„Investigativ“ - wie Hooligans Angst und Schrecken verbreiten
06.12.2011 | 05:45 Uhr 2011-12-06T05:45:00+0100
Essen. Schlägereien, Jagdszenen, 1000 Grad heiße bengalische Feuer - wie sicher sind heute Deutschlands Fußball-Stadien? Journalist Wolfram Kuhnigk hat sich für das neue RTL-2-Format "Investigativ" in die Hooligan-Szene begeben. In seiner Reportage zeichnet er ein erschreckendes Bild.
Die Negativ-Schlagzeilen im deutschen Fußball reißen nicht ab: Hooligans und Ultras verbreiten immer häufiger in den Stadien Angst und Schrecken. Krawalle, Schlägereien, Jagdszenen, 1000 Grad heiße bengalische Feuer , die besoffene Fans durch die Luft schwingen und Feuerwerkskörper, die in den nächsten Zuschauerblock geworfen werden. Kann man heutzutage überhaupt noch ohne Angst mit seinen Kindern ins Fußballstadion gehen?
Wer am Montagabend zu später Stunde die erste Folge der neuen Reportage-Reihe „Investigativ“ auf RTL 2 gesehen hat, wird die Frage wohl für einige Risiko-Fußballspiele mit „Nein“ beantworten. Erschreckend nah dran ist die Premiere des Journalisten Wolfram Kuhnigk. Er mischt sich unter die Hooligans in die Kurve, fährt mit ihnen im Fanzug und wird mehr als einmal bedroht.
Reportage-Format "Investigativ" mit viel Atmosphäre
Mit der Handkamera-Perspektive lässt Kuhnigk die Zuschauer an seinen Recherchen teilhaben. Dabei ist er in den Interviews oft selbst im Bild zu sehen. Was anfangs etwas gekünstelt und übertrieben wirkt, manifestiert sich im Laufe des modernen, atmosphärischen Reportage-Formates „Investigativ“ als die von Kuhnigk erfasste Realität. Dabei stellt sich der Journalist die Frage: Warum tun Menschen das, was sie tun - auch wenn es anders, unmoralisch, unter Umständen illegal ist?
15.000 gewaltbereite Fußball-Fans gibt es schätzungsweise in Deutschland. Deren Motive will Kuhnigk erkunden und stößt dabei auf ein verstörendes Bild. „Entweder wir oder die – einer muss fallen“, protzt ein Fan vor dem Spiel Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln ins Mikro. Die Bundesliga-Partie gilt aus Sicht der Polizei als Risiko-Spiel. Die Rivalität einiger Fans rund um das Rhein-Derby droht jederzeit in Gewalt umzuschlagen. Hooligans haben sich bereits im Vorfeld zu Schlägereien verabredet .
Hetzjagd auf Fans von Borussia Mönchengladbach
Kuhnigk mischt sich vor Spielbeginn in einen mit Köln-Fans vollgepackten Regionalzug. Bei einem Zwischenstopp auf dem Bahnhof in Mönchengladbach-Rheydt stürzen plötzlich mehrere Hooligans aus dem Zug und schlagen wahllos auf unschuldige Gladbach-Fans ein. Als Polizisten den Opfern zu Hilfe eilen, verstecken sich die Täter im Zug und entkommen. „Die Gewalttäter mischen sich unter normale Fans, um sich den Kontrollen zu entziehen“, so Kuhnigk.
Beim Rhein-Derby im April 2011 darf Kuhnigk nicht im Stadion filmen. „Die deutsche Fußball-Liga mag keine Berichte über gewaltbereite Fußball-Fans – das schade dem Image des Sports“, zitiert der Journalist aus der Absage im Vorfeld. Im Kölner Block werden während der Partie zahlreiche Feuerwerkskörper gezündet… Auch nach dem Spiel ist eine massive Polizeipräsenz zur Deeskalation zwischen den Fanlagern nötig: „Es ist eine Sportveranstaltung, aber es fühlt sich an wie ein Antiterroreinsatz“, bilanziert Kuhnigk.
