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Anne Will kämpft bei Afghanistan-Talk mit eitlem Selbstdarsteller

18.10.2012 | 06:47 Uhr
Anne Will kämpft bei Afghanistan-Talk mit eitlem Selbstdarsteller
Ob der Bundeswehreinsatz in Afghanistan die Opfer wert war, wollte Anne Will am Mittwoch von ihren Talk-Gästen wissen.Foto: ARD

Berlin.  Anne Will wagte in ihrem Talk am Mittwoch den Rundumschlag zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Die Diskussion verlief erfrischend sachlich. Dennoch ging die Show daneben, weil sie sich in zu vielen Aspekten verzettelte. Und weil sich ein Talkgast, mal wieder, als eitler Selbstdarsteller gefiel.

Der Krieg in Afghanistan – nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zog auch die Bundeswehr in den Kampf gegen die Taliban. Heute, fast elf Jahre später, geht es scheinbar nur noch darum, möglichst schnell und möglichst elegant abzuziehen.

Wenn es 2014 soweit ist und die Afghanen weitgehend selbst für ihre Sicherheit sorgen sollen, ist das Risiko groß, dass das Land aufs Neue komplett in Chaos und Gewalt versinkt. Der Einsatz am Hindukusch - ein Krieg also, der die Opfer nicht wert war?

Ein klares Ja kommt dazu von Jürgen Todenhöfer. Dem ehemaligen CDU-Politiker, der seit 30 Jahren die Krisengebiete in Afghanistan, Iran oder Irak bereist und fast ebenso lange als Buchautor und Talkshow-Dauergast den Oberlehrer in Sachen Pazifismus gibt. Todenhöfer hat nie Zweifel, er weiß immer alles, hat stets für jeden einen gönnerhaften Ratschlag parat.

Todenhöfer: "Man hat die Soldaten in Afghanistan verheizt"

Bei Anne Will lief der 71-Jährige zu Höchstfom auf und nahm der Gastgeberin zeitweise sogar die Gesprächsführung aus der Hand. Er sagt: „Der Krieg hat sich nicht gelohnt. Er hat ein traumatisiertes Land hinterlassen. Man hat die Soldaten in diesem Krieg verheizt.“

Das ist starker Tobak, aber im Kern dürfte ihm ein großer Teil der Bevölkerung in Deutschland wohl zustimmen. Der Krieg, in dem die Bundeswehr mit gut 4500 Soldaten steht und der bisher 52 Soldaten der Truppe das Leben kostete, war hierzulande nie populär. In Umfragen sprach sich fast immer eine deutliche Mehrheit gegen den Einsatz aus.

Und die meisten wollten eigentlich nie wirklich wissen, was dort geschieht. Vielleicht liegt dies auch daran, dass der Afghanistan-Krieg noch komplexer und vielschichtiger ist, als solche Konflikte es ohnehin sind.

Verteidigungsminister räumt Fehler in Afghanistan ein

„Es gibt kein Schwarz und kein Weiß in Afghanistan“, sagt Thomas de Maizière (CDU), der Verteidigungsminister. Und er gesteht ein: Die Ziele zu Beginn des Einsatzes, nämlich binnen drei Jahren in Afghanistan eine Demokratie nach westlichem Vorbild zu installieren, seien „zu optimistisch“ gewesen. Gleichwohl könnten die Bundeswehr-Soldaten dabei helfen, „ein Mindestmaß an Sicherheit“ zu gewährleisten.

Was nach dem Abzug der internationalen Truppen Ende 2014 geschieht, sei „unklar“, muss aber auch der Minister einräumen. Und Todenhöfer lächelt maliziös.

Bischof Overbeck warnt vor drohendem neuen Bürgerkrieg in Afghanistan

Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen und auch katholischer Militärbischof, hat da eine noch skeptischere Ahnung. Er sei sich „ziemlich sicher“, so Overbeck, dass das Land nach dem Abzug wieder im Bürgerkrieg versinke. Nach 30 Jahren Chaos und Gewalt brauche das Land mindestens genau so lange, den Weg in eine bessere Zukunft zu gehen.

