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Interview

Benjamin Sadler will nicht hart wie Kruppstahl sein

22.03.2009 | 00:21 Uhr
Benjamin Sadler will nicht hart wie Kruppstahl sein

Dortmund. Benjamin Sadler hat sich zum Schauspieler Nr. 1 für die Haupt- und Staatsaktionen im Fernsehen entwickelt - von "Dresden" über "Contergan" bis zu den "Krupps". Jürgen Overkott sprach mit dem 38-Jährigen über Ziele, Spaß an der Arbeit, die Krupps und die Menschen im Revier.

Benjamin Sadler spielt Alfried von Bohlen und Halbach, den Erben des riesigen Essener Stahlimperiums. (c) ZDF/Stephanie Kulbach

Es gab mal Zeiten, da mussten Männer hart wie Kruppstahl sein. Ist dieses Bild noch zeitgemäß?

Benjamin Sadler: Es war nie zeitgemäß. Hart wie Kruppstahl, flink wie die Windhunde: Das ist ja ein Hitler-Zitat. Nein, das ist eine furchtbare Vorstellung. Das ist auch ein Unterschied: die eigentliche Härte und ein Bild von Härte.

Welche Art von Härte finden Sie unpassend?

Benjamin Sadler: Härte generell finde ich nicht unbedingt erstrebenswert. Gut, eine bestimmte Härte im Sinne von „aushalten können“ ist sicherlich vonnöten. Das brauchen wir, wenn wir Ziele erreichen wollen, eine Härte, die etwas mit Ausdauer hat. Es kommt aber, wie immer im Leben, aufs Maß an.

In welchen Lebenssituationen müssen Sie selbst denn hart gegen sich selbst sein?

Benjamin Sadler: Hart gegen sich selbst...hm. Es gibt natürlich viele kleine Momente, beispielsweise im Sport. Da musste ich schon oft Härte gegen mich selbst zeigen, um durchzuhalten. Im Beruf und im Leben verstehe ich unter Härte eher eine gewisse Disziplin und auch Geduld. Ich muss zugeben, dass ich sicher nicht der Geduldigste bin.

Sie wollen schnell Ergebnisse sehen.

Mavie Hörbiger als Anneliese Bahr und Benjamin Sadler als Alfried Krupp. (c) ZDF/Stephanie Kulbach/ddp

Benjamin Sadler: Nein, nicht unbedingt. Das hat eher damit zu tun, dass ich die Dinge gern in Bewegung sehe. Es gibt bei mir eine Allergie gegen Stagnation.

Das Sofa ist für Sie ein grauenhafter Ort.

Benjamin Sadler: Überhaupt nicht. Manchmal muss man stehen bleiben, um weiterzukommen. Jeder Part des Lebens hat seine Qualitäten, und den genieße ich auch voll und ganz. Nein, nein, ich muss nicht ständig was tun. Beim Ausruhen geht’s ums Ausruhen. Aber wenn es um einen Schaffensprozess geht, möchte ich gern Bewegung sehen.

Wie kommen Sie denn mit Situationen zurecht, in denen Sie zum Warten verdammt sind?

Benjamin Sadler: Es gibt gewisse Sachen, an die man sich gewöhnt. Wenn ich mich darüber aufrege, mache ich mir mein Leben sehr schwer. Wenn ich warten muss, sehe ich zu, dass die Zeit anders nutze – zum Beispiel in dem ich die Tageszeitung ganz in Ruhe lese. Oder manchmal nutze ich Zeit, mal fünf Minuten lang die Augen zu schließen.

Iris Berben die Bertha Krupp. (c) ZDF/Stephanie Kulbach

Wie gehen Sie beruflich vor: Setzen Sie sich Ziele?

Benjamin Sadler: Ich würde es gerne philosophisch sehen, dass Ziele sowieso Schwachsinn sind. Na ja, gut, es gibt schon Dinge, die mich beschäftigen. Aber die benenne ich nur im engsten Kreis oder mache sie mit mir selber ab. Nein, generell treibt mich ein Grundgefühl, aber konkrete Ziele verfolge ich nicht.

Wie arbeiten Sie am liebsten?

