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Ein Mann für Konflikte

26.02.2008 | 19:42 Uhr

"Tatort"-Macher Niki Stein spricht im Interview über die Inflation der Krimis, die Lust auf Pilcher und über sein bewegendes Fernsehspiel "Der große Tom", das heute um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen ist

"Der große Tom" (siehe Infokasten) hätte ein Betroffenheitsstück in höchster Potenz werden können.

Stein: Ich wollte aber nicht, dass der Zuschauer nur sagt: "die armen Kinder!" Ich wollte auch den Mut, die Tatkraft und die Entschlossenheit dieses Jungen zeigen. Es war von vornherein geplant, aus der Perspektive der Kinder zu erzählen und der Geschichte so etwas leicht Märchenhaftes zu geben. Und durch die Einführung der Nachbarin, mit der sich Tom anfreundet, kamen auch aufhellende, komische Momente ins Spiel.

. . . und die Mutter wird nicht dämonisiert.

Stein: Ich wollte keinen Film machen, der einseitig anklagt. Tatsache ist: Zehn Prozent der Kinder in Deutschland leben unter der Armutsgrenze und ein Drittel dieser Kinder sind Kinder alleinerziehender Mütter. Die Situation für alleinerziehende Mütter ist schwer. Das wollte ich auf jeden Fall im Hinterkopf behalten. Auch Aglaia Szyskowitz, die Darstellerin der Mutter, hat sehr stark auf diesem Konflikt gedrungen.

Das Milieu ist kein klassisches Unterschicht-Milieu.

Stein: Wir wollten das Problem nicht gettoisieren, wollten keine randständigen Eltern zeigen. Denn so könnte man das Thema nur allzu leicht von sich wegschieben.

Was muss man beachten, wenn man einen so jungen Hauptdarsteller hat?

Stein: Es ist wichtig, dass die Kinderrollen auch kindgerecht geschrieben sind. Man muss wissen: Wie reagieren Kinder? Was ist das dem Alter adäquate Verhalten? Und was sind sie überhaupt in der Lage darzustellen? Da sehe ich oft Überforderung. Kinder kommen dann oft rüber wie kleine Erwachsene.

Und wie kriegen Kinder die Gefühle hin?

Stein: Wenn das Buch kindgerecht ist, geht es oft besser als gedacht. Kinder sind extrem gut in der Lage, Emotionen wie Enttäuschung, Hoffnung, Liebe schnell zu begreifen und anzunehmen. Auch das Switchen zwischen den Gefühlslagen können Kinder gut.

Bekannt geworden sind Sie mit dem "Tatort". Haben Sie eine Faustregel für die Psychologie von Kommissaren?

Stein: Nein. Ich habe zwei "Tatorte" konzipiert. Und ich schwanke gelegentlich in der Einschätzung. So frage ich mich, ob das Frankfurter "Tatort"-Modell mit einer filigranen Persönlichkeitsstruktur der Kommissarin nicht doch zu viel persönliches Gepäck mitschleppt. Damit macht man es den Autoren schwer. Das Kölner Konzept ist einfacher angelegt: da ist Schenk, der biedere Familienvater, der nie so richtig Rock'n'Roll haben konnte und der dem einsamen Max Ballauf, der sich vielleicht heimlich nach Frau und Familie sehnt, seine Unabhängigkeit neidet. Der Konflikt ist in Ansätzen noch da, wurde aber ein bisschen auf die Buddy-Ebene geschoben.

Sehen wir nicht langsam zu viel Mord und Totschlag?

Stein: Für "Tatort" stimmt das sicher. Die Quoten gehen ja auch etwas runter. Zu viele Kommissare, zu viele Schauplätze, zu viele Wiederholungen. Prinzipiell spiegelt die Krimi-Inflation die Verzweiflung der Programmmacher.

Wird Töten so nicht zur Selbstverständlichkeit?

Stein: Das mediale Morden stumpft schon ab. Das Problem mit der Gewalt im Fernsehen ist weniger die Darstellung der Gewalt, sondern die Frage, ob und wie ich sie bewerte. Damit wird teilweise sehr fahrlässig umgegangen. Gezeigt wird aber viel zu selten die Auswirkung, das Leid, die Opfer.

Wie wäre es, wenn Sie mal das ganz leichte Fach handwerklich auf Vordermann bringen würden?

Stein: Ein schönes Melodram könnte ich mir schon vorstellen. Ich liebe großen Kitsch. Ich habe auch nicht mal etwas gegen Pilcher. Wenn Sie mich fragen, "haben Sie mal Lust, so einen Pilcher richtig gut zu machen?", dann würde ich glatt "ja" sagen.

Interview: Rainer Tittelbach

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