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Anne Will analysiert Schlecker-Pleite mitten im Jobwunder

02.02.2012 | 06:25 Uhr
Anne Will analysiert Schlecker-Pleite mitten im Jobwunder
„Unten schuften, oben kassieren - sieht so unser Jobwunder aus?“ fragte Anne Will ihre Gäste.

Essen.  Am deutschen Arbeitsmarkt läuft es gut, es gibt mehr Jobs als je zuvor. Dass die Drogerie-Kette Schlecker schließt, will nicht so recht ins Bild passen. Oder doch? Bei Anne Will diskutieren unter anderem Michael Hüther, Oswald Metzger und eine Betriebsrätin von Schlecker, wie es zu der Pleite kommen konnte. Zeigt die Insolvenz, dass das „System Schlecker“ mit seinen Niedriglöhnen und schlechten Arbeitsbedingungen am Ende ist?

Der Drogerie-Riese Schlecker hat vor einigen Tagen Insolvenz angemeldet, 32.000 Mitarbeiter bangen nun um ihre Jobs. Doch die sind meist schlecht bezahlt, Teilzeitstellen, Zeitarbeit, viele davon auf 400-Euro Basis. Trotz Jobwunder sind es vor allem Stellen wie diese, die unter die Räder geraten. „Unten schuften, oben kassieren - sieht so unser Jobwunder aus?“ fragte Anne Will ihre Gäste.

Eine große volkswirtschaftliche Betrachtung von Ungleichheit, sich öffnender Lohnschere und dem ewigen Gegensatz von Arbeit und Kapital hatte sich die Moderatorin wohl erhofft – doch herausgekommen ist vor allem eines: Jeder, der die 75 Minuten vor dem Fernseher verbracht hat, weiß nun, woran die Unternehmensstrategie Anton Schleckers, wirtschaftstheoretisch betrachtet, gescheitert ist.

Auch die Betriebsrätin kann wenig Gutes an Schlecker finden

Mona Frias, die seit 1995 für den Drogisten arbeitet und in 16 Jahren als Betriebsrätin vieles von dem mitgemacht hat, was den Ruf ihres Arbeitgebers so nachhaltig ruiniert hat, wird als erstes in der Sendung präsentiert. Von der Insolvenz hat sie, wie auch die anderen Mitarbeiter, aus den Medien erfahren. Ein Verhalten, das typisch ist für die Art und Weise, wie Schlecker mit seinen Angestellten umgeht.

Besondere Zuneigung kann der Konzern aus dem schwäbischen Ehingen von seiner Berliner Betriebsrätin nicht erwarten. Der Kampf um die Arbeitsrechte in den kleinen Drogerie-Filialen war zäh, mehrmals die Woche fand sich Frias vor dem Arbeitsgericht wieder – immer ging es ihr darum, „die Kolleginnen“ zu unterstützen. Wie es nun weitergehen soll, weiß keiner so genau.

Alle sprechen vom Jobwunder – doch entstehen vor allem miese „Schleckerjobs“?

Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg, kann sie beruhigen. Das „Jobwunder“, die konstant steigende Nachfrage nach gut ausgebildeten Angestellten, ist auch im Einzelhandel zu beobachten. Frau Frias wird auch nach Schlecker einen Job finden, so die Botschaft. Doch was für einen?

Im Jonglieren mit den Zahlen kommen sowohl Busch-Petersen als auch Anne Will durcheinander, kein Wunder. Doch bei einer Arbeitslosenquote von nur noch 7,3 Prozent, 700.000 neuen Jobs, etwa 60.000 davon im Einzelhandel, muss ja wirtschaftlich irgendetwas richtig laufen im Lande – oder sind das alles nur mies vergütete Teilzeitstellen, „Schlecker-Jobs “, wie Will sie nennt?

Die Schlecker-Pleite ist leicht erklärt: Keiner wollte mehr dort einkaufen

Nein, glaubt Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, viele dieser Stellen seien „gute“, sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen. Doch um die Frage, welche Jobs gerecht sind und wie sehr sich Arbeit lohnen muss, geht es ihm gar nicht. Der Ökonom und Privatuni-Professor möchte vor allem eines: die Pleite von Schlecker erklären. Diese Insolvenz ist nämlich so einfach, dass man sie auch ohne teure Wirtschaftsvorlesung versteht.