Verharmlosung von Gewaltexzessen
Der Journalist trifft sich mit für seine „Investigativ“-Reportage mit „Samurai“ Frank Renger (43) aus Essen. Der Betreuer des Fußball-Vereins Tura 86 Essen hatte bei der Fußball-WM 1998 den französischen Polizisten Daniel Nivel lebensgefährlich verletzt und wurde zu zehn Jahren Haft wegen versuchten Mordes verurteilt. Mit ihm spricht Kuhnigk über das Thema Hemmschwelle. „Augen zu und durch – der Rausch der Gewalt – Tunnelblick“, sind die Antworten, die er von Renger erhält. „Immer wieder versucht er seine Gewaltexzesse zu verharmlosen“, lautet das Fazit von Kuhnigk nach dem Gespräch.
Nach der Veröffentlichung der Kritik über das Reportage-Format "Investigativ" von RTL 2 hat sich Stefan Schubert bei der DerWesten-Redaktion gemeldet: "Leider stimmt Ihre Aussage, dass der Eindruck in dem Sendeformat von RTL 2 erweckt wurde, ich hätte das Bewerfen von Polizisten mit brennenden Feuerwerkskörpern als großen Spaß bezeichnet. Dies entspricht jedoch nicht der Wahrheit.
Die Produktionsgesellschaft Granada hat mir diese Szenen vorenthalten und mich auch im Interview nicht über den tatsächlichen Ablauf aufgeklärt. Mir wurden lediglich ein paar Sekunden auf Youtube vorgespielt, wo ein Sonderzug mit Fans rauchend in einen Bahnhof einfährt und ein Knallkörper gezündet wurde. Das war's. Sämtliche anderen Umstände wurden mir vorenthalten.
Ich habe nach der Ausstrahlung bei dem zuständigen Redakteur interveniert und eine Berichtigung verlangt, dies wurde jedoch durch Hausjuristen abgelehnt. Mein Buch ist sicherlich keine leichte Kost, ich habe mich aber niemals an Gewalttätigkeiten gegen Polizisten beteiligt oder diese gutgeheißen."
RTL 2 widerspricht dieser Darstellung: "Die ausführende Produktionsfirma hat uns versichert, dass Herrn Schubert die im Beitrag zu sehende Sequenz eines einfahrenden Fanzuges bei der Produktion vorgespielt wurde", sagte ein Sendersprecher, "Der ausgestrahlte Kommentar von Herrn Schubert ist also in diesem Zusammenhang zu sehen." Die nach der Ausstrahlung erhobenen Anschuldigungen seien insofern verwunderlich, als dass der Interviewte den Beitrag vorab erhalten und diesen auch zur Ausstrahlung freigegeben habe.
Der Autor des Buches „Gewalt ist eine Lösung“ verdient sogar Geld mit seiner Hooligan-Vergangenheit. Der Ex-Polizist Stefan Schubert war Mitglied der „Blue Army Bielefeld“ – einer radikalen Hooligan-Gruppe. Als ihm Kuhnigk ein Video vorspielt, bei dem Polizisten aus einem fahrenden Zug mit Feuerwerkskörper beworfen werden, sagt Schubert: „Da kann man schon eine Menge Spaß haben“.
Unschuldige verlor ein Auge wegen Hooligan-Attacke
Kuhnigk lässt auch Opfer zu Wort kommen. Hannelore Steiner verlor ein Auge, als Hooligans des FC Bayern München einen Fan-Bus des 1. FC Nürnberg stürmten und mit Flaschen warfen. Während Hannelore Steiner noch heute unter dem Angriff leidet, kamen die vorbestraften Täter vor Gericht mit Bewährung davon. „Die nahmen keine Rücksicht auf Frauen und Kinder“, erzählt sie.