Bundeswehr
Katholische Soldaten diskutieren über Töten und Glauben

Katholische Bundeswehrsoldaten treffen sich derzeit in Berlin. Sie reden darüber, wie Töten mit ihrem christlichen Glauben vereinbar ist - und welche ethischen Anforderungen es für den Einsatz von Drohnen geben muss. Militärbischof Overbeck: Christliches Menschenbild kennt die Selbstverteidigung.

Soldaten, die am Hindukusch Dienst tun, sehen das ähnlich. „Wenn wir jetzt einfach gehen, war das hier umsonst“, sagt einer in einem Einspielfilm aus Afghanistan. Direkte, desillusionierende Worte.

Leid von Afghanistan-Soldaten eindringlich geschildert

Die Frage über Sinn, Unsinn oder Fortführung des militärischen Einsatzes ist also schon ein Thema für sich. Anne Wills Sendung litt daran, dass die Gastgeberin noch weitere, vielschichtige Aspekte des Einsatzes in die 75 Minuten packen wollte.

Etwa: Das Schicksal, das Leid der Soldaten. Eindringlich die Schilderungen der 35-jährigen Marita Scholz, die selbst drei Monate als Soldatin in Afghanistan eingesetzt war und deren Mann, ebenfalls Zeitsoldat, nach Einsätzen in Afghanistan, im Libanon und im Kosovo schwerst traumatisiert ist und die sich von der Bundeswehr alleingelassen fühlt. Bei weitem kein Einzelschicksal, wie auch Minister de Maizière zugab.

Oder: Die Frage der zivilen Hilfe für das geschundene Land. Die Brunnen, die dort gebohrt, die Schulen für Mädchen, die dort eingerichtet wurden. Viele kleine Siege, Rückschläge inklusive. Was geschieht damit, sollten die Taliban erneut ihr Schattenreich errichten?

Brisantes Thema bei Anne Will zerredet

Oder: Wie weit ist der Westen im Kampf gegen Terror? Wird Afghanistan erneut zum Rückzugsgebiet und Ausbildungslager für islamistische Terroristen, die sich derzeit jenseits der Grenze in Pakistan versteckt halten, so wie jahrelang El-Kaida-Chef Osama bin Laden?

Und, natürlich, Jürgen Todenhöfer schaffte es sogar, den Fall des Bundeswehr-Oberst Klein in dem Talk unterzubringen, der vor rund drei Jahren in Afghanistan den fatalen Befehl zur Bombardierung von zwei Tanklastzügen gab. Über hundert Menschen starben dabei. Minister de Maizière beförderte Klein in diesem Jahr zum General.

Walter Bau

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Kommentare
18.10.2012
16:57
Anne Will kämpft bei Afghanistan-Talk mit eitlem Selbstdarsteller
von Eduard79 | #16

Am schrecklichsten fand ich die Soldatin bzw. gleichzeitige Soldaten-Ehefrau. Ja verdammt, es ist schlimm wenn man mit posttraumatischen Belastungsstörungen aus dem Einsatz zurückkommt, sein Familienleben nicht mehr auf die Reihe bekommt, und von der Bundeswehr wenig Hilfe erfährt.

Aber ganz ehrlich: Wir haben es mit einer Freiwilligen-Armee zu tun. Wer (kleine) Kinder hat, verheiratet ist usw. und trotzdem meint, Berufs- oder Zeitsoldat werden zu müssen, dem darf man doch eine Teilhabe (um nicht zu sagen Mitschuld) an seiner Situation geben. Diese Menschen sind nicht nur Opfer!
Was erwarten die eigentlich? Dass sie als Berufssoldaten niemals einen Krieg sehen, und wenn, dann nur einen "guten"!?!?? Absurd.

1 Antwort
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Name von Moderation entfernt | #16-1

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

18.10.2012
13:46
Anne Will kämpft bei Afghanistan-Talk mit eitlem Selbstdarsteller
von Wuestensturm | #15

Ich fand die Sendung hochinteressant. Im Rahmen seiner politischen Möglichkeiten hat der Verteidigungsminister Herrn Todenhöfer zugestimmt. Afghanistan ist ein gutes Beispiel dafür, dass der politische und journalistische Mainstream gefährlich naiv sind. Natürlich empfinden diese "Vertreter" Todenhöfer als selbstgerecht. Er ist aber einfach umsichtiger.