Benjamin Sadler: Zunächst mal ist mir wichtig, dass ich Freude an der Arbeit habe. Ich nehme durchaus Schwierigkeiten in Kauf, aber ich möchte nicht von vorn herein mit einem leidenden Gesicht an die Arbeit herantreten. Ja, Freude, und dann ist Neugier wichtig. Ich arbeite einerseits gern mit neuen Menschen zusammen. Andererseits weiß ich es aber auch zu schätzen, wenn ich immer wieder mal Menschen begegne, die ich schon kenne. Das ist dann eine Art Familie, der ich nicht immer, aber immer wieder begegne. Es ist dann ein sehr schönes miteinander Wachsen.

In den letzten Jahren haben Sie spannende Projekte gemacht. Dazu zählen „Dresden“, „Krieg und Frieden“, „Contergan“ und jetzt „Krupps“. Haben Sie das Projekt gesucht, oder hat das Projekt Sie gesucht?

Benjamin Sadler: Man weiß es am Ende nicht. Es gibt wohl keine Zufälle. Aber es war schon so, dass man mir den jeweiligen Stoff zuschob.

Worauf waren Sie bei den „Krupps“ neugierig?

Benjamin Sadler: ...mehr zu erfahren über die Personen hinter der stählernen Wand, hinter dem Mythos, hinter den holzschnittartigen Figuren, die man aus der Schulzeit kannte.

Was kannten Sie von den Krupps?

Benjamin Sadler: ...deren Verknüpfung mit dem Faschismus, deren Verknüpfung mit der wilhelminischen Zeit, also eher wirtschaftliche Aspekte, weniger das Psychologisch-Familiäre.

Wie haben Sie versucht, hinter dem historischen Pappkameraden den Menschen Alfried Krupp zu finden?

Blick in die Ferne während einer Bergwanderung. (c) ZDF/Stephanie Kulbach

Benjamin Sadler: ...erst mal durch Literatur, dann durch die Auseinandersetzung mit Historikern, dann aber auch durch Gespräche mit Menschen, die in seinem Umfeld waren, aus dem Familienkreis.

War Bertha Krupp hart wie Kruppstahl?

Benjamin Sadler: Ach, das weiß man nicht so genau. Es ist anzunehmen, dass sie mit ihren Familienmitgliedern sehr streng und rigide umgegangen ist. Das war einerseits dem Zeitgeist geschuldet und andererseits dem bisschen Mehr an Verantwortung, weil die Familie in der Öffentlichkeit stand. Bertha ist eine – wie alle Kruppschen Figuren – ambivalente Gestalt. Es gibt Berichte, die sie als warmherzig und volksnah darstellen. Sie war bei Goldenen Hochzeiten, bei Betriebsfeiern. Man weiß aber nicht, was hinter verschlossenen Türen passiert. Aber was alle Familienmitglieder unisono erzählen : Über emotionale Dinge wurde einfach nicht gesprochen. Das war auch extremer, als das zu dieser Zeit üblich war.

Bertha Krupp hat in die Ehe ihres Sohnes eingegriffen. Haben Sie Mitleid mit Alfried Krupp?

Benjamin Sadler: Natürlich tun mir derartige Dinge Leid. Aber: Man kann sich anders verhalten. Natürlich: Wir reden hier nicht von Normalbürgern, die im Dickicht der Masse untertauchen können. Wir müssen beachten, dass Alfried Krupp nicht einfach untertauchen konnte, wenn er das Gefühl hatte, Ihr könnt mich alle mal… Ich weiß, dass er nicht glücklich war. Er hat sein Glück aufgegeben für etwas, das er für größer hielt: die Firma. Ich wünsche mir, dass ich nicht in eine derartige Situation komme.

Alfried Krupp bleibt ein Mythos

Alfried von Bohlen und Halbach macht macht Beitz zu seinem Generalbevollmächtigen der Firma. (c) ZDF/Stephanie Kulbach

Ist Ihnen Alfried Krupp durch Ihre Rolle näher gekommen?

Benjamin Sadler: Ja und nein. Der Einsamkeit von Alfried Krupp, seinem Rückzug ins Privatleben, habe ich mich genähert. Der wirklichen Person habe ich mich nur ganz unwesentlich genähert. Er selbst hat sich, bis auf ganz wenige Male, nie zu diesen Dingen geäußert. Es ist einfach so: Wenn man ein Wort lange ansieht, dann wirkt es irgendwann sehr weit entfernt. Schlussendlich zu greifen ist Alfried Krupp nicht. Das macht vielleicht auch den Mythos der Krupps aus.

