„Frühlings Erwachen“ - Lebensgefühl ohne Substanz
20.02.2010 | 16:50 Uhr 2010-02-20T16:50:00+0100
Essen.Als „Frühlings Erwachen“ 1906 uraufgeführt wurde, hatte es das Zeug zum Schocker: Vergewaltigung und Selbstmord unter Vierzehnjährigen. Am Montagabend sendet Arte Nuran David Calis’ modernisierte Version des Dramas – leider kaum mehr als ein Videoclip in Spielfilmlänge.
„Mit diesem Film will ich beweisen, wie sehr die Geschichte noch in unserer heutigen Zeit verankert ist“, sagt Regisseur und Drehbuchautor Nuran David Calis über „Frühlings Erwachen“. Das ist ein zweifach verräterischer Satz. Denn erstens erzählt Calis im Grunde nicht die gleiche Geschichte wie die Originalvorlage. Und zweitens ist die Umsetzung auf anstrengende Weise bemüht: Man merkt in der Tat, dass hier jemand etwas beweisen will.
„Besser eine schlechte Erfahrung als gar keine“
Am Drehbuch liegt es nicht. Das ist eine spannende Modernisierung des (damaligen) Bühnenschockers, der 1906 in Berlin eine Premiere feierte. Calis verändert die Handlung in entscheidenden Punkten: Eine Vergewaltigung wird zur Liebesnacht, eine erzwungene Abtreibung führt die Schwangere hier gleich selbst herbei und an die Stelle von verschämter Selbstbefriedigung tritt konsequenterweise ein Besuch im Bordell. Das ist nicht mehr die gleiche Geschichte. Doch das macht nichts: Es sind die gleichen, sorgsam modernisierten Figuren.
Bei denen handelt es sich um eine Clique Jugendlicher, die gerade die achte Klasse hinter sich gebracht hat und die sonnigen Tage und schwülen Nächte dieses Sommers zwischen Elternhaus, Halfpipe und Lieblingsclub zubringt.
Einige verlieben sich, manche erleben ihr erstes Mal, eine wird schwanger, zwei sind vielleicht schwul und einer bringt sich um. „Besser eine schlechte Erfahrung als gar keine“, stellt Wendla fest, bevor sie sich aufmacht, Melchior zu verführen.
Würden Wendla, Moritz und Melchior die Pubertät ein Jahrhundert später durchleben, genau so müssten sie sein: Ebenso neugierig, genauso balancierend zwischen Nestwärme und Genervtheit, doch ohne sich dabei soviel um Autoritäten zu scheren wie ihre ein wenig angestaubten Vorlagen. Dass die Wechsel zwischen Rap-Battle und eingestreuter Bühnensprache nicht völlig bruchlos funktionieren, ist wohl kaum zu vermeiden und stört nicht weiter.
Abgedroschene Accessoires
Nur leider ist die Umsetzung dieser lobenswerten Grundgedanken ziemlich abgedroschen geraten. Vom dauernuschelnden Melchior (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) ist kaum ein klarer Satz zu hören, was vermutlich gleichermaßen an der im Mundwinkel festgeklebten Fluppe wie an der ewig mitgeführten Bierflasche liegt. Dabei sieht er ein bisschen aus wie Leonardo di Caprio in Baz Luhrmanns „Romeo und Julia“ und führt, Zufall oder nicht, auch noch die gleiche Frisur spazieren. Doch was für Melchior nur natürlich ist, nämlich diese Accessoires der Coolness für die Freiheit selbst zu halten, ist für den Film als Ganzen unentschuldbar. Der meint nämlich, mit diesen Requisiten der Suche habe man schon einen Suchenden geschaffen. Von wegen.
Melchiors Kumpel Moritz (Leon J. Pfannenmüller) hat Schulprobleme und zitiert den Auswanderer-Ahnen, dem er ins gelobte Amerika folgen will. Er guckt meist traurig und ist überhaupt ein Außenseiter. Für soviel Elend entschädigt möglicherweise ein weichgespülter Selbstmord in gewittertönender Videoclip-Ästhetik. Vielleicht aber auch ein Auftritt als dekorativer Geist in der Optik des Softdrinks zischenden Bauarbeiters im Cola-Werbespot. Nur bringt er die perlenden Tröpfchen auf dem durchtrainierten Oberkörper halt aus dem See mit, in den er sich gestürzt hat. Es ist schon reichlich kitschig.
Womöglich könnte man es stilistische Verdichtung nennen, wenn der zigste betrunkene Heranwachsende über die Bordsteinkante balanciert oder mit verzagtem Blick und leerer Flasche in den Rinnstein starrt. Man kann aber ebenso gut zu dem Schluss kommen, dass hier einfach eine gewisse Einfallslosigkeit geherrscht haben muss.
Nicht mehr als ein Lebensgefühl
Es wird nicht besser durch die Besetzung. Die ist gar nicht schlecht, nur falsch. Warum wählt man zur Darstellung von Achtklässern Darsteller, die erkennbar den 20. Geburtstag hinter sich haben (oder kurz davor stehen)? Und so sehen sie auch aus: Statt ungelenker Teenager winden sich muskeldefinierte Mittzwanziger auf den Tanzflächen. Das erlaut zwar sowohl gleichermaßen unbefangene wie ästhetische Nacktszenen, ist aber irritierend unglaubwürdig. Constanze Wächter als rehäugige Wendla nimmt man den Teenager immerhin ab. Und die Szenen zwischen ihr und der hilflosen Mutter sind wirklich gelungen.
Mit ihrer Unruhe, dem Flirren zwischen Einsamkeit und Gemeinsamkeit, der Körperlichkeit und drängenden Suche nach Neuem erzeugt die Frühlings-Verfilmung ein eindrucksvolles, aber eindimensionales jugendliches Lebensgefühl. Dumm nur, dass Melchior als Dreh- und Angelpunkt aller Erfahrung und möglichen Erkenntnis dabei zum dauerberauschten Schweiger wird und Moritz zum grotesken Wassergeist. Denn so kommt „Frühlings Erwachen“ über ein Lebensgefühl auch nicht hinaus.
Montag, 22. Februar, 22.25 Uhr auf Arte
0mitdiskutieren