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Hart, aber fair

Plasberg serviert bei „Hart, aber fair“ Lebensmittel-Lügen

12.06.2012 | 07:16 Uhr
Plasberg serviert bei „Hart, aber fair“ Lebensmittel-Lügen
"Was ist noch echt in unserem Essen?", wollte Frank Plasberg am Montag bei "Hart, aber fair" wissen.Foto: dapd

Essen.  Tischgespräch statt Polittalk im Ersten: „Lügen satt – was ist noch echt in unserem Essen?“ wollte Frank Plasberg bei „Hart, aber fair“ wissen. Statt Rezepten für einen Alltag ohne Fertigprodukte bekam der Zuschauer jedoch vor allem trockene Fakten und gepfefferte Zitate. Nicht jedem schmeckte das.

„Lügen satt – was ist noch echt in unserem Essen“: Frank Plasbergs Talk „Hart, aber fair“ bot ein dreigängiges Menü: Die Vorspeise bestand aus ungenießbarem Fakten-Salat, als Hauptgang wurden Erkenntnisse mit geistigem Nährwert gereicht, und zum Nachtisch gab's rhetorisch fein abgeschmeckte Zitate. Manchem Zuschauer stieß der Mix sauer auf.

Die Reaktionen

Zuschauer-Anwältin Brigitte Büscher brachte die Publikumsreaktionen gegen Ende der Sendung auf den Punkt. Sie schwankten zwischen „Ratlosigkeit, Wut und Ärger“. Unausgesprochen auch deswegen: Zum Ende der Sendung gab es für die Zuschauer – im doppelten Sinn – keine Rezepte, wie sie sich a) vor betrügerischer Werbe-Lyrik schützen und wie sie a) besser kochen können, zumal wenn sie unter Zeitdruck stehen. Dafür aber gab's Kontroverse satt, und das lag an den Gästen.

Die Gäste

Plasberg hatte zwar überwiegend übliche Verdächtige eingeladen, und dennoch funktionierte der Schlagabtausch gut. Schon von der Sitzordnung her waren die Kontrahenten zu erkennen: Alfred Hagen Meyer, Anwalt der Lebensmittel-Industrie, und Verbraucherschützer Thilo Bode von der unabhängigen Organisation Foodwatch saßen jeweils am Rand des Fünfer-Tisches. Die CSU-Europaabgeordnete Monika Hohlmeier neigte – trotz Lebensmittel-Allergie – in manchen Punkten eher der Industrie zu, deshalb hatte sie Plasberg neben Meyer platziert. Sterne- und Fernsehkoch Björn Freitag war eher Bode zugeordnet. Als ausgleichende Waage inszenierte „Hart, aber fair“ Medizin-Journalist Dr. Werner Bartens von der „Süddeutschen Zeitung“ in der Mitte des Quintetts.

Die Runde bewies übrigens augenfällig, wie wichtig der Faktor Charme im Fernsehen ist. Charme ist der Süßstoff, der bittere Botschaften oder gar gallige Gemeinheiten so zuckert, dass das Publikum sie bereitwillig schluckt. Lebensmittel-Lobbyist Meyer hatte viel Charme. Hat er deshalb auch Recht?

Die Machart

Plasberg provozierte zu Beginn des Talks in bestem Sinne, einerseits um die Diskussion anzuheizen, andererseits um Abstraktes anschaulich zu machen: Er zeigte Produkte, deren Verpackung Verbraucher täuschen und, schlimmer noch, täuschen dürfen. Musterbeispiel: der „Teekanne“-Tee mit einer Optik aus Birnen und Mirabellen. Der Tee enthält allerdings gar keine getrockneten Furchtstücke, sondern lediglich Fruchtaromen.

„Teekanne“ teilte übrigens mit, der Geschmack sei durch Fruchtzusätze nicht erreichbar – sondern durch Labor-Aromen.

Die Argumente

Lobby-Anwalt Meyer pochte auf geltendes Recht. Nebenher outete er sich als fröhlicher Zyniker, als er unterstellte, Verbraucher wollten beim Verzehr von Lebensmitteln auch „Spaß haben“ und ein „Geschmackserlebnis“. Später ließ Meyer durchklingen, Verbraucher wollten betrogen werden.

Bode hielt sofort gegen mit der Formel: „Lebensmittel sind keine Gebrauchtwagen; Lebensmittel sind Vertrauensware.“ Der knäcketrockene Verbraucher-Schützer mit dem Oberlehrer-Ton forderte eine klare, leicht verständliche Kennzeichnung der Ware ein. Zudem verlangte er von der Europa-Parlamentarierin Hohlmeier gesetzliche Regeln statt unverbindlichen Appellen.