Kaum ein Unternehmen in Deutschland hat einen derart schlechten Ruf wie Schlecker. In Umfragen auf der Straße bringen es die Kunden auf den Punkt: Das Sortiment sei schlampig und unübersichtlich, die Mitarbeiter würden schlecht behandelt, es gebe für sie weder Toilette noch Telefon, dafür Spitzel und Druck von oben. Zudem zeigen Tests, dass die Wettbewerber dm und Rossmann durchweg preisgünstiger sind.

Zeigt die Schlecker-Pleite eine „Moralisierung der Märkte“?

Warum also noch bei Schlecker einkaufen? Herta Däubler-Gmelin (SPD), die bis 2002 Bundesjustizministerin war, kauft vor allem aus einem Grund dort ein: Es gibt bei ihr am Ort gerade nichts anderes. Die Präsenz in der Provinz, die Schlecker zu dem viel belächelten Slogan „For you. Vor Ort“ inspirierte, aber ist zu wenig, um ein derart unbeliebtes Unternehmen am Markt zu halten.

Also einfach Pech gehabt? Genauso sieht das Michael Hüther und nutzt die Gelegenheit, noch ein paar Sätze aus dem Ökonomielehrbuch loszuwerden. Wir alle hätten mit den „Stimmzetteln in unserem Portmonee“ abgestimmt und zwar, weil wir Verbraucher die Unternehmenspolitik von Schlecker einfach nicht mehr akzeptieren – eine „Moralisierung der Märkte“ will er daran ablesen. Eigentlich also ein gute Entwicklung, dass dieses fiese Unternehmen nun die Quittung für sein Verhalten bekommt.

Rutscht Anton Schlecker jetzt auf Hartz 4 durch? Theoretisch kann das passieren

Ganz so herzlos möchte es Oswald Metzger, der die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU vertritt, nicht sehen. Der Unternehmer Anton Schlecker stehe schließlich nun mit seinem Privatvermögen für die Pleite seiner Firma ein. Auch wenn keiner in der Runde, besonders nicht der Journalist und Kabarettist Peter Zudeick, der die obligatorische Stimme des Arbeiterkampfes vertritt, glaubt, dass die Familie Schlecker nun auf Hartz 4 durchrutscht – ein bisschen Respekt für das Privatrisiko des ehrbaren Kaufmanns kann Metzger einfordern.

Gerade kleinere Selbstständige im Einzelhandel tragen ein großes Risiko. Immer wieder komme es dort zu Pleiten, wie auch Verbandsvertreter Busch-Petersen bestätigt. Seit 1999 gibt es jedoch ein neues Insolvenzrecht, das nun auch Schlecker zu Gute kommt. Die zweite Chance, nach dem Scheitern noch einmal aufzustehen, könnte auch der Drogist nutzen – und möglicherweise auch von der Konkurrenz lernen. Denn dass die Kette ein neues Geschäftsmodell braucht, ist nur allzu offensichtlich.

„Wie gerecht empfinden Sie die Gesellschaft?“

Dass eine Pleite so intuitiv verständlich und ökonomisch gut zu erklären ist, macht das Gespräch für alle Beteiligten angenehm. Allein Frau Frias, die sich womöglich bald um einen neuen Job bemühen muss, kann die Begeisterung über das Abstimmungsergebnis der Verbraucher – nicht mehr bei Schlecker einzukaufen – nicht so recht teilen. Während Busch-Petersen, Metzger und Hüther ohne große Kontroversen diskutieren, welche Strategien auf dem Drogerie-Markt Erfolg versprechen oder an die Verbraucher appellieren, den Tante-Emma-Laden mit der individuellen Beratung nicht nur gut zu finden, sondern auch tatsächlich zu besuchen, wird die Schlecker-Betriebsrätin immer stiller.

