"Die Vorleser" - So lebendig wie ein Branchenbuch
13.07.2009 | 00:45 Uhr 2009-07-13T00:45:00+0200
Hamburg. Elke Heidenreich rausgeworfen, „Die Vorleser” mit Amelie Fried und Ijoma Mangold geholt. Das ZDF dürfte nach der schwachen Pioniersendung beides bedauern.
Was bisher geschah: Der öffentlich-rechtliche Sender Z. warf das überaus beliebte Format der selbstgestricken Literaturkritikerin H. aus dem Programm. Natürlich gab es Gründe. H. hatte sich zuvor für ihren Brotgeber fremdgeschämt. Die gekränkte Eitelkeit des Senders Z. war mindestens so groß wie die der allzeit schlecht frisierten, aber wegen ihres hemdsärmeligen Rhetorik („Lesen!”) ungemein populären H. Nachher tat es allen Leid. Das Ende war es natürlich trotzdem.
Der Anfang, der so genannte, gab sich am späten Freitagabend die Ehre. Das ZDF hatte ja durchaus begriffen, dass man ohne schöne Büchersendung noch mehr Rechtfertigungsnot in Sachen Bildungsauftrag hätte als ohnehin. Die neue halbe Stunde heißt „Die Vorleser”. Die Vorleser sind zwei Personen. Eine, (Amelie Fried) zu fernseh-erfahren, um noch irgendwie zu erfrischen, die andere (Ijoma Mangold) hochqualifiziert, aber für dieses Medium höchst langweilig.
Enttäuschendes Literaturgeplauder
Und so war dieses (noch in den Meinungsverschiedenheiten) scheußlich abgesprochen wirkende Literaturgeplauder vor allem: eine Enttäuschung. Während Fried die besser gekämmte Heidenreich gab („Ganz toll beschrieben!”, „Ich alte Schachtel”), versuchte sich Mangold a) in Augenbrauen-Akrobatik und b) in Einschüchterungsvokabular („Assoziationsechoraum”).
Zudem erschwert seine seltsam schleifene Lautung und eine kaum angenehm zu nennende Stimme das freudige Zuhören, was bedauerlich ist, weil der stellvertretende ZEIT-Feuilletonchef selbstredend viel zu sagen hat. Zur Erinnerung: Marcel Reich-Ranicki waren drei Sprachfehler und ein kratziger Quengel-Tenor zu Eigen, doch vermochte diese eine suggestive Performance vielfach aufzuwiegen.
Die Vorleser wirken steril
„Die Vorleser” plaudern in Hamburg vor Publikum. Es gibt einen Live-Gast (wie bei Heidenreich), man erhebt sich sogar mal vom Sofa oder Amelie Fried sagt sowas Keckes wie „Sie sitzen auf meiner Lesebrille, Herr Mangold!”. Und doch ist diese Büchersendung so lebendig wie das Branchenbuch von Dinslaken. Ja, „Die Vorleser” wirkt durch Fried so steril wie das „Gesundheitsmagazin Praxis”, durch Mangold lächelnd gelehrig wie ein Telekolleg für Yuppies. Ganz schlimm: Ein Einspiel-Film zum Thema Literatur in der Familie: „Die Sendung mit der Maus” ließ grüßen.
Nachher ist man ja immer schlauer. Und zeigt sich (wie der Verfasser dieser Zeilen) reuig, Heidenreichs TV-Absetzung begrüßt zu haben. Erst jetzt begreift man, dass die selbstgefällige Nervensäge immer hin restlos begeisterte oder bis aufs Blut reizte, kurz: Sie polarisierte. Die Vorleser dagegen sind einem schlicht egal. Schlimmeres kann Büchern kaum passieren.
In der Sendung vorgestellt: Alice Greenway, „Weiße Geister”; Per Olov Enquist, „Ein anderes Leben”; Anna Katharina Hahn, „Kürzere Tage”; Joey Goebel, „Heartland”
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