Gottschalk lehnt Tutti-Frutti-Wette zum Geburtstag ab

Zum 65. Geburtstag hat Thomas Gottschalk von RTL eine Jubiläums-Show bekommen.
Zum 65. Geburtstag hat Thomas Gottschalk von RTL eine Jubiläums-Show bekommen.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Fremdschämen zum Geburtstag: Was RTL zu Thomas Gottschalks 65. zusammenzimmert, tut weh. Immerhin: Das Tutti-Frutti-Revival mit Hostessen bleibt aus.

Essen.. Ach ja, ehrlich: Wir haben doch gewusst, dass es nicht schön wird. Sondern peinlich. Und dass wir uns danach ein bisschen schmutzig fühlen würden, nach all dem Fremdschämen. Der 65. Geburtstag von Thomas Gottschalk auf RTL war der welcherwarsnochmalste Geburtstag des angeschwägerten Großonkels aus dem Saarland, zu dem man hingeht, weil man sich schon so lange nicht mehr hat blicken lassen. Hatte er nicht vor ein paar Jahren einen Herzinfarkt? Ach nee, Scheidung, stimmt, hmhm. Wo steht die Bowle?

Radio Thomas Gottschalk hat Großes getan für den deutschen Rundfunk, hat sich als „Mister Morning“ durch den BR gequasselt, sich durch Vorabendsendungen gearbeitet, trug die Sprösslinge seines legendär schlimmen Klamottengeschmacks schon in „Na sowas!“ spazieren, blödelte sich mit Mike Krüger so hart durch die 80er, dass man es heute nur noch "Kult" nennen kann, und machte „Wetten, dass..?“ so groß, dass es locker vier Markus Lanz’ hätte auffressen können.

Das ist aber alles schon lange her, deshalb feiert nicht der Gottschalk-Haussender ZDF die blondgelockte „Supernase“ von früher. Sondern RTL bastelt im Berliner Admiralspalast was zusammen aus dem, was da noch übrig war.

Günther Jauch mit Klebe-Bart

Barbara Schöneberger versucht, als Co-Moderatorin mit extragroßer Stimme, pastoral ausgebreiteten Armen und ausgestelltem roten Kleidchen etwas Schwung in die fast drei Stunden währende Angelegenheit zu bringen. Mike Krüger sitzt eigentlich nur das Sofa warm und schaut andächtig bei einem Best of seiner Filme mit Gottschalk zu.

Günther Jauch klebt sich immerhin einen Bart an und setzt sich eine Sonnenbrille über die Brille, um verkleidet bei Status Quo hinterm Keybord zu stehen und Kaugummi zu kauen. Michelle Hunziker gibt sich nicht einmal Mühe, ihren „It’s my life“-Playback-Auftritt irgendwie authentisch wirken zu lassen. Otto Walkes singt „We will rock you“, und das Publikum klatscht auf eins und drei.

Gottschalk selbst findet als einziger die richtigen Worte und den richtigen Tonfall, als Deutschmodel Lena Gercke ihm in einem sogenannten Spiel hingebungsvoll orangefarbenen Lippenstift und grün-blauen Lidschatten auflegt: „Das werden Fotos...ein wirrer, alter, geschminkter Mann, der nicht mehr genau weiß, was er tut“, sagt er, einen von Guido Maria Kretschmer designten Papageienmuster-Blazer auf den Schultern – übergeworfen wie eine Pferdedecke. Und: „Schminkt ihr Vati schön?“

Bei Heidi Klums Topmodels ging's weniger um Frisuren

Bei jeder einzelnen „Germany’s Next Topmodel“-Sendung der vergangenen zehn Jahre wurde seltener über Haare und Kleidung geredet, als bei diesem merkwürdigen Geburtstagsfest, das selbst Jetsetterin Heidi Klum zu egal ist, um persönlich zu erscheinen. Sie schickt kurzerhand eine Videobotschaft mit viel Bussi und „Ich liebe deine Haare, deine wilden Klamotten, ich liebe dich!“

Kylie Minogue, Arnold Schwarzenegger, Lionel Richie, Kevin James – jeder Einzelne findet es elementar, mindestens einmal zu erwähnen, dass Thomas Gottschalks Haare übrigens geföhnt / blond / herbstblond / grau / grau gefärbt seien und seine Klamotten im besten Fall merkwürdig.