Das Fazit des Journalisten nach seinen „Investigativ“-Recherchen fällt vernichtend aus: „Egal welche Perspektive ich suche, für die Exzesse der Hooligans gibt es keine Entschuldigung“. Mit seiner Reportage vermittelt Kuhnigk die Botschaft: Die Hooligan-Attacken können jederzeit auch Unbeteiligte treffen. Dabei spitzt er seine Aussage allerdings auch sehr auf die Problemspiele wie Mönchengladbach gegen Köln oder die Derbys in Leipzig zu.
Schock-Dokumente bei "Investigativ"
Von Kuhnigk während der Reportage gezeigte YouTube-Videos von Hooligans, die sich zu brutalen Schlägereien im Wald treffen, sind zwar schockierende Dokumente. Ob sie allerdings über das Fernsehen auch noch einem großen Publikum präsentiert werden müssen, ist fragwürdig und doch zu sehr der typische Voyeur-Stil von RTL 2, in den das sonst so gelungene Reportage-Format „Investigativ“ gar nicht passt.
Die zweite Folge von „Investigativ“ hat am Montag, 12. Dezember, um 23.10 Uhr auf RTL 2 das Thema „Kuhnigk und das Geschäft mit der Lust“.
22:51
Eigentlich wollte ich meinen Senf dazugeben, aber #26,#25 usw haben schon alles gesagt :-)
09:12
Dass die WAZ diese schlecht recherchierte und reißerische Sendung des sogenannten »Hausfrauensenders« aufgreift ist leider ein weiterer Negativhöhepunkt dieser Zeitung. Einfach mal den Mut haben, selber und richtig zu brecherchieren, anstatt Auflage zu machen. DAS wäre »investigativ«.
07:00
Ich habe einige Hundert Spiele meines Vereins live im Stadion verfolgt, sowohl auswärts, als auch zuhause, und ich kann Ihnen versichern: Ich habe überlebt! Schlimmer noch: Ich bin noch nie verprügelt worden!
RTL2 sollte bei seinem Kerngeschäft bleiben, "investigative Reportagen" à là "Mädchen, Möpse, Margeritas" oder "Bauern, ****, Ballermann" können sie einfach besser, und es passt zum Niveau der Zielgruppe.
Natürlich gibt es schonmal Prügeleien rund um Fußballstadien, die gibt es immer da, wo viele Menschen zusammenkommen. Während der 2 Wochen Oktoberfest in München gibt es mehr Anzeigen wegen Körperverletzung, als in einer gesamten Erstligasaison mit ihren insgesamt 578 Spielen. (Hier schonmal ein Titelvorschlag für den investigativen RTL2 Oktoberfestbericht: "Wiesn, Watschn, wilde Weiber!")
Lustig finde ich übrigens, dass immer von Vandalen und wilden Hooligans berichtet wird, wenn in irgendeinem Stadion in Deutschland 5 Bengalos brennen - die gleichen Medien schwärmen von toller, südländischer Atmosphäre, wenn beim Spiel Besiktas : Galatasaray tausende Bengalos brennen.
22:01
Guten Abend,
ich empfinde ihre Werbung für diese sehr schlechte Sendung als eine grobe Frechheit! Aber was soll ich von einer geschrumpften Redaktion wie der der WAZ-Gruppe auch anderes erwarten? Eine gute Doku zum Thema ist z. B. die von ZDF-Neo "Wild Germany - Ultras"!
Und ich kann nicht verstehen wie eine Sendung so von ihnen gelobt wird, wo deutlich handwerkliche Fehler zu sehen sind! In einer Szene wo Vermummte einen Polizeiwagen attackieren, handelt es sich nicht um Hooligans wie uns die Sendung weiss machen möchte, sondern um Autonome der linken Szene! Denn im Hintergrund erkennt man ganz deutlich einen Demo-Zug einer Antifa-Demo!!
Aber für gute Recherche hat man bei RTL 2 und bei der WAZ-Gruppe wohl nichts über!
Über das Thema "Gewalt beim Fußball und Fußballfans" muss man reden, auch kritisch! Aber so bitte nicht so voller Vorurteile und so Oberflächlich!