Auch ich fand den Einsatz in Afghanistan von Anfang an überflüssig und aussichtslos. Es ist ein riesiges Land ohne Infrastruktur im westlichen Sinne, es ist Stammesgebiet mit mittelalterlicher Stammeskultur. Was will man da bewirken? Die Gleichberechtigung der Frau durchsetzen? Die kulturellen Beharrungskräfte sind enorm, sie lassen sich nicht erschiessen.
Allen Respekt auch für de Maiziere, der unglaublich ehrlich war. Am Besten, dass man auf dem Dorffest mit den anwesenden Mädchen tanzen muss. Eine aussenpolitische Bombe. Aber da schließt sich der Kreis. De Maiziere wär nicht auf dieses Dorffest gegangen. Er hat die Einladung geerbt.

18.10.2012
13:43
Anne Will kämpft bei Afghanistan-Talk mit eitlem Selbstdarsteller
von MisterB | #14

Die Sendung war ausnahmsweise mal ganz gut, der Kommentar von Bau und einige Kommentare hier im Forum schon eine Frechheit.
Wenn es mal in einer von 10 Talkshow vorkommt, dass jemand ungeschminkt die Wahrheit sagt wird er sofort von den systemtreuen Medien schlecht gemacht.
Jedem der da gestern ein wenig zugeschaut muss doch klar sein,dass dieser Kriegseinsatz und die toten afghanischen Zivilisten und Soldaten völlig umsonst waren. Nur die Deutschen sind gegen diesen Krieg aber interessieren sich nicht sonst weiter dafür. Weil ihnen so ziemlich alles irgendwo vorbei geht. das ist der Grund allen Übels...und natürlich, hier zu "bewundern", die Einstellung so manch eines Kommentarschreibers...

18.10.2012
12:23
Anne Will kämpft bei Afghanistan-Talk mit eitlem Selbstdarsteller
von meinemeinungdazu | #13

So eine Sendung ist nicht im Interesse der Gebührenzahler. Man sollte sie kappen. Dass Afghanistan nicht zu retten ist, weiß doch jeder. Sobald der Westen abzieht, kehrt es zu den alten Machenschaften mit Gewalt zurück. Milliarden wurden umsonst verplempert. Der Westen ist kein Vorbild für das Land.

4 Antworten
Anne Will kämpft bei Afghanistan-Talk mit eitlem Selbstdarsteller
von Eduard79 | #13-1

Eins muss man der Sendung lassen: Alle Teilnehmer haben ihre Meinung fundierter begründet als mit einem profanen "das weiß doch jeder" - ein klassisches Totschlagargument, und als solches völlig inhaltsleer.

Anne Will kämpft bei Afghanistan-Talk mit eitlem Selbstdarsteller
von Eduard79 | #13-2

Eins muss man der Sendung lassen: Alle Teilnehmer haben ihre Meinung fundierter begründet als mit einem profanen "das weiß doch jeder" - ein klassisches Totschlagargument, und als solches völlig inhaltsleer.

Anne Will kämpft bei Afghanistan-Talk mit eitlem Selbstdarsteller
von meinemeinungdazu | #13-3

Nach dem Abzug sprechen wir uns wieder!

Anne Will kämpft bei Afghanistan-Talk mit eitlem Selbstdarsteller
von Eduard79 | #13-4

Darum geht es mir doch gar nicht, ich bin nicht für den Einsatz. Ich wollte lediglich ausdrücken, dass man seine Meinung zu so einem komplexen Sachverhalt schon etwas stichhaltiger begründen sollte als mit simplem "Das weiß doch jeder".

18.10.2012
11:32
Anne Will kämpft bei Afghanistan-Talk mit eitlem Selbstdarsteller
von jagenau | #12

Das Problem des Afghanistan-Einsatzes ist die Überfrachtung mit Zielen. Ursprünglich ging es darum, Terroristen zu jagen und unschädlich zu machen. Erst durch die Idee, das Ganze zu einer humanitären Aktion umzumünzen ergaben sich die Probleme mit einer vollkommen archaischen Zivilisation, die sich selbst entwickeln muss. Zu Todenhöfer: Der Mann ist schon lange nicht ganz dicht.

