Bloß keinen Stress - Entschleunigung, Slow-TV und Zeitsparer

Einfach mal ausspannen und Zeit haben - für viele Menschen ein sehnlicher Wunsch. Am 3. April startet bei ARD-Alpha das Format "Mora - Gib Dir echtZeit".
Einfach mal ausspannen und Zeit haben - für viele Menschen ein sehnlicher Wunsch. Am 3. April startet bei ARD-Alpha das Format "Mora - Gib Dir echtZeit".
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Was wir bereits wissen
Bei Stress hilft Entschleunigung, zum Beispiel mit Hilfe von ARD-Alpha. Dort läuft zur besten Sendezeit Entspannungs-TV mit "Mora - Gib Dir echtZeit".

München.. Wer glaubt ernsthaft diesen Satz? "Lass uns doch nächste Woche telefonieren, da habe ich wieder mehr Zeit." Denn in den meisten Fällen passiert - nichts. Im Alltagswahnsinn zwischen Arbeit, Familie und Freizeit sind die Tage verplant. Verabredungen werden Wochen im Voraus getroffen und in letzter Minute abgesagt; wegen eines wichtigeren Termins, wegen Krankheit oder Erschöpfung. Spontaneität, Entspannung und Muße bleiben auf der Strecke.

Kein Wunder, dass viele Menschen nach Wegen suchen, den Zeitirrsinn zu stoppen. Das Zauberwort: Entschleunigung. Nun hält der Trend auch im Fernsehen Einzug. Ab Karfreitag (3. April) lädt ARD-Alpha um 20.15 Uhr übers Osterwochenende zum Slow-TV mit "Mora - Gib Dir echtZeit".

Entspannen beim Instrumentenbau

Folge 1: Eine Cellobauerin in ihrer Werkstatt. Auf einem geteilten Bildschirm aus vier verschiedenen Perspektiven. Realismus pur - ohne Kommentare, Bildschnitte, Musik. Mit Präzision und Hingabe ist die Instrumentenbauerin versunken in ihre Tätigkeit. Probiert, feilt, schneidet, probiert, wieder und wieder, bis es passt. Eine Arbeit wie aus einer anderen Zeit in einer Umgebung, die idyllischer kaum sein könnte: Eine Altbauwohnung in Augsburg, große Fenster, viel Licht. Kein Stress, kein Telefonterror. Spannungsfaktor: Gleich null.

Zeitmanagement "Das ist eine Herausforderung für die Sehgewohnheiten", gibt der Autor und Regisseur Daniel Schrenker vom Bayerischen Rundfunk (BR) zu. Man müsse sich darauf einlassen, den ersten Schritt tun. "Dann breitet sich Entspannung aus, so, als würde man aus dem Fenster gucken." Und irgendwann die Erkenntnis: "Es gibt Dinge auf der Welt, die gehen nicht so schnell und das ist auch gut so", sagt Schrenker, der in zwei weiteren Folgen einen Trockenmaurer in einem idyllischen Weinberg und einen Uhrmacher zeigt.

Schon die "schönsten Bahnstrecken" und "Space Night" waren Erfolge

Norwegen gilt als das Pionier-Land des Slow TV: 2009 verfolgten die Zuschauer eine Zugfahrt von Bergen nach Oslo. Sieben Stunden lang nichts als Landschaft und Bahnhöfe, gefilmt mit einer Kamera aus der Lokomotive. Ein Erfolg. Zwei Jahre später die Fahrt des Postschiffs von Hurtigruten - 134 Stunden. Live. Und noch erfolgreicher als die Bahnfahrt. Bis zu drei Millionen Menschen schalteten zeitweise ein, berichtet der BR. Dabei zählt Norwegen gerade mal rund 5,1 Millionen Einwohner. Auch im deutschen Fernsehen gab es etwas ähnliches: "Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands" im Nachtprogramm der ARD oder die Kultsendung "Space Night" mit Ausblicken ins Weltall.

