum.
Richard David Precht hat zum Auftakt seiner neuen ZDF-Talk-Show am späten Sonntagabend 950.000 Zuschauer vor den Bildschirm gelockt. Das entspricht einem Marktanteil von 8,7 Prozent, wie das Zweite am Montag mitteilte. Für dieses Jahr sind drei weitere Ausgaben der Sendung geplant. Künftig soll Precht sechs Mal im Jahr mit prominenten Gästen aus Wirtschaft, Politik, Kultur oder Wissenschaft diskutieren. (dapd)
Sechs Jahre gibt Hüther dem aktuellen Schulsystem noch, dann werde es unbezahlbar. Warum steuert niemand dagegen, wenn sich der Niedergang so genau prognostizieren lässt? Precht und Hüther ahnen die dunkle Wahrheit. Es ist die Gesellschaft. „Stellen Sie sich vor, wir hätten 80 Prozent Abiturienten, das macht vielen Angst“, sagt Precht. „Wenn jeder Bauarbeiter ein Goethe-Zitat auf den Lippen trägt – das wollen viele gar nicht!“ Hüther ist hingerissen: „Da haben Sie den Finger genau in die Wunde gelegt!“ Da ist sie, die Urangst der Gesellschaft: gebildete Bauarbeiter.
Precht will die Noten abschaffen
Dass sich die Schule selbst reformieren könnte, glauben die beiden nicht. Dafür profitierten zu viele vom System – Bürokraten, Politiker, Postenhuber, Sie wissen schon. „Wenn Sie den Sumpf austrocknen wollen, können sie nicht die Frösche fragen“, weiß Hüther. Ein Aufstand von unten müsse her, schließlich stecke in jedem Kind ein Hochbegabter. „Nichts ist mächtiger, als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, jubelt Precht, das onkelhafte Aphorismen-Pingpong fortsetzend .
Wie die Schule der Zukunft aussehen könnte, diese Antwort bleibt die Sendung weitgehend schuldig. Precht will die Noten abschaffen : „Stellen Sie sich diesen feinmechanisch begabten Menschenfreund vor, der nur deshalb nicht Chirurg werden kann, weil sein Notendurchschnitt nicht reicht.“ Hüther will die Zensuren behalten – nicht wegen der gemeinen Bewertung, sondern weil Kinder Feedback brauchen. Ansonsten gehe es darum, dass Gefühl und Lernen wieder zusammen kommen. Und dass sich Potenziale entfalten. Vielleicht mit Hilfe von Coaches. (WE)
20:56
Nicht LERNEN macht dumm sondern UNTERRICHTETWERDEN. Unterricht richtet nach unten. Im Unterricht übt man unten, sich nach denen oben zu richten.
In unseren Schulen wird nicht gelernt sondern LERNEN durch Unterricht vereitelt. Unsere SCHULEN sind auch das gerade Gegenteil von Schule und die Lehrer dort sind KEINE LEHRER sondern als Lehrplanvollzugsbeamte angestellt. Sie vermitteln, bringen bei und drängen dazu, sich zu unterwerfen, einzufügen und mitzumachen. Eben dadurch machen sie LERNEN zunichte. LERNEN bedeutet: eine Fährte des Lebens verfolgen, eigene Erfahrungen sammeln.
Dass Hüther und Precht gemeinsam aufzeigen, was unerträglich ist und wo es in Richtung LÖSUNG gehen könnte, ist doch schon mal was. Als Ich-kann-Schule-Lehrer tät ich dann noch in den TV- und Zeitungsredaktionen Herkunftswörterbücher anregen; dann wissen wir womöglich bald, was wir sagen, und können das, was wir tun damit neu überdenken. Guten Erfolg!
Franz Josef Neffe
Lehrplanvollzugsbeamte: Wie treffend. Motivation strahlt dieser Begriff so wenig aus wie es die Wirklichkeit ebanfalls vermissen läßt.
Meine Tochter freute sich voller Tatendrang auf zwei neue Schulfächer. Und konnte es kaum erwarten, den ersten Schultag damit z uerleben. Leider wurde in der ersten Stunde nicht etwa begeisternd dargelegt, was in diesen Fächern Spannendes auf die Kinder wartet, sondern lediglich staubtrocken dargelegt, wie sich die Zensuren in diesem Fach zusammensetzten werden, Das wars. Auf die zweite und die folgenden Stunden freuen sich weder Tochter noch ihre Klassenkameraden: Das Thema wurde auf die Schulnotenvreduziert. Schade drum ...
19:05
Inhaltlich hatten Precht + Hüther voll ins Schwarze getroffen. Zugegeben, es fehlte der im Fernsehen mittlerweile obligatorische Widerspruch + Streit, und so schalteten mit redakteur Juknat vielleicht viele Zuschauer ab. Die am Thema interessierten aber, da bin ich sicher, blieben dran.
Ob eine Show-Einlage oder gar ein ständiges gegenseitiges Unterbrechen á la Maischberger und Fiedmann zur Hebung der Aggressivität tatsächlich besser gewesen wäre? Ich bezweifle auch das. Und freue mich, ob Juknat es glaubt oder nicht, auf die nächste Sendung mit Precht, Dessen Eitelkeit kann ich besser verkraften als inhaltlichen Schrott.
13:25
Zitat:"Auf die Spannung der Show wirkt sich das eher negativ aus"
Wenn ich mir Precht anschaue, dann erwarte ich keine spannend gemachte Show, die von Inhalten nur ablenkt. Es gibt Themen, die auch ohne das überflüssige Drum Herum, spannend sind. Wen das Thema nicht interessiert, der kann ja anders fernsehen ohne fern zu sehen.
