Mit den Dritten sieht man besser?
14.02.2010 | 16:44 Uhr 2010-02-14T16:44:00+0100
Essen.Sie werden belächelt, gelegentlich, belächelt, weil sie ein in Ehren ergrautes Publikum bedienen. Tatsächlich haben die Dritten allen Grund zu strahlen. Ihre Quoten sind so gut wie nie. Dennoch vergeht manchem Zuschauer inzwischen das Lachen. Denn das Programm der Dritten folgt allzu oft einem Adenauer-Slogan „Keine Experimente“. Stattdessen gilt: Quote, Quote, über alles.
Die nackten Fakten sprechen für sich. Nach Marktanteilen gibt es in der ersten Hälfte dieses Monats einen klaren Sieger. Mit insgesamt 14,1 Prozent ließ der Block der Dritten die Konkurrenz hinter sich. Mit deutlichem Abstand: Platz zwei teilen sich das Zweite und RTL mit je 13,2 Prozent, dicht dahinter das Erste mit 13,1 Prozent. Sat.1 liegt abgeschlagen auf Platz vier mit gerade mal 10,4 Prozent.
Selbst in Zeiten der quotenträchtigen olympischen Spiele belegen die Dritten immer noch einen respektablen zweiten Platz. Der Start des Spektakels in Vancouver bescherte der ARD mit 19,1 Prozent den klaren Tagessieg., gefolgt von RTL und den Dritten mit 13,1 Prozent. Und das, obwohl das öffentlich-rechtliche Regionalfernsehen eben nicht mit Dieter Bohlen und seinen „Superstars“ aufwartet.
Familie Westermann mag Berichte aus der Region
Dabei ist der Erfolg der Dritten keineswegs so zufällig wie Zocker-Glück, obwohl das angepeilte Publikum zumindest beim NDR in Würfelform allerorten zu finden ist. Der Nordsender richtet sein Programm nach den Erwartungen der Musterfamilie Westermann aus. Die vierköpfige Familie mit Sohn und Tochter lebt in einer Kleinstadt bei Osnabrück. Die Familie vom Dorf mag Berichte aus der Region, gern öffentlich-rechtlich. Aber auch das Privatfernsehen verachtet sie nicht, Wissenssendungen wie „Galileo“ bei ProSieben, beispielsweise. Mit Politik hingegen können die Westermänner wenig anfangen, und allzu schräg darf das Fernsehen auch nicht daherkommen.
Der NDR sieht die Westermänner „als Repräsentanten einer wichtigen Zielgruppe“, wie Sendersprecherin Iris Bents unserer Zeitung sagte. Sie gibt den Redaktionen „eine Idee davon, für wen sie Programm machen“ – eine Gruppe von Menschen, „die mitten im Leben stehen, mit Berufserfahrung und Familienverantwortung, engagiert in Kirchen und Verbänden“.
SWR-Sprecherin Ariane Pfisterer bezeichnet dieses Publikum als „Mitte der Gesellschaft“. Zugleich geht es um das, was Statistiker „Sinus-Milieu“ nennen – „das Stammpublikum“ wie BR-Sprecher Rudi Küffner erklärt, Dazu zählen auch die „Traditionalisten“.
Der WDR hingegen mag sich nicht derart bieder geben. „Es ist uns wichtig, das Lebensgefühl der Menschen in Nordrhein-Westfalen zu treffen“, erläutert Sendersprecherin Stefanie Schneck. Aber die sogenannten Heimat-Spots zeigen „Menschen aus den unterschiedlichen Regionen NRWs und verschiedener kultureller Herkunft“.
Verzicht auf Kamelle
Während der Bayerische Rundfunk am Rosenmontag zur besten Sendezeit nicht davor zurückschreckt, seine Zuschauer mit der Komödie „Schlag auf Schlag“ von anno 1958 zu beglücken, verzichtet der WDR gottlob auf Kamellen, deren Haltbarkeitsdatum längst überschritten ist.
Doch auch die Kölner Rundfunker zeichnen sich nicht eben durch Wagemut aus. So lässt das mittwöchliche „NRW Duell“ spätwinterliche Gefühle aufkommen: Am schönsten ist es, wenn’s vorbei ist.
Dabei haben der WDR & CO. durchaus hintergründige Regional-Nachrichten, bemerkenswerte Reportagen und pfiffige Unterhaltung zu bieten. Nur werden derlei Sendungen allzu oft sorgsam im Spätprogramm versteckt. Beispiele gefällig? Der Report „Mutter gegen Jugendamt“ aus der Reihe „Menschen hautnah“ und den putzmunteren Show-Klassiker „Zimmer frei“ verbindet eines: Beides läuft im WDR erst nach 22 Uhr.
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