1 Antwort
Anne Will kämpft bei Afghanistan-Talk mit eitlem Selbstdarsteller
von Imaz | #12-1

Ich glaube, Sie irren. Es war nie ursprüngliches Ziel der USA, Terroristen zu
jagen. Ziel war es, das Land aus strategischen Gründen zu unterwerfen.
Die Taliban wurden von den USA ausgebildet und mit Waffen versorgt.
Nach dem Abzug der Russen wurden die Taliban als Verbündete in den USA mit
allen Ehren empfangen.
Als diese sich weigerten, den USA das Land zu überlassen, wurden aus den
guten Freunden über Nacht "Terroristen".
Der Afghanistan Krieg begann. Das Ziel der USA ist immer noch das Gleiche.

18.10.2012
11:22
Wer sich freiwillig verpflichtet
von Blackeye | #11

und sich nicht über die Risiken bewusst ist, darf jetzt nicht rumjaulen. Es wurde hier niemand gegen seinen Willen in diese Krisengebiete geschickt. Da gehören immer zwei zu , die Politiker, die in Sicherheit sind und die, die zu Kanonenfutter werden wollen. Das war bisher in jedem Krieg so und das wird in jedem Krieg wieder so sein und man kan Kriege nur verhindern, wenn eine der beiden Gruppen darauf verzichtet - Politiker werden das aus Erfahrung mit Sicherheit nicht sein.

18.10.2012
11:21
AnnetteP - #8 - Blick zurück auf Herbert Wehner
von TreuerLeser | #10

Ob dieser Blick immer sinnvoll ist, sei dahingestellt.

Wehner hat viel gesagt und unter anderem Willy Brandt einmal als einen Herrn bezeichnet, der „gerne lau badet“.

Daß die Erkenntnis, die Talkshows zerredeten Themen - ich würde etwas krasser formulieren und sagen, sie zerreden Themen, die gar nicht behandelt werden müssen - als so neu und sensationell betrachtet wird, ist mir unverständlich.

Ich teile insofern die Ansicht des Mit-Kommentators #7 und praktiziere es selbst so.

Und von der letzten Talkshow, von der ich kürzlich einige Minuten sah, weil ich zufällig abends in einem Hotelzimmer-Fernsehgerät auf den Sender zappte, sind mir vor allem die herausragenden ersten Reaktionen von Frau Maischberger auf die Antwort eines Gastes in Erinnerung, als sie sinngemäß wiedergegeben sagte „Hm, hm, aha.“

18.10.2012
11:06
Anne Will kämpft um Einsicht und Gespür für Realität
von KamSahSiegteTraurig | #9

Wenn man Soldaten mit Gewehren irgendwo hinschickt, dann kann geschossen werden. Soweit sind sich alle einig. Nur wenn geschossen wird, dann sind die dieselben Personen sich nicht mehr einig? Dumm wie Hedgefonds, auch in Menschenfragen, sage ich nur.
Was mich wirklich traurig gestimmt hat, wie fern wir offiziell von Afghanistan innerlich sind, denn es war niemand in der Runde, er echte Betroffenheit besaß. D.h., bei vielen Aussagen habe ich mich dermaßen für alle Opfer, Afghanen wie Soldaten aller Nationen, geschämt.
Wenn ich unter anderen Schüsse höre und sehe Zivilisten tötlich getroffen, alles zack zack, wie soll ich gleich gekleidete Zivilisten und Taliban unterscheiden können. Alles kollaterale Schäden aus Sicht der Soldaten, der Gesellschaft, der Kirche, der Militärführung, ... ?
Fakt ist: In dieser Runde ist der Soldat, der menschlich darunter leidet, auch noch ein geeignetes Element für Profilierung. Das ist mir zuwider!

18.10.2012
10:24
Anne Will kämpft bei Afghanistan-Talk mit eitlem Selbstdarsteller
von AnnetteP | #8

Für Herrn Todenhöfer sind die afghanischen Taliban gute Menschen und die pakistanischen Taliban schlechte.

Was für eine verquere Ansicht.

Übrigens Herr Wehner (SPD) nannte ihn mal Hodentöter

http://news.de.msn.com/panorama/bilder.aspx?cp-documentid=153709830&page=19

18.10.2012
10:18
Nullzeit
von wohlzufrieden | #7

Wer Anne Will guckt, verschenkt Lebenszeit.

1 Antwort
@ wohl unzufrieden?
von cui.bono | #7-1

Wer ihre Kommentar liest aber auch!

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