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Interview

Kult-Regisseur Oliver Storz: Der Kommissar hat Autorität

29.04.2009 | 17:56 Uhr
Kult-Regisseur Oliver Storz: Der Kommissar hat Autorität

Dortmund. Er schrieb für "Raumschiff Orion", er erfand "Tatort"-Kommissar Haferkamp, er ließ Matthias Brandt Kanzleramtsspion Guillaume spielen: Oliver Storz. Am Donnerstag wird er 80. Bereits am Mittwoch zeigt die ARD seinen Film "Die Frau, die im Wald verschwand". Mit Storz sprach Jürgen Overkott.

Meine Erinnerung an Ihre Filme ragt in Kindertage hinein: Sie haben mich beglückt mit dem „Raumschiff Orion“.

Regisseur Oliver Storz. (c) imago

Oliver Storz: Du lieber Gott! Das war eine Gemeinschaftsarbeit von Leuten, die Bücher aufmöbeln mussten, die nicht brauchbar waren. Für mich war das ganz schwierig, weil ich zu Science Fiction überhaupt kein Verhältnis habe. Na ja, „Orion“ hat mit echter Science Fiction auch gar nichts zu tun – es ist Räuber und Gendarm im Weltraum. Ich habe das unter dem Pseudonym W. G. Larsen gemacht – ich tauche also namentlich gar nicht auf. Ich musste es machen, weil ich Vertragsautor der Bavaria war. Die Gesellschaft konnte mich zwingen, denn es ging um sehr viel Geld – für die Bavaria. Dass „Orion“ eine Kultsendung werden würde, haben wir alle nicht geahnt.

Es gab später mal einen „Rücksturz ins Kino“. Was halten Sie denn davon?

Oliver Storz: Ich habe das nie gesehen. Es hat mich nicht mehr interessiert. Ich habe mich damals mit („Orion“-Schauspieler) Dietmar Schönherr getroffen und habe ihm gesagt, komm, lass uns den Abend anders verbringen. „Orion“ war für mich eine Geschichte aus mythischer Vorzeit.

Sie waren Anfang der 70er auch am „Tatort“. Das war damals noch eine ziemlich junge Reihe.

Oliver Storz: Ja, „Tatort“. Ich habe damals die Figur von Kommissar Haferkamp miterfunden. Es war die Figur des einsamen Wolfs, der ein schwieriges Verhältnis zu seiner Ex-Frau hatte.

Haferkamp wurde zu einer Kultfigur. Haben Sie eine Idee, warum?

Oliver Storz: Das kann ich Ihnen nicht sagen.

Der „Tatort“ ist eine der ältesten Reihen des deutschen Fernsehens überhaupt. Dennoch kommt er immer noch unheimlich gut bei jungen Leuten an. Was ist das Geheimrezept?

Oliver Storz: Es sind im Wesentlichen zwei Gründe. Der Mord, einem anderen vorsätzlich das Leben zu nehmen – das ist sozusagen der Bruch in der Welt. Das ist der Abgrund des Menschen. Das Publikum tut nichts lieber, als in einen Abgrund von Verbrechen zu schauen – allerdings von einer gesicherten Position aus. Dieses Gruselspiel scheint eine nicht enden wollende Faszination zu haben. Mir tat es immer etwas Leid, dass „Tatorte“ in der Regel nach dem Prinzip funktionieren: Who dunnit – wer hat’s getan? Es passiert eine Schweinerei, und nach 90 Minuten sagt uns der Kommissar, wer’s war. Das ist die banalste Form des Krimis. Es gibt viel raffiniertere Formen – etwa wenn wir von Anfang an wissen, wer der Täter war...

...das Prinzip Derrick.

Oliver Storz: Für mich war so etwas dramaturgisch interessanter. Ich habe nur ein, zwei „Tatorte“ gemacht, dann wurde es mir zu fad.

Mord ist nicht Ihr Hobby.

Karoline Eichhorn und Matthias Brandt in "Die Frau, die im Wald verschwand". © NDR/Markus Fenchel

Oliver Storz: Ich habe auch Stücke geschrieben, wo es um Leben und Tod ging – aber eben völlig anders. (Pause) Die Lieblingsfigur der Deutschen ist seltsamerweise der beamtete Kommissar.

Sind wir eine Beamtennation?

