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"Ich kann Kanzler" - Merkels müde Erben

21.06.2009 | 09:09 Uhr
"Ich kann Kanzler" - Merkels müde Erben

Düsseldorf. Die ZDF-Show „Ich kann Kanzler“ suchte nach Politiktalenten, nach jungen Menschen und frischen Ideen. Heraus kamen Standardprogramme, Kandidaten im rhetorischen Autopilot und die Erkenntnis, dass der Nachwuchs auch nicht authentischer wirkt als die alte Garde.

Günther Jauch und Jacob Schrot. (c) ZDF/Gordon Muehle

Wer hätte gedacht, dass Kuscheln so anstrengend ist? Dass Totalkonsens eine solche Leere hinterlassen kann? Gemeinschaft, Chancengleichheit, Steuersenkung, Bildung – die Forderungen der Kandidaten bei „Ich kann Kanzler“ boten weniger Reibungsfläche als eine Teflonpfanne. Nach zwei Stunden wünschte man sich förmlich, irgendjemand würde für neue Atommeiler, uneingeschränkten Walfang und Zigarettenverkauf auf dem Schulhof eintreten. Für irgendein Projekt jedenfalls, das nicht von 99,9 Prozent aller Menschen abgenickt wird.

„Ich kann Kanzler“ ist vermutlich angetreten, um dem Politikfilz in Berlin etwas entgegenzusetzen – junge Leute mit Idealen, frischen Programmen und Glaubwürdigkeit. Echte, vom politischen Tagesgeschäft noch nicht abgeriebene, Menschen. Wenn das die Idee hinter dieser Sendung war, dann ist sie nicht aufgegangen. Gar nicht.

Phrasenschlaf der Kandidaten

Die Phrasen, die man von den Kandidaten zu hören bekam, waren keinen Deut authentischer oder weniger auswendig gelernt als die von Profipolitikern. „Wenn alle anpacken, können wir es schaffen,“ „Leistung muss sich wieder lohnen,“ „wir haben keine Rohstoffe, nur die Menschen“ – es gab kaum eine Formulierung, die man so noch nie gehört hätte. Eine Kandidatin verkaufte sogar ein Zitat von Victor Hugo („Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“) als eigenes Motto. Das wäre halb so schlimm, hätte sie zuvor irgendeine echte Idee genannt.

Leider lässt die Jury die meisten dieser Luftblasen frei durch den Raum schweben. Nur Günther Jauch setzt ab und zu die Nadel an, fragt nach, wo die Kandidaten das Geld für ihre Sozialprogramme hernehmen wollen. Trotzdem vergehen 100 Gelegenheiten, nachzuhaken, Widersprüche aufzudecken und die Kandidaten aus ihrem Phrasenschlaf zu wecken.

Motivation kommt von innen

Jacob Schrot kann Kanzler. (c) ZDF/Gordon Muehle

Kandidat Jacob (der spätere Sieger) will beim Militär sparen, beklagt aber die schlechte Ausrüstung der Bundeswehr in Afghanistan. Dann erzählt er die Rührstory, dass sich Freunde von ihm keine zehn Euro für die Bibliothek leisten könnten. Die nahe liegende Frage, wo das Leihen von Büchern soviel Geld kostet, bleibt aus. Die türkischstämmige Bewerberin Nuray wiederum fordert mehr Hilfe für Migranten. Später sagt sie, Motivation komme von innen. Der Hamburger Kandidat Philip behauptet, es bestehe kein Zusammenhang zwischen Studiengebühren und –dauer. Als Co-Moderator Peter Frey ihn darauf hinweist, dass die Semesterzahlen an Unis mit Kostenbeteiligung zurückgegangen sind, will er plötzlich die Studiendauer von oben deckeln.

Uninformiertheit, vage Rhetorik und politische Gemeinplätze würde man vielleicht durchgehen lassen, wenn die Kandidaten sich ein bisschen in Demut üben würden. Davon ist allerdings wenig zu spüren. Besonders weit lehnt sich der gerade mal 25jährige Siggi aus dem Fenster. Kritik begegnet er gerne mit Halbsätzen wie „Nur zu Ihrer Information ...“ oder „Natürlich wissen Sie, Herr Scherf ...“ So, als könnte er auf Augenhöhe mit einem Mann diskutieren, der ihm 40 Jahre Erfahrung voraus hat.

