Pegida-Sprecherin Oertel drischt Phrasen bei Günther Jauch

Pegida-Organisatorin Kathrin Oertel drischt im Jauch-Talk Phrasen.
Pegida-Organisatorin Kathrin Oertel drischt im Jauch-Talk Phrasen.
Foto: imago
Was wir bereits wissen
Erstmals stellt sich ein Pegida-Mitglied der "Lügenpresse": Beistand erhält Kathrin Oertel aus der rechten Ecke.

Berlin.. Da wagen sie sich also endlich in die Höhle des Lügners: Erstmals stellte sich ein Pegida-Mitglied der sonst so verhassten „Lügenpresse“. Kathrin Oertel heißt die Frau, die am Sonntagabend bei Günther Jauch zu Gast war, als Sprecherin der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida). „Die Menschen, die mit uns friedlich demonstrieren, haben es verdient, objektiv wahrgenommen zu werden“, konstatierte sie gleich zu Beginn der Sendung. Menschen „wie Sie und ich“, seien das, sagte sie zu Jauch. Der Gastgeber konterte: „Wie Sie vielleicht, nicht wie ich.“

Was will Pegida? Was treibt Tausende in diesen Tagen – vornehmlich in Dresden – auf die Straße? In der Talkrunde, die CDU-Mann Jens Spahn, Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), Theologe Frank Richter und Afd-Vize Alexander Gauland komplettieren, sollte diese Frage geklärt werden. Was Kathrin Oertel – eine „Frau aus dem Volk“, wie sie sich bezeichnete – dann allerdings an Erklärungen anbot, ging selten über schwammige Phrasen hinaus.

Rhetorische Schützenhilfe von der AfD

Auf Jauchs Frage, ob denn wirklich die sogenannte Islamisierung das Thema von Pegida sei, oder ob allgemeiner Frust die Menschen zum Protest bewege, sagte Oertel den ziemlichen inhaltsleeren Satz: „Es sind Geschehnisse in Deutschland, die aufgrund der Islamisierung stattgefunden haben“. Es könne ja nicht sein, dass es hier Koranschulen gebe, „in denen Hass geschürt wird“.

Pegida Ihr zur Seite sprang an diesem Abend immer wieder AfD-Mann Alexander Gauland, die Pegida-Anhänger seien die „natürlichen Verbündeten“ seiner Partei. Oertel wiederum erklärte später, sie sei immer „klassische FDP-Wählerin“ gewesen, seit ein paar Jahren wähle sie aber AfD. Es wirkte im weiteren Verlauf des Abends so, als fungiere der Politiker als rhetorische Schützenhilfe für die Sprecherin, die nach Fragen nahezu mimik-frei herumdruckste als echte Antworten zu geben.

„Die Versammlungsfreiheit sehe ich nicht bedroht“

Als Oertel bestätigte, dass die geplante Pegida-Demo an diesem Montag aufgrund von Anschlagsdrohungen abgeblasen worden sei, nutzte Gauland das allzugern für seine Stammtischparolen: „Das ist der Beginn der Islamisierung, wenn wir in diesem Lande ein Grundrecht wie das Versammlungsrecht nicht mehr ausführen dürfen.“ CDU-Mann Spahn, der von Beginn an deutlich machte, dass die AfD ihm spinnefeind ist, wies ihn zurecht: „Das kann doch nicht Ihr Ernst sein. Man kann doch zumindest erwarten, dass Sie es nicht direkt so billig machen.“

Frank Richter – ein bisschen die Stimme der Vernunft an diesem Abend – relativierte: „Die Versammlungsfreiheit sehe ich nicht bedroht, für die Demo in Leipzig etwa ist ja kein Verbot ausgesprochen worden“. Richter, seines Zeichens Direktor der sächsischen Zentrale für politische Bildung, rief die Gäste immer wieder zur Differenzierung auf.

„0,2 Prozent Muslime sind schon zu viel“

Als Günther Jauch Filmaufnahmen von Pegida-Demons einblenden lässt, die unter anderem einen entrüsteten Rentner zeigen, der freimütig vor der Kamera bekennt, er sei „gegen Ausländer“ und die 0,2 Prozent Mulsime in Dresden seien „0,2 Prozent zu viel“, sagt Richter: „Ich habe in der Tat auf den Kundgebungen mit Erschrecken hetzerische Reden gehört, aber 90 Prozent der Menschen, die bei Pegida mitgehen, sind einfach ganz normale besorgte Bürger.“

Pegida Ob Pegida denn auch für die restlichen zehn Prozent stehe, fragte Jauch Oertel. „Man kann nicht sagen, dass Ausländer nicht zu Deutschland gehören. Wir sind keine ausländerfeindliche Gruppe“, antwortete sie, die sich den ganzen Abend nicht zu eindeutigen Aussagen hinreißen ließ. Dafür aber zu hanebüchenen Vergleichen.

