Das Fernsehen entdeckt die Generation Pflege
11.01.2011 | 14:59 Uhr 2011-01-11T14:59:00+0100
Essen.Das Fernsehen entdeckt die Generation Pflege. Was in dem ARD-Film „Die Diebin und der General“ noch schräg bis komisch wirkte, endet in dem ebenfalls im Ersten ausgestrahlten Film „Die fremde Familie“ (Mittwoch, 20.15 Uhr) als Tragödie. Vergleichbar sind die Filme nur in einem Punkt: Die Hauptdarstellerin heißt Katja Riemann.
Mag sein, dass unsere Gesellschaft im Alter so fit ist wie nie zuvor. Dennoch kann sich das Schicksal von jetzt auf gleich wenden. Und genau das erlebt Robert Stamm (Fritz Schediwy): Der 80-Jährige erleidet einen Unfall und ist fortan verdammt, im Rollstuhl zu sitzen.
Die Pflegebedürftigkeit ist aber nicht nur das Problem des alten Herrn, sondern auch das seiner Tochter Ira (Katja Riemann) und ihres Ehegatten Marquard (Thomas Sarbacher). Ira fühlt sich ihrem Vater verpflichtet. Sie will ihn zuhause pflegen. Gut gedacht, schlecht gemacht.
Konflikte programmiert
Sie weiß, dass Konflikte programmiert sind. Ihr Vater hatte Ira und ihre Mutter verlassen, um eine neue Familie zu gründen. Die Tochter glaubt ihren Vater durch Zuwendung zu mehr Nähe zwingen zu können. Ira nimmt in Kauf, dass ihre Ehe durch diese Entscheidung belastet wird. Denn ihr Mann hat seinen Schwiegervater niemals leiden können, und jetzt müssen sich die beiden Männer auf engstem Raum arrangieren.
Mehr noch: Ira kann die Pflege ihres Vaters aus eigener Kraft nicht stemmen. Da sie eine Pflegekraft vom normalen Arbeitsmarkt nicht bezahlen kann, engagiert sie mit der Osteuropäerin Elisaveta (Katharina Nesytowa) kurzerhand eine Schwarzarbeiterin. Dumm nur: Gatte Marquard ist Berufsberater und nebenher auch Lokalpolitiker, der nicht zu Unrecht fürchtet, angreifbar zu werden. Das ist eine Konstellation, die das Team Daniel Nocke (Buch) und Stefan Krohmer (Regie) im Alltag nicht lange suchen musste; es gibt sie tausendfach.
Schock-Schraube
Um die Schock-Schraube des Dramas unerbittlich weiterzudrehen, lassen Nocke und Krohmer obendrein Iras Halbruder Bernd (Stephan Luca) aufmarschieren. Der mäßig erfolgreiche Lebenskünstler mischt sich in die Pflege ein – und Iras Ehe auf.
Keine leichte Kost. Gerade deshalb ist dem Ersten zu danken, dass es diesen Film in der Tradition des Fernsehspiels zur besten Sendezeit zeigt. Was die drückende Atmosphäre des Familien-Dramas mit gesellschaftlichem Anspruch erhöht: Der Film macht vergessen, dass er einem Drehbuch folgt. Dialoge, Spiel und Inszenierung wirken so, als seien sie dem wirklichen Le-ben entsprungen. Damit zeigt das Erste, dass es mehr als Kartoffelchips-Fernsehen kann.
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