Darauf kann man sich einigen, Haar- und Klamottenwitze tun niemandem weh, der kein 16-jähriges Mädchen ist, das sich für das Klum-Casting zum ersten Mal außerhalb des Regiobus-Bereichs der eigenen Kleinstadt getraut hat. RTL lässt daher männliche Models (und Lena Gercke) einmarschieren mit holzwolleartigen Perrücken auf dem Kopf (außer Lena Gercke), die Gottschalks Modesünden vom Kilt über den rotkarierten Anzug auftragen – noch einmal extra nachgenäht von Kretschmer. Gottschalk lässt sich denn auch den Altherrenwitz im Dialog mit sich selbst nicht nehmen, als Gercke auf dem Sofa vor ihm sitzt: „Ich könnte dein Vater sein – sag jetzt nicht, dein Großvater...“

Hugo Egon Balder wollte die "Tutti Frutti"-Zeit zurückholen

Diese Stimmung, diese Atmosphäre von erkaltetem Fünf-Euro-Zigarrenqualm, Popoklapsern und Schenkelklopfern – Hugo Egon Balder muss sie schon vorher erspürt haben. Der alte Tutti-Frutti-Haudegen wollte die gute, alte Zeit ganz zurückholen und Gottschalk mit einem Spiel überraschen. Einer alten „Wetten, dass..?“-Wette, in der es – viel mehr wusste man vor der Livesendung nicht – um Frauen und zerschnittene BHs gehen sollte, und recht blanke Busen, bis auf darauf geklebte Bilder, die Gästinnenknieanfasser Gottschalk nur anschauen sollte.

Hostessen sollten 220 Euro für halbnackten Auftritt bekommen

So zumindest las sich die Ausschreibung für Hostessen, die das „Missy Magazine“ am Donnerstag veröffentlichte. Es wurden junge Frauen gesucht, die für 220 Euro Gage nicht mehr tun sollten als „etwa 20 Minuten lang auf der Bühne zu stehen und hübsch auszusehen“. Balder zerschneidet die BHs, Gottschalk wird vielleicht kurz etwas verlegen, macht dann einen Witz, der mit Obst und/oder Brüsten zu tun hat – was hätten wir alle gelacht.

Es wird allerdings nichts aus der Nummer an diesem Abend – die Wette wird abgesagt. Im Gespräch mit „Spiegel Online“ erklärt der Wetten-Papa noch vor der Sendung: „Ich habe diese Bikini-Wette auf den Proben nie gesehen, aber jetzt im Vorfeld mitbekommen, womit ich überrascht werden sollte. Das war sicher nett gemeint, ich verzichte aber dankend: An meinem Geburtstag soll kein Bikini zu Schaden kommen.“

Jaja, er hat Bikini gesagt – aber vielleicht ja „Selbstachtung“ oder "Geschmack" gemeint. So oder so: Es ist (in ihrem Rahmen) eine große Geste, selbst wenn sie nachgeschmackig etwas gönnerhaft klingt.

Bülent Ceylan als RTL-Lückenfüller?

Wo große Gesten sind, da sind allerdings auch immer Opfer: Irgendwoher müssen die Minuten ja kommen, die RTL so unfreiwillig und vor allem kurzfristig eingespart hat. Auffüller scheint Comedian Bülent Ceylan zu sein, verkleidet als Frau – zumindest ließe sich so sein unpointierter, lahmer Monolog erklären, dem eigentlich nur der Berliner Dialekt fehlt zum feierlichen Einzug in die Mario-Barth-Schublade. Immerhin: Als die Menschen klatschen und lachen wegen des Wortspiels „In Asien hat man ein Gericht nach Thomas benannt: Nase-Goreng“, da weiß man: Es geht zu Ende. Nur noch eine Torte, ein bisschen Glitzer von der Decke – vorbei ist der Spuk.

Und man muss leider ehrlich sagen: Die halbnackten Brüste bleiben der aufregendste Teil des Abends. Auch wenn sie gar nicht dagewesen sind.