Genau die, die (betr. auch Schüler) nur auf Action aus sind, sind die,die von Precht doch u.a. negativ dargestellt werden (völlig zu Recht.)
Aber neu ist diese bemängelte Mentalität nicht; nur leider findet da kein Umdenken statt.
19:51
Der Precht ist schon ein guter Typ, nur zu eitel, um zu merken, dass ihm die dauernde TV-Präsenz nicht bekommt...
Dabei gäbe es doch ein wirklich demokratisches Schulsystem zu debattieren: http://misanthrope.blogger.de/stories/2119584/
19:21
Schade dass der Herr Redakteur wenig zur Sache sagt und sich eher an den personen reibt, aber um die ging es ja weniger und bei den Inhalten muß man sich ja mit ihnen auseinandersetzen.
Viele der zuvor gemachten Kommentare waren ähnlich, der eine reibt sich an den Glakugeln im Bild, der andere an der gleichen Meinung der beiden Protagonisten und der wieder andere an der scheinbaren Selbstverliebtheit von Herrn Precht. Nur wenige sagen was zu den Inhalten. Herr Hüther hat mit seinen Thesen, die übrigens auch wissenschaftlich belegt sind im Rahmen der modernen Hirnforschung, völlig recht. Unser Schulsystem ist veraltet und Schüler und Schülerinnen werden mit "Wissen" überfrachtet, welches sie oftmals nach jeweiligen Schulabschluss schon nicht mehr gebrauchen. Die Lust am lernen, der Spass am Wissen und Entdecken: Fehlanzeige. Hiefrür bedarf es auch entsprechendes Lehrpersonal und auch daran mangelt es.Welcher Lehrer ist denn noch noch in der Lage Begeisterung für ein Thema zu entfachen?
18:20
Im Gegensatz zum Beitrag von albertus28 finde ich, dass diese Sendung das Beste war was ich seit langem gehört habe.
ENDLICH.
Herr Precht und Herr Hüther nennen endlich mit deutlichen, klaren Worten den ganzen Mist beim Namen. Was falsch läuft, wo es hakt, wie es sinnvoller laufen könnte.
Warum und weshalb, nicht nur kritisiert, sondern es auch begründet und wie es, wie gesagt, sinnvoller wäre.
BITTE MEHR DAVON.
Das mein Vorkommentartor dafür leider nicht offen ist, zeigt mir, dass er vielleicht von solch sinnvollen grundlegenden Veränderungen Angst zu haben scheint.
Motto: Kenn ich nicht, versteh und begreif ich nicht = will ich nicht oder "das war immer schon so." Also weiter in alten Bahnen. Altes ist halt vertraut und gibt da heraus Sicherheit, Neues macht Angst.
Ich finde es sehr interessant das viele die beiden als "Besserwisserisch" oder ihre Art zu reden als "Peinlich" etc. bezeichnen. Welche Urteile. Jeder halt so wie es ihm gegeben.
15:43
Mit Vielosophieren kann man sich so weit von der Realität entfernen, daß man Abiturienten 100.000 Schulstunden andichtet, bis sie einigermaßen gebildet sind. Das sind 4.166 Tage. Am Stück ohne Schlafpausen immernoch 11 Jahre und ein paar Monate ...
Iinteressanter ist allerdings, daß auch das Wissen von Precht und aller anderen Vernunftwesen um ein interessantes Bewußtseinsloch herum entstand. Das wird sichtbar, fragt man nach den wesentlichsten Bestimmern unseres bißchen Daseins: Wozu existieren wir, und womit können wir dieses Ziel erreichen? Es gibt nur ein Ziel: Wahrnehmung, im besten Fall mit positiver Wertung. Neutrales gibt es nicht. Und das Höhere, das wir gerne vermuten, ist Macht. Die entsteht durch Störungen unseres Gerechtigkeitsmanagements. Wir erklären gerecht mit angemessen. Damit ist Gerechtigkeit nur ein ordentliches Gefühl, mit dem wir auch unser unordentliches Liebe versauen, weil jede r was anderes unter der Grundlage für gemeinsame Zufriedenheit versteht. Prechtig.
15:39
...aber der Oberlehrerton von Precht ist peinlich.
15:24
Wenn ein Hirnforscher und ein Phillosoph aufeinander treffen...
Allein die Schlagworte, die hier Verwendung finden (Potenzialentfaltungscoaches, Potentialentfaltungsprozesse) lassen eine ernsthafte Betrachtung der tatsächlichen Probleme nicht zu. Hier wurde ausschließlich versucht, eine max. Einschaltquote umzusetzen.
Das tatsächliche Problem, dass zum großen Teil aus dem Förderalismus rührt, möchte man nicht ansprechen. Wir wollen Erfolge, Vergleichbarkeit und ansonsten bitte Ruhe!
So kommt man allerdings nicht weiter. Wir brauchen auch keine Superschlauen oder 80 v. H. Abiturienten, sondern eine Schulbildung, die auf die Fähigkeiten und Bedürftnisse unserer Gesellschaft eingeht. Vielfach wird aber nur auf die Entwicklungswünsche von Eltern eingegangen (Hr. Precht hat es vorgemacht...). An der Fernuni hat jemand einen Abschluss mit 1,0 bestanden. Der Student hatte kein Abitur. Wie kann das sein Hr. Precht? Schule ist nicht schlecht, wir reden sie schlecht!
15:13
Das Schlimme ist, dass die beiden ja in gewisser Weise Recht haben, aber durch ihr besserwisserisches Gerede ihrem Anliegen mehr schaden als nutzen.
Und Gespräche zwischen Menschen, die sich so einig sind, sind vor allem eins: langweilig.