Oliver Storz: Ja. Der Beamte hat Autorität, dem vertraut man. Der Beamte ist sozusagen eine Vaterfigur. Bei den Amerikanern ist das ganz anders. Denken Sie an Raymond Chandler, an Dashiell Hammett! Deren Figuren sind Privatdetektive. Die Amerikaner lieben den einzelnen, auf sich gestellten Mann, der ein Verbrechen aufklärt.

Ein Mann, der das Recht in seine eigenen Hände nimmt.

Oliver Storz: Uns Deutschen erscheint der Beamte als irdische Gottvater, der die Welt wieder in Ordnung bringt. Für uns ist wichtig: Am Schluss muss der Täter überführt sein, die Gerechtigkeit muss ihren Lauf nehmen, die Welt muss wieder zumindest für einen Tag in Ordnung kommen. Es ist ein profanisiertes religiöses Motiv: Schuld und Sühne.

Sie sind ein Vertreter des kritischen Fernsehens. Wie kritisch darf, wie kritisch muss Fernsehen sein?

Oliver Storz: Mich lassen sie. Ich habe mir im Laufe des Jahrzehnte eine Nische bauen können – mir reden sie nicht rein. Für mich hat es die Wörter „darf“ und „muss“ nicht gegeben. Weder bei dem Zweiteiler über Willy Brandt noch bei dem beinahe zum Klassiker gewordenen Stoff „Drei Tage im April“. Nein, ich bin zufrieden mit der ARD. Die Verantworten waren tolerant und fair und haben mir einen großen Freiraum gewährt.

Oliver Storz bei den Dreharbeiten zu "Die Frau, die im Wald verschwand". © NDR/Markus Fenchel

Was hat Ihnen die Narrenfreiheit beschert?

Oliver Storz: Narrenfreiheit ist zu grob.

Zugegeben zugespitzt.

Oliver Storz: Der Freiraum hat damit zu tun, dass die Verantwortlichen wussten, den Storz können wir machen lassen, mit dem fallen wir nicht auf die Schnauze.

Kurz vor Ihrem Geburtstag läuft Ihr Film „Die Frau, die im Wald verschwand“. Der Sendeplatz Mittwoch hat oft einen gefährlichen Gegner: Fußball.

Oliver Storz: Damit muss man leben.

Sehen Sie die Gefahr, dass der Fußball das Fiktionale in Randzonen drängt?

Oliver Storz: Das glaube ich nicht. Man wird möglicherweise neue Formen finden müssen – auch wenn das gute, alte Fernsehspiel früher das Aushängeschild des deutschen Fernsehens war. Darum hat uns ganz Europa beneidet. Nein, ich glaube, der anspruchsvolle Fernsehfilm ist auch künftig nicht totzukriegen.

Die vier wichtigsten Rollen sind mit sehr bekannten Schauspielern besetzt. Wie wichtig sind diese Namen für Sie?

Oliver Storz: Nehmen Sie Matthias Brandt: Er hat seine erste Fernsehrolle bei mir gespielt. Er war in dem Willy-Brandt-Zweiteiler „Im Schatten der Macht“ Guillaume. Es war übrigens seine Idee. Ich kannte Matthias Brandt vorher gar nicht. Er war von den Drehbüchern begeistert und wollte mitspielen. Die Rolle war für Matthias Brandt ein Raketenstart, der Durchbruch.

Heute ist er auf Preise abonniert.

Oliver Storz: Neben Matthias Brandt spielt Stefan Kurt. Der ist für mich genauso wichtig. Und dann ist Karoline Eichhorn dabei. Auch sie habe ich entdeckt. Sie hat in „Drei Tage im April“ mitgespielt. Und der Vierte bei meinem Film „Die Frau, die im Wald verschwand“ ist Jürgen Hentsch. Der hat in dem Brandt-Film den Wehner gespielt – ein Schauspieler, den ich überaus liebe. Kurzum: Es ist eine Art Ensemble. Ich will Ihnen was sagen: Wenn ich einen neuen Stoff entwickle, sind das die vier Gesichter, die vor meinen Augen erscheinen. Ich kenne sie genau. Ich weiß, wann der Hentsch einen Satz überflüssig macht mit einem einzigen Atmer. Ich schreibe von vorn herein auf die Schauspieler zu, die ich kenne und liebe. Die Schauspieler-Gesichter, die ich beim Schreiben sehe, erzählen mir die Geschichte.

Jürgen Overkott



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