Was ist so faszinierend daran, im Fernsehen etwas zu verfolgen, was einen bei einer stundenlangen Zugfahrt wahrscheinlich irgendwann langweilen würde? "Man denkt immer, dass der Mediennutzer ein schneller Konsument ist, das ist gar nicht so", sagt Sabria David, Mitbegründerin des Slow Media Instituts in Bonn. "Es gibt allgemein einen ziemlich unterschätzten Wunsch nach Bindung und Qualität und Konzentration und Versenkung." Die Welt sei von schneller Taktung geprägt, es gebe wenig Bezug zu den Dingen. Alltagsgegenstände und sogar Essen fertigt eine anonyme Fabrik; wie das funktioniert, weiß keiner so genau, wenn es nicht gerade "Die Sendung mit der Maus" erklärt.

Gesundheit "Da fehlt der Bezug zum Ganzen", glaubt David. Genau diesen Bezug stelle ein Format wie "Mora" aber her. "Keiner von uns könnte jemals ein Cello nachbauen, aber man hat die Vorstellung, man kann das verstehen. Gleichzeitig beobachten Sie einen Menschen, der selber im Flow ist. Er ist verbunden mit dem, was er gerade tut und geht in dieser Sache auf."

Spüren, wie die Zeit verrinnt

Doch wozu den Fernseher einschalten? Eine flackernde Kerze, ein knisterndes Feuer im Kamin oder ein Spaziergang in schöner Natur entspannen auch. "Vielleicht hat es doch auch ein bisschen Lagerfeuercharakter, dass man das Gefühl hat, man macht es mit mehreren, man nimmt teil an einem gesellschaftlichen Ereignis", vermutet die Medientheoretikerin.

Für Marc Wittmann vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg hat Slow TV noch andere Vorteile. "Die Zeit, die man sonst nicht so bemerkt, wird einem plötzlich bewusst", erklärt der Zeitforscher. "Alle Leute beschweren sich, dass die Zeit immer schneller vergeht, das sie immer mehr Dinge in einem gewissen Zeitrahmen erledigen müssen. Selbst die Ferienzeit wird so verplant, dass man sich kaum entspannt." Das Gegenmittel: Zu spüren, wie die Zeit verrinnt. "Wir haben verlernt, zu warten. Anstatt sich eine halbe Stunde in die Sonne zu setzen, zückt man doch schon wieder sein Smartphone. Es wird zu schnell langweilig, es passiert ja nichts."

Wer in der Arbeitstretmühle feststeckt, schluckt Aufputschmittel oder bricht zusammen mit Burn-Out. Der Münchner Zeitforscher Karlheinz Geissler macht den Drang zum Zeitsparen mitverantwortlich - ganz im Sinne des Autors Michael Ende, in dessen Kinderbuch "Momo" gegen die grauen Herren kämpft. Sie überreden Menschen, ihre Zeit zu sparen wie bei einer Bank. Doch die Menschen sitzen einem Schwindel auf. Je mehr sie sparen, desto weniger Stunden und Minuten bleiben am Ende übrig.

"Wir sparen und verknappen das, von dem wir angeblich ohnehin zu wenig haben", schreibt Geissler in seinem neuen Buch "Time is honey - vom klugen Umgang mit der Zeit". "Wer in der Zeit ausschließlich ein monetäres Gut sieht, der wird blind für die Farben und taub für die Töne der Zeit, wird die Zeit weder schmecken noch genießen können." Sein Credo: Die Zeit leben statt sie zu optimieren. "Zeitsparen zaubert nicht ein Stück zusätzliche Zeit herbei, im Gegenteil, es führt zu verpassten Lebenschancen." Sein Rat: immer wieder trödeln, Pausen machen, sich erholen und langweilen. "Die Leute müssen das lernen, was früher selbstverständlich war." (dpa)