Das goldene Lächeln
03.08.2010 | 16:06 Uhr 2010-08-03T16:06:00+0200
Essen. Rosi Mittermaier hat an diesem Abend einen reservierten Platz im ersten Stock eines Nobel-Restaurants von Turin. Es ist der Februar des Jahres 2006, und unten an der Wein-Theke drängen sich die aktuellen Stars der Olympischen Winterspiele. Doch alle übrigen Gäste, die für den Dinner-Empfang viel Geld bezahlt haben, wollen nur mit Rosi plaudern. „Wie war das denn damals…“
Damals, das war 1976, als das Mädchen von der Winkelmoosalm bei den Olympischen Spielen von Innsbruck zwei Goldmedaillen und eine Silbermedaille gewann, und die New York Times auf der Titelseite über das Foto der schnellsten Skifahrerin der Welt schrieb: „Miss Lächeln“. Sie lächelt immer noch, und alle nennen sie immer noch „Gold-Rosi“, obwohl sie am Donnerstag ihren 60. Geburtstag feiert.
Als sie es an diesem Abend endlich an ihren Tisch geschafft hat – die Suppe ist längst schon wieder abgetragen – lächelt sie, natürlich lächelt sie. Gäbe es das Land des Lächelns wirklich, dann wäre sie dort Ehrenbürgerin. „Es ist doch schön, wenn die Leute mich Gold-Rosi nennen, ist doch viel besser als Pech-Marie.“
Neben ihr sitzt Christian Neureuther, ihr Mann. Man sieht beide eigentlich immer zusammen. Auf den Einbänden der Bücher, die sie über Skifahren und Nordic Walking schreiben, in der Fernseh-Werbung für Margarine, und eben jetzt beim Abendessen. Mittermaier und Neureuther sind wie Black und Decker oder wie Wanne und Eickel.
Geheime Liebe
Sie haben im Mai ihren 30. Hochzeitstag gefeiert, aber sie kennen sich bereits seit 1965. Es war bei einem Nachwuchs-Skirennen im Allgäu. Rosi, 15 Jahre alt, stand als Zuschauerin am Hang, als vor ihr ein Rennläufer aus der Kurve flog und im Schnee landete. „Der Bursche stand auf und lachte und lachte“, erzählt sie im Rückblick. „Da wusste ich, der ist nett, der hat Humor.“ Der lachende Junge im Schnee war Christian Neureuther.
Sie strickte ihm weiße Skimützen, wie Toni Sailer sie damals trug, er schreib ihr Briefe, und sie hielten ihre Liebe geheim. Bis sie 1972 bei den Olympischen Spielen in Sapporo in eine Bar gingen und dachten: In Japan kennt uns kein Mensch. „In der Bar saß dann allerdings die versammelte Mannschaft der deutschen Sportjournalisten“, erinnert sich Rosi.
Richtig interessant wurde das Thema aber erst vier Jahre später in Innsbruck, als Mittermaier die Königin der Spiele von Innsbruck wurde. Die 25-Jährige eroberte das ganze Land. Sie war so beliebt, dass sie gleichzeitig Manta- und Mercedesfahrer grüßten. Auf der Winkelmoosalm, wo sie bei ihren Eltern wohnte, traten sich die Fans in den Tagen nach ihrer Rückkehr die Füße platt. Rosi-Tourismus. „Die Menschen haben alles platt getreten, im Frühjahr wuchs rund um das Haus kein Gras mehr.“ Rosi flüchtete in dieser Zeit immer hinten aus dem Fenster.
Sie beendete ihre Karriere noch im Olympia-Winter und ist noch heute davon überzeugt, dass der Zeitpunkt des Rücktritts optimal war: „Was hätte denn da noch kommen sollen?“
Die wichtigen Dinge
Dann, als sich der Trubel im Restaurant von Turin gelegt hat, erzählt sie von den Dingen, die ihr wichtig sind im Leben. „Der Sport, natürlich. Aber richtig stolz bin ich auf unsere beiden Kinder, aus denen etwas geworden ist. Das zählt doch viel mehr als Erfolge im Sport.“
Mittermaier klingt zufrieden, während sie über ihr Leben spricht. Die Skickeria blieb und bleibt ihr fremd, und über ihren Geburtstag sagt sie: „Wenn man die 60 erreicht hat und glücklich auf alles Zurückliegende blickt, dann kann man zufrieden sein.“ Ein Satz, der bei vielen Menschen nach Phrasenmähen klingen würde. Bei Rosi klingt er einfach nur ehrlich.
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