Am Ende kommt einem diese Kombination aus Selbstverliebtheit, Standardphrasen und vagen Ideen irgendwie bekannt vor. Wenn das die Next Generation im Raumschiff Bundestag ist, könnte man die alte auch gleich beibehalten.

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Ingo Juknat

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Kommentare
20.06.2009
13:34
Ich kann Kanzler - Merkels müde Erben
von Hutzel | #11

Der Gewinner Jakob Schrot wird bestimmt mal in der Politik Erfolg haben, der bringt wirklich alle Voraussetzungen mit.
Mit 18 Jahren die ollen Politikerphrasen schon so gut zu beherrschen ... Respekt!
Der unvermeidliche Hinweis, daß Migranten eine Bereicherung seien, durfte natürlich auch nicht fehlen. Er hat wirklich alle Hausaufgaben gemacht.

20.06.2009
13:22
Ich kann Kanzler - Merkels müde Erben
von easyamerica | #10

Da kann ich ja froh sein, die Sendund verpasst zu haben. Hier im Forum ist anscheinend wesentlich mehr los. Da können so einige Kanzler. :-))

20.06.2009
12:58
Ich kann Kanzler - Merkels müde Erben
von Lara | #9

Genau so war es: die wirklich interessanten Typen wurden gar nicht erst zugelassen.
Z.B. setzte sich jemand dort für das bedingungslose Grundeinkommen ein. Trotz vieler Abstimmungspunkte (3. oder 4. Platz) fiel er aus der Vorentscheidung raus.
Mich hätte sehr interessiert, was er darüber zu sagen gehabt hätte......

20.06.2009
12:45
Ich kann Kanzler - Merkels müde Erben
von DerSupaTypAusDerEonWerbung | #8

Sorry, ich meinte natürlich oben nicht den Kleber, sondern den Steffen Seibert. Aber die verwechselt man ja alle leicht, ob Kleber, Seibert oder Tom Burow. Wirken alle irgendwie geklont :-)

20.06.2009
12:23
Ich kann Kanzler - Merkels müde Erben
von M.M. | #7

Dem Grunde nach hat diese Show nur an den Tag gebracht, was eh schon die Regel ist: Politik als möglichst telegener Sebstdarstellung in Verbindung mit Phrasendrescherei und der Inflation von Beliebigkeiten, damit man am Wahltag seinen gutdotierten Sitz im BT behält.
Die ganze Sendungm wie vieles bei den Öffentlichen: Geldverschwendung.

20.06.2009
12:13
Ich kann Kanzler - Merkels müde Erben
von TB aus Moers | #6

Selten so einen Schrott gesehen, nach 45 Minuten habe ich mich auch endlich dazu entschlossen, umzuschalten...

20.06.2009
11:42
Ich kann Kanzler - Merkels müde Erben
von Ryan Lee Moore | #5

Aalglatt Aalglatt was für Typen wo sind die mit Ecken und Kanten ???
Schema F immer das gleiche man braucht sich gar nicht zu wundern das niemand mehr zur Wahl geht.
Gute Nacht

20.06.2009
11:39
Ich kann Kanzler - Merkels müde Erben
von strubbel | #4

es ist und bleibt wie es ist;selbständiges denken wird unterdrückt und wer dennoch aufmuckt wird als nestbeschmutzer bezeichnet und passt nicht in diese volksverdummerreihen.irgendwo verstehe ich die jungen menschen,wenn sie sich angepasst verhalten.nur werden sier leider einmal einen sehr hohen persönlichen preis dafür zahlen müssen.

20.06.2009
11:32
Ich kann Kanzler - Merkels müde Erben
von assiddi | #3

Nicht Langeweile ist das Problem, Leblosigkeit! Leblosigkeit kommt zustande, wenn der Mut zum Selbst, zur Menschlickeit, zur Verletzbarkeit und der Anerkennung eigener Abhängigkeit als Schwächen und Versagen geweret wird. Eine solche Bewertungsschau ist grundsätzliche Menschenverachtung und Anmaßung, vor allem wenn die Begutachter selbst an diesen Mangeln leiden.

20.06.2009
11:04
Ich kann Kanzler - Merkels müde Erben
von XZUUU | #2

Meine Güte war das schlecht. Was sollte Günther Jauch denn da bitte? Und die Anke Engelke war auch völlig fehl am Platz, hatte keine Ahung und kann wie die ganze Sendung mit in die TOnne gekloppt werden...

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