Hohlmeier lavierte. Einerseits ist die christsoziale Politikerin allergisch gegen viele Lebensmittel-Zusätze, die in der E-Liste geführt werden. Andererseits mochte sie sich den Forderungen von Foodwatch nach durchweg strengeren Regeln für die Industrie nicht anschließen. Hohlmeier rettete sich rhetorisch mit dem Hinweis, selber kochen sei allemal gesünder, als Fertigpackungen zu verwenden.

Maitre Freitag, nebenher Schalke-Koch, durfte Werbung machen für seine Küche, die ohne Gewürzmischungen und vorgefertigte Pampe auskommt.

Fachjournalist Bartens vertrat den Standpunkt, dass viele Fertigprodukte gesunden Menschen weder Schaden noch Nutzen bringen. Allerdings wandte er sich erklärtermaßen gegen Lebensmittel, die einen medizinischen Vorteil versprechen. Bartens sprach sich aber auch gegen eine „ideologische Überhöhung“ von Bio-Produkten aus.

Bei allem Streit in der Sache gab es einige bemerkenswerte Erkenntnisse.

Erkenntnisgewinn

  • Kalbfleisch-Leberwurst besteht seit langem aus einem Mix aus Kalbfleisch und Schweineleber. Lobbyist Meyer: „Kalbsleber ist einfach zu bitter.“
  • Der umstrittene Geschmacksverstärker Glutamat wird gern ersetzt durch Hefe-Extrakt. Einer der wichtigsten Bestandteile: Glutamat.
  • Überhaupt die Zusätze: Die E-Liste der erlaubten Zusatzstoffe -  von der Lebensmittelfarbe bis hin zum Verdickungsmittel – enthält 360 Positionen. Die Hälfte der Stoffe ist umstritten.

Trotz dieser deprimierenden Fakten gab es erheiternde Momente. Und das lag an zuweilen launigen Sprüchen.

Zitate

  • Björn Freitag: „Das Schlimme sind für mich Aromen. Für ein Gulasch brauche ich vier Gewürze: Salz, Pfeffer, Paprika-Pulver und ein Lorbeerblatt.“
  • Monika Hohlmeier: „Ich will ein bisschen Bewusstsein dafür schaffen, dass man sein Leben nicht mit Fertiggerichten verbringen muss.“
  • Ein Zuschauer: „Gott weiß alles – nur nicht, was in der Wurst ist.“

Wurst war der ARD übrigens am Montagabend eine ordentliche Programm-Planung.

Der Montagabend im Ersten

Dabei hatte das Erste in diesem Frühjahr – das darf sich die ARD-Vorsitzende Monika Piel auf die Habenseite schreiben – gerade am Montag oftmals einen starken Audience Flow hingelegt. Hinter dem sperrigen Begriff verbirgt sich die Vorstellung, dass Zuschauer gern den ganzen Abend bei einem einzigen Sender verbringen – wenn die Programm-Gestaltung stimmt. Und im Frühjahr stimmte sie: Die Doku-Reihe „Marken-Check“ legte montags um 20.15 Uhr stark vor, und Plasberg arbeitete das jeweilige Thema bei „Hart, aber fair“ auf – ebenfalls erfolgreich.

An diesem Montagabend jedoch war das anders. Das Erste begann mit einer unverbindlich schönen Natur-Doku über das Barrier Reef in Australien. Plasbergs Thema indes hatte damit rein gar nichts zu tun – es ging nicht einmal um Schildkröten-Suppe. Da bleibt ein schaler Nachgeschmack.

Jürgen Overkott



Kommentare
12.06.2012
14:22
Liebe Leute...
von Ismet | #7

Wisst ihr wieviele Schweine pro Tag in Deutschland auf die Schlachtbank kommen?
Es sind ca. 140.000 (Einhundert und vierzig tausend) Tiere. Von Rindern, Hühnern, Schafen und Wild rede ich noch nicht.
Wenn man eben jeden Tag Fleisch auf dem Teller haben will, das auch noch so billig wie möglich sein muss. Da bleibt der Industrie doch nichts anderes übrig als in die chemische trickkiste zu greifen.
Ein jede/r kann mit seinem Verhalten eine Änderung bewirken (damit meine ich nicht das jeder im Reformhaus einkaufen soll). Geht ein wenig mehr auf Grünzeug, kauft euer Fleisch bei einem guten Metzger (2x die Woche ein leckerer Steak bietet mehr als zu jeder Mahlzeit irgendwas fleischiges zu Essen). Und ihr werdet sehen das die Lebensqualität allein dadurch schon steigt.
In diesem Sinne...