13:09
RTL2??? Ist das nicht das 9Live für halb doofe? Den Sender schalte ich nur ein, wenn da mal ein guter Film läuft - und das ist äusserst selten.
Man muss die Sendung gar nicht gesehen haben, der Titel der zweiten Folge „Kuhnigk und das Geschäft mit der Lust“ reicht vollkommen aus um am 12.Dezember um 23:10 einen großen Bogen um den Sender zu machen - bzw. da ganz besonders
13:08
@ tbulon
Mag sein, dass Du kein Hool bist und Dich nicht an den Schlägereien beteiligst. Aber Du befürwortest das und beziehst eindeutig Stellung für die Schläger.
Du findest es richtig, wenn Leute zu Schaden kommen, die eigentlich nichts damit zu tun haben.
Fällt das bei Dir unter Kollateralschaden?
Genau da bedarf es bei deiner Einstellung einer dringenden Aufarbeitung.
hilfe...natürlich ist es schlimm wenn unbeteiligte zu schaden kommen. ich gehe schon seit ca 22 jahren ins stadion. ich fahre auch viel auswärts und komischerweise hatte ich noch nie ärger oder was auf die mappe bekommen. trotz vieler derbys und ach so gefählichen spielen. von den grünen habe ich schon mal nen schuß pfeffer bekommen aber das haben die rechts und links von mir auch weil es wahllos gesprüht wurde.
ich beziehe keine stullung zu schlägern...ich sage einfach nur das es mir egal ist was die machen. ich kann abends. hervorragend einschlafen und habe keine angst bei meinem nächsten stadionbesuch weil im moment alles total (extrem) übertrieben wird. und jetzt kommt es...festhalten...wo gehobelt wird.... da fallen späne...und das ist nicht nur beim bösen bösen fußball. klingt komisch ist aber so
12:10
Also, wenn ich die Presse der letzten Tage und wochen verfolge, dann wird uns suggeriert, dass eine Gruppe von 3 durchgeknallten Nazi-Terroristen eine grundlegende Gefaht für die deutsche Demokratie sind. Was sind dann 15.000 von diesen Spacken? Der Untergang des Universums? Oder wird hier nur eine wenig übertrieben?
12:00
Wiki definiert Investigativer Journalismus wie folgt:
"(von lat.: „investigare“; zu dt.: „aufspüren, genauestens untersuchen“) bezeichnet eine Form des Journalismus.Der Veröffentlichung von journalistischen Beiträgen geht dabei eine langwierige, genaue und umfassende Recherche voraus. Themen sind meistens als skandalös empfundene Verhältnisse aus Politik oder Wirtschaft."
Das genaue Gegenteil dessen war aber im Beitrag wahrzunehmen.
Die Sendung wirkte absolut "aufgesetzt" und effekthaschend, um die Gunst des Zuschauer ringend, zudem:
- schlecht recherchiert, nur die Spitzen des Eisbergs ansatzweise skizzierend
- reißerisches Format im übelsten boulevardesken Stil
- polemisch und
.... einfach das Format von "RTL2" und seiner Zielgruppe entsprechend.
Ich persönlich habe keine Dinge erfahren, die mir nicht schon vorher bekannt waren und so wird dies sicherlich den meisten Zuschauern ergangen sein.
Es ist selbstverständlich nicht tolerierbar, dass Hooligans "Angst und Schrecken" verbreiten. Dies ist leider in viel zu vielen Fußballstadien der leidvolle Alltag und gehört als gesellschaftliches Phänomen gründlich recherchiert und beleuchtet um "im Bilde" zu sein.
11:38
@ Pase_Lacki
danke.. sehr schön geschrieben!
11:34
dazu passt auch noch ganz gut dieses hier, wenn es auch vom wirklich falschen Verein kommt: http://www.schwatzgelb.de/2011-10-30_unsa-senf_wir-waren-beim-fussball-und-haben-es-ueberlebt.html