Das aktuelle Wetter NRW 22°C
Kinderschändungs-Gutachte...

Geistliche missbrauchten Kinder

12.09.2010 | 16:43 Uhr
Geistliche missbrauchten Kinder
Psychiater Peter Adriaenssens stellt das Gutachten vor. Foto: afp

Brüssel.„Dutroux in der belgischen Kirche” – das hat sich nicht die Sensationspresse ausgedacht. Das Zitat stammt von Peter Adriaenssens, dem Vorsitzenden einer Kommission, die im Auftrag der Bischofskonferenz den Missbrauch von Kindern durch katholische Geistliche in Belgien untersucht hat. Die Ergebnisse verstören das Land: In den Nachkriegsjahrzehnten war Kinderschänderei keine entsetzliche Einzeltat, sondern ein geläufiges Verbrechen, das offenbar von hunderten Priestern und Kirchenbediensteten verübt wurde, oft über lange Zeit und immer wieder. Viele Vorgesetzte wussten Bescheid, ließen aber Beschwerden von Betroffenen oder Angehörigen auf sich beruhen. Die meisten Taten sind mittlerweile verjährt.

„In jeder flämischen katholischen Schule mit Internat, in jeder Kirchengemeinde saß ein pädophiler Geistlicher”, sagte der Kinderpsychiater Adriaaenssens bei der Vorlage seines Berichts. „Und all die Jahre hat man geschwiegen, das Problem verdängt, das Trauma geleugnet.” Dabei handle es sich „um schwere Fälle”. Das jüngste Opfer war erst zwei Jahre alt.

Der Rapport verzeichnet 327 männliche und 161 weibliche Opfer, heute zwischen 40 und 70 Jahre alt. Die meisten haben erst nach Jahrzehnten, in einem veränderten gesellschaftlichen Klima, den Mut gefunden, ihre Geschichte zu erzählen. Für viele war der Anstoß die Berichterstatttung über die pädophilen Vergehen des Erzbischofs von Brügge, der im Frühjahr zurücktreten musste. Die überwiegende Anzahl der Fälle spielte sich in den Jahren 1950 bis 1989 ab. Mindestens 13 Betroffene haben sich nach Darstellung ihrer Angehörigen wegen des Traumas umgebracht. Aus Flandern wurden zehnmal so viele Vergehen gemeldet als aus der Wallonie. Nach Ansicht von Experten hat das mit einem dichteren Netz von Internaten im Norden des Landes zu tun. Außerdem sei dort nach dem Pädophilie-Skandal in Brügge die Bereitschaft, sich zu melden, größer.

Der Bericht beginnt mit 124 Erzählungen, in denen Opfer über das Erlebte berichten. „Ich bin jede Woche brutal missbraucht und vergewaltigt worden. Ich erinnere mich auch an eine sadistische Nonne, die regelmäßig die Vergewaltigung beobachtete und meine Schmerzen genoss“, heißt es da. Die Lektüre der Aussagen sei „ein Schlag in die Magengrube“, erklärte Adriaenssens. Ein männliches Opfer berichtet: „Ich war elf, als von einem Priester in der Gemeindeschule missbraucht wurde… Während meiner Zeit im Internat wurde ich ebenfalls von einem Pater missbraucht, zwischen meinem 12. und 14. Lebensjahr. Der Betreffende ist lange tot. Seine Neigungen waren bekannt, es gab weitere Opfer. Meine Eltern haben das dem Gemeindevorstand gemeldet, aber man hat ihnen nie wirklich zugehört.”

„Ein Erdbeben” urteilt die Tageszeitung Le Soir. Chefredakteurin Béatrice Delvaux erinnert ebenfalls an den Kinderschänder Marc Dutroux, dessen Greueltaten das Land 1996 erschütterten. Der Dutroux-Skandal habe von Grund auf die Art und Weise verändert, wie die Gesellschaft ihre Kinder schütze, schreibt Delvaux. „Nur die Kirche und ihre Verantwortlichen fühlen sich davon nicht betroffen.”

Dass die meisten Vorkommisse lang her sind, ist nach Ansicht Adriaenssens kein Grund zur Beruhigung. Natürlich sei das Bewusstsein für Kinderechte mittlerweile schärfer. „Aber nichts deutet daraufhin, dass der Anteil der Pädophilen abnimmt. Wo sind die heute? Wir müssen unsere Kinder schützen.”

Knut Pries

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/3700539/create

Aktuelle Fotos und Videos
Musiker im ESC Finale
Bildgalerie
ESC 2012
Tanz-Queen Magdalena Brzeska
Bildgalerie
Let's Dance
Roman Lob in Baku
Bildgalerie
ESC 2012
ESC-Delegations-Party
Bildgalerie
ESC 2012
Aus dem Ressort
"Monpti" - eine Hommage an die große Romy Schneider
Fernsehen
30 Jahre nach ihrem Tod widmet 3sat der großen Schauspielerin ein Filmreihe. „Sissi“ ist nicht dabei, aber die Reihe spiegelt die Schaffenskraft wider. Los geht es am Sonntagabend mit „Monpti“, einem Film aus den 50er Jahren.
RTL II bestreitet, für Übertreibungen gezahlt zu haben
„Gangster“-Doku
Nach einem RTL-II-Bericht über angebliche Gangster und Gewalt in Hochheide widerspricht der Fernsehsender den Vorwürfen der gefilmten Jugendlichen. RTL II habe kein Geld bezahlt, um übertriebene Aussagen zu erhalten. Die Produktionsfirma habe lediglich „Motivkosten“ erstattet.