"Der Papst und die Mafia" - Arte schaut hinter die Kulissen

Der Mafia Experte John Dickie besucht den Hochsicherheitstrakt in Palermo, der für den so genannten "Maxi-Prozess" gegen die Mafia, gebaut wurde.
Der Mafia Experte John Dickie besucht den Hochsicherheitstrakt in Palermo, der für den so genannten "Maxi-Prozess" gegen die Mafia, gebaut wurde.
Foto: ZDF/GA&A Productions
Was wir bereits wissen
Die katholische Kirche ist nicht frei von Sündern - dies zeigt sich ganz besonders in ihrem Verhältnis zu Verbrechern, die der Mafia angehören. Eine Arte-Dokumentation gibt Einblicke.

Hamburg/Berlin.. Die Mafia und die katholische Kirche - über die unglückselige Verbindung zwischen der Institution Kirche und dem organisierten Verbrechen hat es schon etliche Filme gegeben. Sehr ausführlich schaut nun eine neue Dokumentation auf Arte hinter die Kulissen: "Der Papst und die Mafia" läuft am Dienstag.

Die bekanntesten Organisationen sind die Cosa Nostra aus Sizilien und die Camorra aus Neapel. Im Arte-Film geht es aber hauptsächlich um die 'Ndrangheta - sie ist die Vereinigung der kalabrischen Mafia, die in Europa (vor allem in Deutschland und den Benelux-Staaten), Nord- und Südamerika sowie Russland und Australien operiert. Der Name steht für Begriffe wie "Tugend" und "Heldentum", und es gehören derzeit etwa 7000 Mitglieder und etwa 90 Clans dazu.

Die 'Ndrangheta gilt als die mächtigste Mafia-Organisation Europas mit 50 Milliarden Euro Jahresumsatz (überwiegend erzielt mit Drogenhandel und Müllentsorgung). Das entspricht etwa 2,5 Prozent des italienischen Bruttosozialprodukts.

In der Schweiz, in Spanien und eben auch in Deutschland wird das Geld aus dem Drogenhandel gewaschen und sodann in weit verzweigte Netzwerke aus Politik und Institutionen gesteckt. Im Zusammenhang mit den Mafiamorden von Duisburg im August 2007 haben Ermittlungen ergeben, dass die 'Ndrangheta insbesondere in Nordrhein-Westfalen über feste Stützpunkte verfügt.

Dokumentation bietet viel Geschichte aus Italien

Der Zuschauer erfährt einiges über die geschichtliche Entwicklung Italiens, den Kampf der Kommunisten und der Christdemokraten gegeneinander - und dass Mafiakontakte und Geldwäsche der Vatikanbank viel länger in die Vergangenheit reichen, als bisher bekannt war.

Kirche und Cosa Nostra waren der Doku zufolge während des gesamten Kalten Krieges ein eingespieltes Gespann. Dabei handelte und handelt es sich stets um Gangster, die erst beten und dann schießen. Männer, Frauen und Kinder werden ohne Zögern ermordet. Es wird geradezu erschreckend deutlich, dass nahezu alle diese Verbrecher tief gläubig sind und der Familie einen sehr hohen Stellenwert einräumen.

Der Autor des Filmes, John Dickie (52), ist ein britischer Journalist und Historiker, und er beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit der Geschichte und Kultur Italiens - aber eben auch mit der dortigen organisierten Kriminalität.

Er nimmt den Zuschauer mit in eine Folterkammer, die einem regelrechten Vernichtungslager gleicht, und steigt in das verfallene und gruselige Haus eines ehemaligen Mafia-Bosses ein, der fast 20 Jahre auf der Flucht war, ehe er schließlich verhaftet werden konnte.

Das Gemäuer wurde offenbar in aller Eile verlassen. Dickie findet dort Bücher, die auch einem Priester gehören könnten - er stößt im Schlafzimmer auf eine Krippenfigur und ein Souvenir aus Lourdes.

Priester, Richter und Ermittler - alle kommen zu Wort

Schließlich stöbert der Dokumentarfilmer einen 600 Quadratmeter großen unterirdischen Bunker auf, in dem Mafiosi wie die Ratten gelebt haben. Er spricht mit Priestern, Richtern und Ermittlern, er zeigt Archivmaterial - ehemalige oder gar aktive Politiker oder Angehörige der Mafia kommen bedauerlicherweise nicht zu Wort.

Mafia "Die politische Zweck-Ehe zwischen katholischer Kirche und organisierter Mafia steht vor dem Ende", erklärt Dickie. Als Beleg hierfür dient die Ermordung eines kleinen Jungen und seines Großvaters (einem Drogendealer, der mit den Behörden kollaborieren wollte), was Papst Franziskus zu einer Brandrede veranlasste.

Im Juni 2014 verkündete Franziskus bei einer Rede in Cassano all'iono, der Hochburg der Mafia, die Exkommunikation aller Mitglieder der 'Ndrangheta, weil sie "nichts anderes sind als die Anbetung des Bösen und die Verachtung des Gemeinwesens, und weil sie die Straße des Guten verlassen haben".

Doch wie sollen die Kirchenmänner im Vatikan und in den Gemeinden damit umgehen? Eine eindeutige Position fehlt bislang. Und hat dieser Vorgang dazu geführt, dass zumindest ein paar Mafiosi abtrünnig geworden sind? Bekannt ist hierüber nichts.

So scheint es leider immer noch so, dass die Europäer nicht die Gefahr erkennen wollen, die direkt vor ihrer eigenen Haustür steht. Bei diesem nahezu perfekten, aber unheiligen, ja geradezu teuflischen Bündnis aus langer Tradition und schmutzigen Geschäften geht es nur um eines: falsche Frömmigkeit und viel Macht. Die katholische Kirche hat viele Sünden auf dem Gewissen, das Verhältnis zur Mafia ist vermutlich ihre größte. (dpa)

Dienstag, 2. Juni, Arte, 20.15 Uhr