„Wie gerecht empfinden Sie die Gesellschaft?“ fragt die Moderatorin Frias am Ende der Sendung. Eine große Frage. Ihre Kolleginnen und sie wünschen sich Jobs, von denen sie leben können, antwortet Mona Frias schließlich. Das Aufeinanderprallen von der Realität an der Schlecker-Kasse und einer Wirtschaftstheorie, die stets zu dem Ergebnis kommt, dass die „freie Entscheidung der Verbraucher im Wettbewerb“ (Hüther) zu optimalen Resultaten führt, deutlicher kann man sie eigentlich nicht zeigen. Doch in der Schlussdiskussion hört man den Satz von Frau Frias kaum noch. Da geht es schon um die Chancen und Gefahren durch die Konkurrenz neuer Märkte im Internet.

Charlotte Theile

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Kommentare
02.02.2012
13:43
Anne Will analysiert Schlecker-Pleite mitten im Jobwunder
von MalNachgedacht | #16

@15: Selbstverständlich darf sich Herr Hüther mal wieder als Experte aufspielen, immerhin arbeitet die Lebenspartnerin von Frau Will, Prof. Meckel, ebenfalls für die INSM. ;)

02.02.2012
13:12
Anne Will macht mal wieder neoliberale Propagande...
von worldsaway | #15

... und derWesten verbreitet diese mal wieder völlig unkritisch. Der INSM-Lobbyist Michael Hüther darf sich natürlich auch wieder als "Experte" aufspielen und Oswald Metzger wird wie gewohnt in die gleiche Kerbe hauen.

Wo bitte ist das Jobwunder wenn immer mehr Leute gezwungen werden schlechtbezahlte Teilzeitjobs anzunehmen???

Das traurigste an der ganzen Sache ist dass diese Propagandasendung die von Lobbyverbänden von Arbeitgebern und Finanz"industie" getragen wir auch noch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk läuft und sogar noch von meinen Gebühren bezaht wird!

Hier darf das arbeitende Volk auf noch für seine eigenen Schlachter zahlen!

02.02.2012
13:04
Anne Will analysiert Schlecker-Pleite mitten im Jobwunder
von bernd1961 | #14

Welches Jobwunder?

02.02.2012
12:28
Anne Will analysiert Schlecker-Pleite mitten im Jobwunder
von Gievelsbiaerger | #13

fatih | #12
Kärgliche Einrichtung ist solange akzeptabel, wie die der Preis der Arbeit für die abhängig Beschäftigten stimmt !

1 Antwort
Stimmt nicht ganz,
von fatih | #13-1

denn eine kärgliche Einrichtung zieht wenige Kunden an, was einen geringen Umsatz zur Folge hat. Das wiederum at auch Auswirkungen auf die Löhne, die ja aus den Einnahmen/Umsatz des Betriebes zu bezahlen sind. Das Geschäftsmodell muss schon als Ganzes stimmig sein: Von der Einrichtung, von den Produkten, von den Mitarbeitern her.

02.02.2012
11:34
Schlecker ist betriebswirtschaftlich gescheitert
von fatih | #12

Und ich möchte hier ausdrücklich klare Kante ziehen: Schlecker steht schließlich nun mit seinem Privatvermögen für die Pleite seiner Firma ein, weil er als eingetragener Kaufmann firmiert hat und nicht, wie das eigentlich üblich ist als Kapitalgesellschaft. Als GmbH oder AG hätte Schlecker allerdings auch seine Bilanzen veröffentlichen müssen. Das hat er nie gemacht. Keine sollte ihn in die Karten sehen. Das Konzept, möglichst viele Filialen mit schlecht bezahlten Angestellten, konnte nie aufgehen und die Bilanzen hätten das sehr schnell gezeigt. Schlecker hat keine Bankkredit in Anspruch genommen, sondern ausschließlich Lieferantenkredite. Bei Bankenkredite hätte er die Bilanz vorlegen müssen. Ich vermute, Schlecker hat den Betrieb expandieren lassen, immer mehr neue Filialen, um die Umsatzeinbußen je Filiale zu verkraften. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Dann hat er versucht, sich mit den Gewerkschaften zu einigen. Das schlechte Image musste weg. Aber da war es schon längst zu spät. Das Klime im Betrieb war eiskalt.

