Literaturkritik im TV
Denis Scheck: Erhöhte Auflage
01.02.2009 | 10:58 Uhr 2009-02-01T10:58:00+0100
Köln. Nach dem Abgang von Ulrich Wickert, Marcel Reich-Ranicki und Elke Heidenreich ist Denis Scheck der letzte verbliebene Literaturkritiker im deutschen Fernsehen. Am Sonntag läuft die 50. Ausgabe seiner Sendung „Druckfrisch”.
Bei ihm landet so manche Schwarte mit Schwung im Papierkorb: Wenn Denis Scheck in seiner Sendung „Druckfrisch“ aktuelle Bestseller vorstellt, dann spricht er Klartext. Mit mutigen Urteilen und triefender Ironie knöpft sich der 44-jährige Literaturkritiker in seiner 2003 gestarteten Büchershow von Romanen über Krimis bis zu Kochbüchern alles vor, worüber die Lesenation spricht. Der gebürtige Schwabe ist im Hauptberuf Literaturredakteur beim Deutschlandfunk in Köln, am Sonntag (23.30 Uhr, ARD) präsentiert der begeisterte Hobbykoch und Comicfan die 50. Ausgabe von „Druckfrisch“. Pünktlich zum Jubiläum erhöht die ARD die Auflage: Ab sofort gibt es zehn statt bisher acht Ausgaben des halbstündigen Magazins für Bücherwürmer.
Herr Scheck, was ist dran an dem Gerücht, dass Sie als Nachfolger von Elke Heidenreich „Lesen!“ im ZDF moderieren sollen?
Scheck: Ich habe eine kleine, literaturkritische Familiensendung im Ersten Programm, die wird im Jahr 2009 zweimal öfter gesendet werden als bisher, nämlich zehnmal, und damit ist mein Bedürfnis an Fernsehen weitgehend befriedigt.
Wie fanden Sie den Eklat um Heidenreichs Kritik am Fernsehen und ihren folgenden Rauswurf beim ZDF?
Scheck: Offen gestanden bin ich immer noch ein wenig verdutzt, dass eine als Qualitätsdebatte des deutschen Fernsehens begonnene Diskussion damit endet, dass es eine Kultursendung im Fernsehen weniger gibt.
Können Sie sich Heidenreichs Schelte anschließen oder ist Ihr Verhältnis zum Fernsehen etwas entspannter?
Scheck: Es gibt gutes und schlechtes Fernsehen. Ich finde es entsetzlich, was alles an groteskem Schwachsinn und Mist läuft. Gleichzeitig habe ich aber die Möglichkeit, morgens, mittags und abends intelligentes Fernsehen zu sehen. Wir Fernsehschaffenden sind gut beraten, vor unser eigenen Haustür zu kehren und eine Art von Arbeit abzuliefern, dass man beim Zähneputzen in Ruhe in den Spiegel sehen kann. Ich muss mir nicht vorwerfen, dass ich zur Verblödung der Nation beitrage. Ich glaube aber, sehr viele, die im Fernsehen arbeiten, können sich nicht in Ruhe die Zähne putzen.
Nach dem Abgang von Elke Heidenreich, Ulrich Wickert und Marcel Reich-Ranicki sind Sie der wichtigste Literaturkritiker im deutschen Fernsehen. Wie finden Sie das?
Scheck: Wie heißt ein schöner Spruch aus einer Western-Satire? Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist. Konkurrenz belebt das Geschäft. Davon abgesehen hat die Literaturkritik im Fernsehen in etwa die Durchschlagskraft einer Bananencremetorte, die aus fünf Metern Höhe abgeworfen wird, um den Schriftsteller Kurt Vonnegut zu zitieren.
Aber Ihre Buchbesprechungen können den Absatz eines Werkes doch beflügeln...
Scheck: Man darf das aber nicht als Wertmaßstab seiner Arbeit nehmen. Ich verstehe mich nicht als Bestsellerfabrikanten, sondern ich will Menschen zum Denken bringen, wie Literatur einen überhaupt dazu anregen soll, neu und mit erfrischtem Blick sein Leben, seine politischen Verhältnisse, seine soziale Wirklichkeit zu betrachten, weil man mal in den Schuhen eines anderen gestanden hat. Weg vom eigenen Nabel, hin zur Welt.
Ginge es der Welt besser, wenn die Leute mehr lesen würden?
Scheck: Nicht unbedingt, denn es gibt ja auch viele Bestseller, die durch ihre Dummdreistheit, Abgeschmacktheit und Verlogenheit die Menschen nicht weiterbringen. Es kommt also schon darauf an, was und wie die Menschen lesen, und in der Verbesserung dessen, was sie lesen, sehe ich mein Ziel. So wie ein Gastrokritiker nicht die Aufgabe hat, die Devise „Fressen, fressen, fressen“ auszugeben, so sage ich auch nicht: „Lesen, lesen, lesen.“
Angesichts von 90 000 Neuerscheinungen pro Jahr: Wie suchen Sie die Bücher aus, die Sie sich in „Druckfrisch” vorknöpfen?
Scheck: Es ist völlig klar, dass niemand 90 000 Bücher lesen kann. Ich lese im Jahr grob geschätzt zwischen 150 und 200 Bücher, ich lese auch viele Bücher an, die ich nach drei, vier Seiten weglege, und ich lese sehr viel über Bücher, etwa in Fachzeitschriften. Außerdem gibt es ein geheimes Netzwerk, der Literaturbetrieb ist ja so etwas wie ein wandernder Reichstag. Menschen, die mit Büchern zu tun haben, reden permanent über Bücher, jeder sagt dem anderen, welches Buch er großartig oder scheußlich findet, da gibt es eine Art Kollektivintelligenz.
Gab es auch mal einen Verriss, der Ihnen im Nachhinein leidgetan hat? Ein Buch, bei dem Sie sich geirrt haben?
Scheck: Es gab mit Sicherheit schon mal ein Buch, bei dem ich mich geirrt habe, aber wahrscheinlich war das dann eher eines, das ich zu positiv sah. Ich gebe aber zu, dass ich gerade darüber nachdenke, warum alle meine Kollegen so enorm von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ begeistert sind, während das Buch mein Herz nicht erobert hat. Das mag an meinem blöden Herzen liegen.
Haben Sie sich mit Ihren unerbittlichen Verrissen auch schon Feinde gemacht?
Scheck: Wer Literaturkritik betreibt, kann nicht auf den Titel „Everybody's Darling“ Anspruch erheben. Das ist ungefähr so, als würden Sie sich über den Kinderwagen einer jungen Mutter beugen und sagen: „Das Kind ist aber ausgesprochen missraten und hässlich.“ Natürlich macht man sich mit solchen ästhetischen Aussagen unter Autoren, Lektoren oder Übersetzern keine Freunde. Aber das gehört zum Handwerk. Bücher unterliegen dem Gesetz der Kritik, alles wird besser, wenn man darüber nachdenkt und diskutiert, und deshalb wünsche ich mir auch eine Kritik zu anderen Teilen unseres Alltags, beherzte Brötchenkritiken oder eine energische Hosen-, Socken und Schuhkritik.
12:59
Ich habe die Kritiken nur im Tagesspiegel gelesen und war immer angetan. Der einzig vernünftige Rezensent ! Da ich z.Zt. kein Fernsehen habe, gern und sehr viel lese, würde ich gern einen Hinweis bekommen, wo ich vielleicht alle Buchbesprechungen gesammelt vorfinde.
Der Hinweis auf Tellkamp, Turm (s.o.) entspricht genau meiner eigenen Einschätzung und Erfahrung im Freundeskreis damit-