Das aktuelle Wetter NRW 12°C
Venedig

Kult vor prächtiger Kulisse

14.02.2010 | 16:31 Uhr
Kult vor prächtiger Kulisse

Venedig.Tanja Schulze-Hess ist dieses Jahr die französische Königin Marie Antoinette. So kostümiert macht die Hamburgerin schon seit Tagen den weltberühmten Karneval von Venedig mit. Die 39jährige Verlagskauffrau schreitet königlich über den Markusplatz, gehüllt in ein üppig wippendes Kleid mit Spitze aus China, die sie schwarz gefärbt hat. Am Canal grande ist die Kostüme kreierende Autodidaktin nahezu gefürchtet. Seit 13 Jahren setzt sie daheim im deutschen Wohnzimmer mit der Heißklebepistole die schönsten und fantasievollsten Roben zusammen. In den letzten drei Jahren gewann sie jeweils bei der Kostümparade den ersten Preis.

Auch zum Karnevalshöhepunkt will die Deutsche an dem Wettbewerb wieder teilnehmen. Dabei wurde sie dringend um Nichterscheinen gebeten, damit mal jemand anders Gewinnchancen hat. „Doch das lasse ich mir nicht nehmen”, trumpft Königin Marie Antoinette auf.

Wie Tanja Schulze-Hess eilen jedes Jahr viele Deutsche zum Karneval in die einstige Dogenrepublik. Junge Paare sparen sich dafür extra eine Urlaubswoche auf. Für viele ist es Hobby geworden, selbst zu schneidern. Sie wissen genau, wo es die richtige Goldlitze für Kleiderpracht aus dem 18. Jahrhundert gibt, wo Dreispitze, Federschmuck und die raffiniertesten Gesichtsmasken weniger kosten.

„Es macht soviel Spaß, den Alltag hinter sich zu lassen und eine Woche lang eine Persönlichkeit aus der Geschichte zu werden”, sagt ein junger Rheinländer, der jedes Jahr mit seiner Freundin anreist. Karneval in Venedig ist eben anders. Da gibt es keine Alaaf- und Helau-Stimmung, das ist Kult mit farbenprächtiger Kulisse, mit viel freudiger Lebenslust, die die Probleme der absinkenden Stadt auf dem Wasser vergessen machen.

Natürlich passieren bei rund einer Million Besuchern auch mal Ausrutscher. Spontanen Striptease mit ernstem Hintergrund gab es zum Beispiel dieser Tage an der Lagune, mitten im Karnevalstreiben, und eigentlich als Protest gegen drohende Arbeitslosigkeit von Seiten einiger Beschäftigten einer internationalen Firma gedacht.

Wie nackt kommen sich in diesen Tagen normal gekleidete Touristen in Venedig vor. Da wird man angestarrt wie ein seltsames Tier, wenn man nicht schnellstens einen Kostümverleih aufsucht oder sich wenigstens eine Augenmaske zulegt. Venezianer bleiben von morgens bis nachts kostümiert, sofern sie nicht trubelscheu sind und deshalb für die Karnevalszeit aus der Stadt flüchteten.

Frauen der besten Gesellschaft treffen sich, Reifröcke aus dem 18. Jahrhundert raffend, wie immer zum Tee in Cafés am Markusplatz, umschwärmt von Höflingen und Kavalieren, die sich artig zum Handkuss hinunterbeugen. Etikette gehört dazu. Geheimtipp ist wie jedes Jahr eine Einladung zum Dogenball im Palast Pisani Moretti. Das ist der Treff, versteckt hinter Masken, der internationalen Jet- Set-Gesellschaft, zu dem sich echte Prinzen und Sultane, auch berühmte Künstler einfinden. Frühestens ein Jahr später kommt heraus, welche Prominente diesmal dabei waren.

Diskretion sei sie den Gästen schuldig, sagt Organisatorin Antonia Sautter, die schon als Kind an der Seite ihrer Mutter im Karneval engagiert war. „Sieben Träume, sieben Sünden” heißt der diesjährige 17. Dogenball, und dafür ließ Antonia die drei Stockwerke des Palastes in Hölle, Fegefeuer und Paradies aufteilen. „Die illustren Gäste werden symbolisch Teufel, Sünder und Engel sein”, verriet sie.

Doch auch das offizielle Karnevalsprogramm sorgt täglich mit Theater- und Konzertdarbietungen rund um die Uhr, Harlekin-Spässen und Herkules-Spielen, auch mit Küchengenüssen und selbst mit einer Schnitzeljagd auf Venedigs Kanälen für reichlich Abwechslung.

Christa Langen-Peduto

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/3419029/create

Aktuelle Fotos und Videos
Musiker im ESC Finale
Bildgalerie
ESC 2012
Tanz-Queen Magdalena Brzeska
Bildgalerie
Let's Dance
Roman Lob in Baku
Bildgalerie
ESC 2012
ESC-Delegations-Party
Bildgalerie
ESC 2012
Aus dem Ressort
"Monpti" - eine Hommage an die große Romy Schneider
Fernsehen
30 Jahre nach ihrem Tod widmet 3sat der großen Schauspielerin ein Filmreihe. „Sissi“ ist nicht dabei, aber die Reihe spiegelt die Schaffenskraft wider. Los geht es am Sonntagabend mit „Monpti“, einem Film aus den 50er Jahren.
RTL II bestreitet, für Übertreibungen gezahlt zu haben
„Gangster“-Doku
Nach einem RTL-II-Bericht über angebliche Gangster und Gewalt in Hochheide widerspricht der Fernsehsender den Vorwürfen der gefilmten Jugendlichen. RTL II habe kein Geld bezahlt, um übertriebene Aussagen zu erhalten. Die Produktionsfirma habe lediglich „Motivkosten“ erstattet.