„Cem Özdemir hat ja auch Cannabispflanzen“

Auf Jauchs Frage, ob denn Kriminelle wie Pegida-Anführer Lutz Bachmann, der unter anderem wegen Körperverletzung und Einbruchs im Gefängnis saß, der Glaubwürdigkeit von Pegida schaden würden, erwiderte Oertel: „Der Cem Özdemir hatte ja auch eine Cannabispflanze auf dem Balkon stehen, der war ja auch nicht immer dem Gesetz treu. Und Steinewerfer Joschka Fischer ist Außenminister geworden.“

Und dann setzte die Sprecherin der selbsterklärten Patrioten noch einen drauf. Warum denn ausgerechnet in Dresden so viele Menschen gegen die Islamisierung protestierten, obwohl es dort nur 0,2 Prozent Muslime gebe, wollte Jauch von ihr wissen. Oertel: „In Deutschland demonstrieren Menschen ja auch gegen die Abholzung der Regenwälder oder Kinderarbeit in Indien.“ „Das hinkt aber ein bissel“, kommentierte Jauch und hakte nochmal nach. „In Köln zum Beispiel leben zehn Prozent Muslime, da hat Pegida kaum Zulauf. Da oder in Berlin etwa leben die Menschen anscheinend friedlich miteinander.“ Das sehe „der Herr Buschkowski“ aber ganz anders, sagte Oertel. Wie genau sie das meinte, führte sie nicht weiter aus, betonte aber, dass die Intergrationspolitik in Deutschland mangelhaft sei. „Asyl ist ja richtig so, aber jeder, der hier leben möchte, hat eine Pflicht, sich zu integrieren.“

Wolfgang Thierse unternahm immer wieder Versuche, zu vermitteln – rutschte dabei aber nicht selten arg nah an die Grenzen der Phraserei. „Eine ganze Menge Ängste der Menschen kann ich ja verstehen. Das sind Entheimatungsängste. Pluralismus in einer Gesellschaft ist etwas sehr Anstrengendes.“ Aber man dürfe nicht immer nur von anderen fordern, sondern die Gesellschaft müsse gemeinsam an einem friedlichen Zusammenleben arbeiten.

Mit der Gesamtsituation unzufrieden

„Wir können die 19 Punkte aus dem Positionspapier ja gerne gemeinsam durchgehen“, so Thierse. Doch auf den Plakaten der Demonstranten würden immer wieder Themen auftauchen, die mit dem Positionspapier gar nichts zu tun hätten. „GEZ abschaffen fordern manche, anderen geht es um Rente.“

PegidaHaben Sie Frust?“, fragte Jauch Kathrin Oertel unvermittelt. Viele seien in der Tat unzufrieden, so Oertel: „Man durfte jahrelang das Wort Asyl nicht in den Mund nehmen oder über Einwanderer sprechen.“ Das entlarvte Jens Spahn schnell als falsch: „Thilo Sarrazins Buch über Integration war ein Bestseller. Sie können doch nicht behaupten, dass man erst seit drei Wochen über Einwanderung spricht.“

Dass es Pegida offenbar eben nicht nur um eine angebliche Islamisierung geht, schimmerte immer wieder durch. Das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, und eine diffuse Unzufriedenheit mit der Politik – salopp gesagt: mit der Gesamtsituation – treibt die Anhänger der Patrioten offenbar um. Gauland: „Die Politiker wollen die Demonstranten einfach wegreden. So wie unsere Bundeskanzlerin in ihrer Neujahrsansprache.“

Linksextremisten und Gutmenschen

Ein letztes Mal versuchte sich Jauch an der Warum-Dresden-Frage, die er diesmal Alexander Gauland stellte. Der hatte denn auch eine Antwort parat, wenngleich keine sinnvolle: „Die Leute sehen im Fernsehen, was in den westdeutschen Großstädten passiert. Die Dresdner sind einfach die ersten, die das erkennen.“

Dresdnerin Kathrin Oertel jedenfalls ließ zum Schluss noch einmal eine ordentliche Portion Schwarz-Weiß-Denken erkennen, als sie sich darüber beklagte, dass bei den Kundgebungen „sogenannte Gutmenschen“ – sprich: Gegendemonstranten – von „Linksextremisten“ durchsetzt seien, die „uns das Leben schwer machen“. Dafür gab es Applaus von geschätzt fünf Händepaaren aus dem Publikum.

„Wir wollen Druck auf die Regierung ausüben“, versuchte sie dann noch einmal zu erklären, was Pegida eigentlich bezweckt. „Wir wollen den Politikern klar machen: Leute, tut was.“ Aber was? Das ist nach wie vor unklar. Nichtsdestotrotz beschlossen alle aus der Runde einhellig, künftig stärker in den Dialog miteinander treten zu wollen. Am Ende eines Abends, der ohne hitzige Debatte, die viele womöglich erwartet hatten, zu Ende ging – und ohne klare Antworten.