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Interview

Felicitas Woll: Vom Zeitgeist zur Zeitgeschichte

25.03.2009 | 08:27 Uhr
Felicitas Woll: Vom Zeitgeist zur Zeitgeschichte

Essen. Felicitas Woll war die hippe Berlinerin Lolle. Nun überzeugt sie wieder in einer historischen Rolle: "Kinder des Sturms" in der ARD - eine Mutter, gefangen in der Angst um ihre Tochter. Im Interview spricht Felicitas Woll über anstrengende dramatische Rollen und die Bedeutung von "Lolle".

Felicitas Woll als Rosemarie in "Kinder des Sturms". © SWR/Britta Krehl

Was hat Sie an „Kinder des Sturms“ besonders gereizt?

Woll: Ich habe bisher viele Rollen gespielt, die für mich leicht waren, weil ich dabei aus mir selber schöpfen konnte. Erst die letzten Jahre hat für mich das richtige Spielen angefangen. Ein Spielen, bei dem man Tiefen zulässt und sich selbst vergisst. Genau so ein Stoff ist „Kinder des Sturms“.

Gab es Szenen, bei denen Sie zur Einstimmung an Ihre Tochter gedacht haben?

Woll: Jede, das kommt automatisch. Sobald dieses Muttergefühl eine Szene überlagert, kommen die Gedanken an die eigene Tochter hoch. Schon in einer Heulszene muss ich nur an meine abwesende Tochter denken – und die Schleusen öffnen sich.

Was spricht für historische Stoffe?

Woll: An ihnen kann ich mich abarbeiten: Stimme, Bewegung, Körperhaltung – aber auch das Spiel mit der aufwändigen Ausstattung, das hat schon etwas Besonderes.

Gab es Unterschiede zu „Dresden“ in der „Gefühlsarbeit“?

Woll: Ich hatte den Eindruck, ich bin fünf Wochen mit einer einzigen Emotion durch die Geschichte gelaufen. Es war dieses Kurz-vor-dem-Zusammenklappen. Ich war mir nicht immer sicher, ob ich das Richtige tue, weil ich immer nur diese eine Gefühlsrichtung hatte. Bei „Dresden“ gab es auch Momente, in denen Anna glücklich war. Rosemarie hingegen ist so gefangen von der Angst um ihre Tochter, dass sie ihre Familie und ihr anderes Kind vergisst und sich ein Schneckenhaus baut.

Also eine sehr anstrengende Arbeit…

Woll: Ja und nein. Es war auch eine ruhige Arbeit. Ich bin ein Mensch, der gern melancholisch ist und traurige Musik hört. Das hilft mir für meine Rollen weiter. Ich liebe dieses Baden in Gefühlen. Von daher belastet mich diese – wie Sie sagen – „Gefühlsarbeit“ nicht. Ich mag die Arbeit mit diesen tieftraurigen Gefühlen.

Vom Zeitgeist zur Zeitgeschichte – das ist sicher kein Zufall!?

Woll: Ich wollte nach „Berlin, Berlin“ und der Geburt meines Kindes ganz bewusst in eine andere Richtung gehen. Der Rest war dann doch Zufall. Krieg, Nachkriegszeit, Mauerfall, das waren tolle Geschichten. Ich habe da viel für mich gelernt. Jetzt kann gern mal eine andere Zeit kommen.

Fallen Ihnen ernste Rollen eigentlich schwerer?

Woll: Weil ich die dramatischen Rollen erst seit drei Jahren spiele, waren sie schon ein anderer Kraftaufwand für mich. Es ist sicher schwerer, an sich und seinen dunklen Seiten zu arbeiten, als vor allem auf Fröhlichkeit und Leichtigkeit zu setzen.

In den 40er Jahren musste es oft ohne Männer gehen, heute geht es ganz gut auch mal ohne. Gibt es Parallelen im Frauenbild?

Rosemarie (Felicitas Woll) sucht mit allen Mitteln nach ihrer Tochter. © SWR/Britta Krehl

Woll: Es ist schwierig. Auf der einen Seite denke ich, dass es früher genau so starke Frauen gab wie heute. Die Frauen hatten aber weniger Rechte, waren abhängiger von den Männern. Man musste heiraten, um leben zu können. Das hat sich verändert. Heute kann eine Frau sehr viel selbstständiger sein... Das Heiraten ist auch so eine Sache. Früher haben die Ehen länger gehalten, waren dafür Zweckgemeinschaften. Heute heiratet man aus Romantik – und nach einem halben Jahr ist der Zauber oft vorbei. Ich finde deshalb, Mann und Frau sollten sich erst mal lange Zeit geben, um sich kennen zu lernen – bevor sie sich füreinander entscheiden.

War Ihnen bewusst, welche Bedeutung „Lolle“ für viele junge Frauen hatte?

Woll: Nee, das war mir in der Anfangszeit überhaupt nicht bewusst. Ich war selbst ziemlich unsicher. Ich bin superstolz darauf, dass gerade Frauen diese Serie so geliebt haben. Ich ahnte nicht, dass sie solche Wellen schlägt. Das war schon abgefahren! Ich wäre selber auch Fan gewesen, wenn ich nicht mitgespielt hätte.

Gab es für Sie ein Idol, mit dem Sie sich als Teenager identifizieren konnten?

Woll: Nicht so richtig. Ich stand früh vorm Spiegel, habe Mozarts Zauberflöte gespielt oder habe Liselotte Pulver imitiert. Sie war für mich schön so was wie ein Idol, eine hübsche, selbstbewusste Frau, die einen wahnsinnigen Humor hatte und die versuchte, so zu sein, wie sie ist, ohne Rücksicht die Benimmregeln ihrer Zeit.

Trotz der ernsten Filme vermutet man Ihre Mentalität nahe bei „Lolle“. Ist das so?

Woll: Früher auf jeden Fall. Ich bin in jeden Tag reinspaziert und habe geguckt, was er bringt. Das ist heute nicht mehr ganz so. Gerade wenn man auch ein Kind hat, verändert man sich und seine Einstellung. Aber ich bin gerade dabei, mir ein Stück dieser Leichtigkeit zurückzuholen.

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Rainer Tittelbach

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