Bizarr: Warum der Erdogan-Versteher Bülent Bilgi bei Illner für blankes Entsetzen sorgte

Maybrit Illner, Bülent Bilgi und Ali Toprak (v.l.n.r.) diskutieren über das Referendum in der Türkei.
Maybrit Illner, Bülent Bilgi und Ali Toprak (v.l.n.r.) diskutieren über das Referendum in der Türkei.
Foto: Svea Pietschmann / ZDF und Svea Pietschmann
Mal wieder die Türkei: Die Talkshow Maybrit Illner analysierte Erdogans Verfassungsreferendum. Ein Gast sorgte für blankes Entsetzen.

Berlin.  Er hat bekommen, was er wollte – knapp zwar, aber Sieg ist Sieg. Es war der türkische Präsident selbst, der diese Fußballerphrase benutzte, nachdem etwas mehr als die Hälfte der Wähler für seine Verfassungsreform stimmte. Damit ist der Weg frei für ein Präsidialsystem, das die gesamte Macht bei einem Mann bündelt: Recep Tayyip Erdogan.

Und ausgerechnet aus Deutschland, dem Land, in dem dreieinhalb Millionen türkischstämmige Menschen leben, kamen besonders viele „Ja“-Stimmen. Maybrit Illner suchte am Donnerstagabend nach Erklärungen. „Erdogans deutsche Fans – stolz, frustriert und fremd?“, fragte die Redaktion.

Keine Chance für die Oppostion

Es ist ein gewohntes Bild in deutschen Talkshows: Sobald es um die Türkei geht, darf ein Erdogan-Sympathisant nicht fehlen. Bülent Bilgi, Generalsekretär der Union-Europäisch-Türkischer-Demokraten (UETD), ist eines dieser Sprachrohre.

Den Titel der Sendung bezeichnete er als „vermessen“. Der Präsident und seine Partei, die AKP, hätten Anhänger, aber keine Fans. Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Referendums wischte er beiseite. „Man muss das Ergebnis akzeptieren, das wurde beim Brexit auch gemacht“, sagte er. Das Nein-Lager, so Bilgi, solle doch bitte ein „fairer Verlierer“ sein.

Vorwurf der Wahlmanipulation

Eine Aussage, die für Kopfschütteln sorgte. Die CDU-Politikerin Serap Güler sprach von Manipulationen bei der Wahl. Doch das werde der Opposition nichts nutzen. „Erdogan wird alles tun, um das Ergebnis durchzuboxen“, sagte sie.

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Deutlicher wurde Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland. „Ein Referendum unter den Bedingungen des Ausnahmezustandes ist immer Wahlfälschung“, warf er Bilgi vor.

Bilgi spricht von unfairem Wahlkampf

Und es stimmt ja: Der Wahlkampf der Opposition wurde behindert, die regierungstreuen Medien trommelten ununterbrochen für die AKP. Und Bülent Bilgi? Spricht auch davon, dass der Wahlkampf unfair war – für die Deutsch-Türken. „Sie haben keine Informationen erhalten, da wir keine Veranstaltungen durchführen konnten“, sagte der Erdogan-Anhänger. Eine Anspielung auf die Absagen türkischer Ministerauftritte in Deutschland.

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„Ich bin am überlegen, ob ich weinen oder lachen soll“, entgegnete Kurden-Vertreter Toprak. „Erdogan hat die Türkei gleichgeschaltet, tausende Oppositionelle sitzen im Gefängnis und Sie weinen, da Sie hier in Deutschland keine Werbung machen können?“, fragte er. Auch Moderatorin Illner konnte sich eine sarkastische Spitze nicht verkneifen. „Sie sind echt zu bedauern“, sagte sie in Richtung Bilgi.

Zurück zu den Deutsch-Türken

Doch der drehte weiter auf. Wahlbeobachtern des Europarats warf er Nähe zu Terrororganisationen vor. Als Beweis hielt Bilgi Fotos in die Kamera. Eines zeigte den Linken-Politiker Andrej Hunko hinter einem PKK-Transparent. In der Tat problematisch. Doch Bilgi wischte damit jede Kritik an der Art und Weise des Referendums beiseite. „Sie haben ein komisches Demokratieverständnis“, stellte CDU-Politikerin Serap Güler fest.

Es hätte ewig so weiter gehen können, doch irgendwann fiel auch Maybrit Illner auf, dass sie in ihrer Sendung doch eigentlich über etwas anderes sprechen wollte. Richtig, die Deutsch-Türken. 63 Prozent der Wahlbeteiligten stimmten für „Ja“. In allen 13 Wahllokalen siegten die Erdogan-Anhänger. Und die Politik rätselt über die Gründe.

„Türkische Reichsbürger“

„Wir sollten uns nicht die Schuld daran geben, weil wir die Türken angeblich schlecht behandelt haben“, meinte Ali Ertan Toprak. Er sprach von „türkischen Reichsbürgern“. Diese Menschen hätten eine Ideologie, sie unterstützten den Nationalismus des Präsidenten. Angebliche Diskriminierung dürfe nie ein Grund sein, für ein Unrechtsregime zu stimmen.

Harte Worte. Wohltuend differenziert äußerte sich der FDP-Europapolitiker Alexander Graf Lambsdorff, als er darlegte, dass nur eine Minderheit, nämlich knapp 400.000 Menschen, hierzulande für Erdogans Präsidialsystem stimmte. „Die Deutsch-Türken sind kein Block“, sagte er.

Türkische Zivilgesellschaft lebt

Exemplarisch dafür stand Illners Gast Mustafa Karadeniz. Der Berliner Unternehmer stimmte gegen die Präsidialverfassung, seine Frau dafür. Und trotzdem saß er als fröhlicher Mann in der Runde. „Das Nein-Lager hat trotz all der Repression so viel Zustimmung bekommen, Erdogan kontrolliert Staat und Medien und erreichte trotzdem nur 51,4 Prozent der Stimmen“, sagte er. Die Zivilgesellschaft der Türkei, sie lebe.

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Bei dem historischen Referendum in der Türkei hat die Mehrheit mit "Ja" gestimmt.
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Das ist zumindest eine positive Nachricht, die sich aus diesem Referendum ziehen lässt. Ob sie den Bülent Bilgis dieser Welt gefällt oder nicht.

Die ganze Sendung können Sie sich in der ZDF-Mediathek ansehen.

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