Das aktuelle Wetter NRW 14°C
Talkshow

Charlotte Roche - der gezähmte Skandal

11.09.2009 | 14:48 Uhr
Charlotte Roche - der gezähmte Skandal

Essen. Heute Abend debütiert Charlotte Roche als Co-Moderatorin der ehrwürdigen Talkshow „3 nach 9“. Bei aller Kritik stehen die Chancen gut, dass das Ganze eher unterhaltsam als skandalös wird. Immerhin watet diese Frau nicht nur in Feuchtgebieten. Ein kleiner Rückblick.

Manchmal ist die größte Stärke einer Person auch ihre Schwäche. Bei Charlotte Roche ist es der Wunsch, alles anders machen zu wollen – die Hinterfragung von Klischees, Strukturen, Ritualen. In ihren besten Momenten pustet Roche neues Leben in ausgelutschte Formate. In den weniger guten rutscht das Ganze schon mal vom Originellen ins Gewollte.

Respektlosigkeit funktioniert nicht immer

Charlotte Roche macht gerne alles anders. (c) imago

Ein Beispiel für beides war die Musiksendung „Fast Forward“ auf Viva Zwei, mit der sie bekannt wurde. Auf den ersten Blick war diese Show wenig mehr als eine Video-Jukebox mit Zwischenmoderation. Der Unterschied zu ähnlichen Sendungen lag allerdings darin, dass man Bands sah, die nirgendwo sonst liefen. Es war auch die kluge Moderation Roches, die den Videos, Sounds und Personen oft Aspekte abrang, die über die Musik hinausgingen.

Highlights waren die Band-Interviews. Roche fragte nicht, wie es im Studio war. Sie fragte nicht nach dem neuen Produzenten, dem Sound der aktuellen Platte oder wie eine bestimmte US-Band das Publikum in Deutschland findet. Es war eine Wohltat und Seltenheit in dem für Platitüden hochgradig anfälligen Genre des Musikjournalismus.

"Das Buch ist ein Monster"

Ihre kindliche Neugier ist oft ein Zugewinn für die Zuschauer. (c) imago

Ab und zu funktionierten Respektlosigkeit und Kumpelton allerdings nicht. Das Interview mit Adam Green zum Beispiel wirkte wie ein Blind Date, bei dem beide Partner merken, dass sie sich einander irgendwie anders vorgestellt haben. Selten sah man ein Gespräch derart versanden. (Dass es tatsächlich ausgestrahlt wurde, spricht für Roches Souveränität und Selbstironie.) Auch dem Interview mit Robbie Williams war das Bemühen anzumerken, den einen oder anderen Skandal vom Zaun zu brechen. Auf die Frage, ob er sein eigenes Sperma trinke, hätte man als Zuschauer jedenfalls gerne verzichtet.

Das gilt auch für manches Detail in Roches Bestseller „Feuchtgebiete“. Würde man meinen. Andererseits muss man das proktologische Interesse der Deutschen nach einer Millionen verkauften Exemplaren wohl neu bewerten. Und ob das von der Autorin angeklagte Hygienediktat überhaupt existiert, sei mal dahingestellt. Viel Neues lässt sich nach monatelanger Feuilleton-Diskussion nicht sagen. Nur eines steht fest: Inzwischen ist Roche selbst nicht mehr sicher, ob sie sich mit „Feuchtgebiete“ einen Gefallen getan hat. Das Buch sei ein Monster, sagte sie neulich.

Die verbale Sau hat Roche abgelegt

Ein besserer Werbeträger war die Reihe „Charlotte Roche unter ...“, die eine Weile auf 3Sat lief. Hier konnte man eine ganz andere Seite von ihr sehen. Roche begleitete unter anderen Trucker, Müllmänner, Bestatter und Jäger bei ihrer Arbeit. Wer befürchtet hatte, das Ganze könnte nur Anlass für Brummiwitze und makabere Scherze sein, lag falsch. Roche begegnete ihren „Arbeitskollegen“ mit einer kindlichen Neugier und vermittelte den Zuschauern so manche Info, die eine normale Doku nicht geliefert hätte.