12.06.2012
14:04
Plasberg serviert bei „Hart, aber fair“ Lebensmittel-Lügen
von sauerlandisse | #6

"An diesem Montagabend jedoch war das anders. Das Erste begann mit einer unverbindlich schönen Natur-Doku über das Barrier Reef in Australien. Plasbergs Thema indes hatte damit rein gar nichts zu tun – es ging nicht einmal um Schildkröten-Suppe. Da bleibt ein schaler Nachgeschmack." Den Zusammenhang zwischen Lebensmittellügen und Schildkrötensuppe muss mir mal einer erklären. Wer will schon Schildkrötensuppe??

12.06.2012
13:11
Plasberg serviert bei „Hart, aber fair“ Lebensmittel-Lügen
von jcm | #5

Na super! Geht´s hier um das künstlich hochgekochte Thema "Raucher" quellen die Kommentarspalten über.
Bei diesem essentiell wesentlich wichtigeren Thema herrscht die Vogel-Strauß-Taktik vor. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Und so halt allabendlich oder mittags der Spruch durch viele deutsche Haushalte: "Oh, Schatz, schon wieder eine Einladung ins Erascoraunt! Womit habe ich das verdient?"

Das Engagement, welches beim Thema Raucher zu registrieren ist wünschte ich mir beim Druck auf die Politik, endlich ernsthaft und nachhaltig gegen Lebensmittel-Panscher etc. vor zu gehen.
Und vor allem müsste der Kochunterricht in Schulen forciert werden. Die WAZ könnte ja mal eine Umfrage starten, wer denn überhaupt noch ins kleine Koch-Einmaleins (wie lange müssen Kartoffeln kochen z.B.) eingeweiht ist...

1 Antwort
Plasberg serviert bei „Hart, aber fair“ Lebensmittel-Lügen
von sauerlandisse | #5-1

Ja jeder guckt sich Kochsendungen an, aber kaum noch einer kann vernünftig Gemüse kochen oder Kartoffeln, weil die einfachsten Grundkenntnisse fehlen. Das wäre schon wichtig, weil man dann weniger zu diesen ganzen Kunstprodukten mit allen möglichen Zusatzstoffen wie Maggi-Fix etc. greifen müsste, die meterweise die Regale in den Supermärkten füllen. Ich könnte immer spucken, wenn ich das sehe und es wird auch gekauft!!
Andrerseits halte ich übertriebene Panikmache auch für schädlich. Die Menschen werden auch wegen der erheblich besseren Lebensmittelversorgung heute älter denn je. Ich kann mich noch gut an meine Kindheit erinnern, da wurden ab Januar nur noch schrumplige Äpfel gegessen und wenn das Brot Schimmel hatte wurde der weggeschnitten...
Am besten ist immer noch das, was die Zuschauerin sagte: "Was meine Oma nicht als Lebensmittel erkannt hätte gibt es bei mir nicht!"

12.06.2012
09:46
Plasberg serviert bei „Hart, aber fair“ Lebensmittel-Lügen
von MeisterRosenfeld | #4

Am schlimmsten war die Hohlmeierin, naja, halt die Tochter ihres Vaters !

12.06.2012
09:43
Plasberg serviert bei „Hart, aber fair“ Lebensmittel-Lügen
von katschi72 | #3

"Fachjournalist" Bartens war ja extrem lächerlich. Foodwatch Bode war der Einzige in der Runde der sich um die Verbraucher sorgte.

Obwohl ich muss schon sagen wer so ein Wellness-Wasser kauft und noch nicht mal auf die Kalorien pro 100ml achtet dem ist auch nicht mehr zu helfen.

12.06.2012
09:41
Plasberg serviert bei „Hart, aber fair“ Lebensmittel-Lügen
von Pit01 | #2

Plasberg hat wieder einmal eine Chance vertan, er war wieder nicht bissig genug und am Ende ? Unterhaltung, mehr nicht.

12.06.2012
07:27
Plasberg serviert bei „Hart, aber fair“ Lebensmittel-Lügen
von MeisterRosenfeld | #1

"Lobbyist Meyer: „Kalbsleber ist einfach zu bitter.“
So ein Unsinn, Kalbsleber ist schlicht zu rar und zu teuer um sie in Leberwurst zu verarbeiten !

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