Der Film erzählt die Geschichte der Krupps stark von oben. Drehen wir mal die Perspektive: Haben Sie sich auch mit Kruppianern unterhalten?

Benjamin Sadler: Das sind die Leute auf der Straße. Das sind die, die aus Arbeiterfamilien kommen. Wenn sich auf der Margarethenhöhe aufhält und in anderen Krupp-Siedlungen, dann gehört Krupp zur eigenen Geschichte, ganz unemotional. Bei denjenigen, die die große Zeit der Krupps miterlebt haben, habe ich eine große Dankbarkeit festgestellt. Teilweise nimmt diese Dankbarkeit Züge von Verklärung an. Das soziale Netz, das Krupp geknüpft hat, stellte damals ein Unikum dar. Das hat vielen Menschen geholfen – wenn das mal vergleiche mit dem, was Menschen zur gleichen Zeit in den Industriezentren Großbritanniens erlebt haben. Andererseits muss ich sagen: Das Netz ist ganz planvoll eingerichtet worden. Zufriedenere Arbeiter sind auch leistungsfähigere Arbeiter.

Angespannte Stimmung auf Villa Hügel: Alfried (Benjamin Sadler, l.) mit seinen Geschwistern Berthold (Johannes Allmayer, m.) und Waltraud (Karoline Schuch, r.). (c) ZDF/Stephanie Kulbach

Krupp wollte Mitarbeiter binden…

Benjamin Sadler: …binden, um sie leistungsfähiger zu machen. Dahinter stand immer der betriebswirtschaftliche Nutzen. Krupp hat das Netz nicht geknüpft, weil sie alle so nette Menschen waren. Der Ethos, uns waren die Mitarbeiter immer wichtiger als die Firma, kann ich so nicht nachvollziehen. Der betriebswirtschaftliche Nutzen geht in Ordnung. Aber man sollte das moralische Podest weglassen.

Erst kommt die Wirtschaft und dann die Moral.

Benjamin Sadler: Das war damals so, und das hat sich bis heute kein Deut geändert. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Und: Es gibt immer menschlichere und weniger menschlichere Varianten des wirtschaftlichen Handelns. Und die Firma Krupp zählte sicher zu den menschlicheren. Aber am Ende des Tages sollte die Zahl unterm Strich schon schwarz sein.

Die Stimmung ist besser, als es die Krise vermuten lässt

Alfried (Benjamin Sadler, l.) und der Generalbevollmächtigte des Krupp-Konzerns Berthold Beitz (Horst-Günter Marx, r.). (c) ZDF/Stephanie Kulbach

Herbert Grönemeyer hat bei seiner Bochum-Ode den Pulsschlag aus Stahl besungen. Konnten Sie ihn auch hören?

Benjamin Sadler: Na ja, er wird immer schwächer. Man hört eher den Nachhall des Pulsschlages. Die leeren Hallen haben ihre eigene Akustik. Ja, welchen Eindruck habe ich mitgenommen? Das Ruhrgebiet steht für die postindustrielle Revolution, die derzeit in Europa stattfindet. Wie viele Dienstleister kann ein Land vertragen – vor allem dann, wenn keiner die Dienstleister in Anspruch nehmen kann? Wenn das wirtschaftliche Herz eines Landes nicht mehr schlägt, muss man sich fragen, wie die anderen Organe versorgt werden. Das wirkt manchmal wie Eintauchen in Absurdistan. Es ist ein Fragen und Suchen. Aber momentan ist es so: Die Stimmung im Ruhrgebiet ist besser, als es die derzeitige Krise vermuten lässt.

Wie kommen Sie mit den Ruhris klar?

Benjamin Sadler: Ich kann gut mit den Leuten dort. Das ist kein Honig-um-den-Bart schmieren. Ich kann besser mit der Ruhrpott-Schnoddrigkeit als mit der Berliner Kodderschnauze. Es hat sicher damit zu tun, dass sich im Ruhrpott seit mehr als 100 Jahren Menschen aus unterschiedlichen Ländern zurechtfinden mussten. Das hat sicher bleibende Spuren hinterlassen.

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Jürgen Overkott

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