„Nackt unter Wölfen“ in der ARD – Von Menschen und Unmenschen

In dem Koffer schmuggelt KZ-Häftling Zacharias Jankowski (Robert Mika) einen kleinen Jungen: Für die ARD hat Philipp Kaldenbach den Roman "Nackt unter Wöfen" neu verfilmt.
In dem Koffer schmuggelt KZ-Häftling Zacharias Jankowski (Robert Mika) einen kleinen Jungen: Für die ARD hat Philipp Kaldenbach den Roman "Nackt unter Wöfen" neu verfilmt.
Foto: MDR/UFA Fiction
Was wir bereits wissen
Großes Fernsehen: Der ARD-Film „Nackt unter Wölfen“ bewegt, weil es das Grauen im KZ so nüchtern darstellt – und auch die großen menschlichen Momente.

Leipzig.. Was kann uns Steven Spielberg über die Gräueltaten der Nazis noch erzählen, was wir nicht schon wussten? Das haben wir gefragt, als „Schindlers Liste“ einst in die Kinos kam, uns dann mit seiner vollen emotionalen Wucht traf und unsere Frage verstummen ließ. Und sie stellt sich auch nicht für Philipp Kadelbachs zutiefst bewegende Neuverfilmung des Romans „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz. Einer Geschichte von Menschlichkeit in der denkbar unmenschlichsten Welt des Konzen­trationslagers Buchenwald.

"Nackt unter Wölfen" legt Fokus auf grenzenlose Gewalt im KZ

ARD In der DDR gehörte der Roman zur Pflichtlektüre, Frank Beyer hatte ihn Anfang der 60er-Jahre mit großem Pathos als kommunistische Heldengeschichte des Lagerwiderstands inszeniert. Kadelbach greift Motive auf, setzt aber mit Drehbuchautor Stefan Kolditz auf eine Betrachtung, die auf heroische Posen mit einer verschmerzbaren Ausnahme am Schluss verzichtet und gerade durch ihre Klarheit und nüchterne Härte besticht. Beide hatten zuvor für das ZDF den erfolgreichen, aber auch streitbaren Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ gedreht.

Kadelbach rückt die grenzenlose Gewalt samt der dazugehörigen Willkür in einer Drastik in den Blickpunkt, wie sie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, noch dazu zu dieser Uhrzeit, ungewöhnlich ist. Wenn etwa der sadistische SS-Unterführer im „Bunker“ des KZ foltert, um Informationen über einen Lageraufstand der Kommunisten herauszupressen, sind die Bilder kaum erträglich.

"Wenn wir den Jungen opfern, opfern wir alles"

Doch es ist eine moralische Kernfrage unter den Opfern, die den Film bewegt, und damit ist er weit mehr als eine grausam bebilderte Geschichtsstunde: Wie menschlich sind sie selbst geblieben, wie sehr hat sie diese furchtbare Extremsituation verändert? Sollen sie das Risiko eingehen, einen kleinen jüdischen Jungen vor den Nazis zu verstecken, der unentdeckt in einem Koffer eingeschmuggelt wurde? Ein Kind, dessen Existenz ihre Pläne eines Aufstands in Gefahr bringt? „Wenn wir den Jungen opfern, opfern wir alles“, sagt der Zimmermann Pippig (Florian Stetter), der ihn praktisch adoptiert, und der Kapo Höfel (Peter Schneider) hält den schlimmsten Torturen stand, um ihn nicht zu verraten. Aber sie haben Gegner unter den eigenen Leuten.

"Nackt unter Wölfen" mit großartigem Ensemble

ARD Bei Kadelbach ist dieser Kampf weniger von festem Willen bestimmt, als von Angst und Tränen der Verzweiflung. Er hat dafür ein großartiges Ensemble verpflichtet, neben Schneider und Stetter ist es vor allem Sylvester Groth, der einmal mehr seine enormen Fähigkeiten ausspielt, hier als Lagerältester und Chef der Häftlingsselbstverwaltung: Ein zerrissener Mann, der den SS-Schergen beim Geschäft hilft, aber auch nur, um seinen Leidensgenossen das Schicksal mit allen Mitteln irgendwie zu erleichtern. Dieser innere Kampf, dieser Hass auf sich selbst, ist bei Groth stets zu spüren, ohne dass er zur geringsten Übertreibung neigte.

Matthias Müsse hat das KZ mit seinen scheußlichen Baracken möglichst authentisch nachbauen lassen. Es ist der Rahmen für einen ganz starken Film.

Fazit: Ein zutiefst bewegendes Drama, das seine Klasse aus der nüchternen Härte und dem Verzicht auf Pathos bezieht, mit der es erzählt wird, aber auch aus der darstellerischen Qualität.

  • ARD, Mittwoch, 1. April, 20.15 Uhr