„3 nach 9“ bietet Roche nun die nächste Gelegenheit, das Monster „Feuchtgebiete“ wieder loszuwerden. Die Chancen stehen nicht schlecht. „Ich war mal eine verbale Sau, aber ich bin es nicht mehr“, sagt sie. Dass sie nun zum weiblichen Beckmann wird, ist unwahrscheinlich. Zum Glück.

Ingo Juknat

Facebook
 
Kommentare
01.10.2011
19:21
Charlotte Roche - der gezähmte Skandal
von K.J.Schmitz | #7

ich hab keines ihrer versauten Bücher gelesen. Brauch ich nicht - genau so wenig wie die Roche.

12.09.2009
08:52
Charlotte Roche - der gezähmte Skandal
von zickzack | #6

Roche präsentiert sich schon seit Monaten auf aber auch nur jedwedem Kleckerkanal und übertrifft sich in schleimigen Selbstbezichtigungen. Meine Logik sagt da eher: Bitte, Frau Roche, gehen Sie in sich un fangen endlich an, zu reflektieren. In Ihrem Alter darf man das.
Von ihr möchte ich keine versautes und auch kein nicht versautes Buch mehr lesen.
Und als Viva-Girlie war sie Viva-Girlie.

11.09.2009
16:02
Charlotte Roche - der gezähmte Skandal
von scorpionx | #5

schlechter als ihre vorgängerin, kann sie m. e. gar nicht sein ...
selbst dann, wenn sie nur aus ihrem buch vorlesen würde
...

11.09.2009
13:23
Charlotte Roche - der gezähmte Skandal
von knutmithut | #4

Ein Stück Kult im deutsche Fernsehen, welches sonst eher mit dummen Talkshows und Reality-Serien versucht die Bildungsunterklasse zu ködern, versucht sich auf seriös. Schade! :-(

11.09.2009
12:01
Charlotte Roche - der gezähmte Skandal
von kritiker | #3

Ich bewundere diese Frau dafür, dass sie mit ihrem Fäkalien-Roman so viel Geld verdient hat.

11.09.2009
10:37
Charlotte Roche - der gezähmte Skandal
von Sven68 | #2

Nach Deiner Logik müßte Roche jetzt wohl ewig schlechte, versaute Bücher schreiben, aber stell Dir vor, die Frau hat verdammt viel mehr drauf, ich fand sie schon als Viva 2-Moderatorin sehr erfrischend, dafür wurde sie ja auch für den Grimme-Preis nominiert.
Und dass Du Roche schon jetzt als dauergrinsende Sülztante bezeichnest, ohne auch nur eine Sendung gesehen zu habe, spricht schon für sich.

11.09.2009
07:38
Charlotte Roche - der gezähmte Skandal
von zickzack | #1

Wie bitte ???
Nach talentlosem Geschreibsel(50ct für ein versautes Wort...) jetzt Salto rückwärts in eine gefällige, auf Girlie getrimmte, dauergrinsende Sülztante. Na, Prost Mahlzeit.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/101470/create

Aktuelle Fotos und Videos
Musiker im ESC Finale
Bildgalerie
ESC 2012
Tanz-Queen Magdalena Brzeska
Bildgalerie
Let's Dance
Roman Lob in Baku
Bildgalerie
ESC 2012
ESC-Delegations-Party
Bildgalerie
ESC 2012
Aus dem Ressort
"Monpti" - eine Hommage an die große Romy Schneider
Fernsehen
30 Jahre nach ihrem Tod widmet 3sat der großen Schauspielerin ein Filmreihe. „Sissi“ ist nicht dabei, aber die Reihe spiegelt die Schaffenskraft wider. Los geht es am Sonntagabend mit „Monpti“, einem Film aus den 50er Jahren.
RTL II bestreitet, für Übertreibungen gezahlt zu haben
„Gangster“-Doku
Nach einem RTL-II-Bericht über angebliche Gangster und Gewalt in Hochheide widerspricht der Fernsehsender den Vorwürfen der gefilmten Jugendlichen. RTL II habe kein Geld bezahlt, um übertriebene Aussagen zu erhalten. Die Produktionsfirma habe lediglich „Motivkosten“ erstattet.