Kurzum: Alles war lieblos an dem Geschäftsmodell. Angefangen von den Filialen, die Werbung draußen, die kärgliche Einrichtung, die engen Gänge, die unzufriedenen unterbezahlten Mitarbeiter.

Der Kunde ist König, ja klar, aber er kann nur König sein, wen die Angestellten ihn dazu machen und das gelingt nur, wenn die vom Chef geehrt und respektiert werden. Gutes Geld für gute Arbeit. Dann läuft das rund.

2 Antworten
Bzgl der Frage Privathaftung bleibt abzuwarten,
von pipapu | #12-1

was denn von dem was er besitzt zur Haftung zur Verfügung steht. Was wurde denn schon vorher aus der Schußlinie genommen?

Bisher ist er nicht als ehrlicher Makler in Erscheinung getreten.

pipapu , 12-1
von fatih | #12-2

Interessante Frage, die aber allein der Konkursverwalter wird aufklären können, wenn er die Gewinn- und Verlustrechnung durch sieht. Daraus muss ja hervorgehen, wie viel dem Betrieb entnommen wurde und wo die Entnahmen heute verblieben sind. Das müsste sich aufklären lassen. Ursprünglich wollte Herr Anton Schlecker ja eine Planinsolvenz, d.h. dass er alleine die Geschäfte weiter führen kann. Daraus wurde nichts. Jetzt hat der Konkursverwalter Einblick in alle Geschäftsunterlagen. Vielleicht kommt ja da noch etwas? Also auf der Pressekonferenz hat die Tochter erklärt, ihr Vater haftet mit seinem gesamten Vermögen, und das Vermögen sei aufgebraucht, sonst hätten sie keine Insolvenz beantragt, aber sie wolle sich auch über ihre finanzielle Situation nicht beschweren. Was immer das auch heißt. Das Interview gibt es auf spiegel.de und zeit.de sowie handelblatt.de

02.02.2012
10:35
Anne Will analysiert Schlecker-Pleite mitten im Jobwunder
von Schnuffie | #11

Zu den Herren Hüther und Metzger fehlte nur noch die Märchentante Frau von der Leyhen.
Dann wäre die Sammlung voll gewesen.
Wie schon vielfach geschrieben, sind die meisten Jobs im 400 Euro Bereich und sonstigen Niedriglohn-Beschäftigungen geschaffen wurden. Dank Herrn Schröder und seiner SPD in Verbindung mit den Grünen, wurde diese Möglichkeit der Ausbeutung erfunden. Dazu kommt noch die Riester-Rente und der Beschiss ist perfect!

2 Antworten
Anne Will analysiert Schlecker-Pleite mitten im Jobwunder
von g.kont | #11-1

Lasst mich nicht bei der Riesterrente beginnen, dieser Subventionierung von Banken und Versicherungen. Der reichsten und volkszerstörerischsten Branche überhaupt. Riester sollte sich was schämen, für sowas mit seinem Namen zu stehen.

Anne Will analysiert Schlecker-Pleite mitten im Jobwunder
von wimmel | #11-2

Dieser Riester der für eine höhere Pension klagt, hat doch den Maschmeier mit seiner Versicherung streinreich gemacht, zu Lasten der gesetzlichen Rentenversicherung und der Rentner. Gleiches geschieht doch auch in der Krankenversicherung, privatisieren um die Gesetzlichen zu schwächen, damit wieder Wenige steinreich werden können.

02.02.2012
10:31
frau Will kann ja gerne für nen kleinen euro beim schlecker durch die regale düsen
von trickflyer | #10

sitzt aber lieber warm und für nen langen euro im studio.oops.

02.02.2012
10:24
Anne Will analysiert Schlecker-Pleite mitten im Jobwunder
von oldman60 | #9

ich frage mich auch wo und wehn dieses jobwunder betrifft.bestimmt nicht diese blasierten dummschwätzer die in allen talkshows ihren geistigen müll ablassen.warum werden diese runden nicht mal mit den leuten bestückt die unter den sauereien der politiker leiden müssen.aber da haben die moderatoren und politiker angst vor das die wahrheit ans licht kommt ,weil auch das fernsehen von der politik unterwandert ist und da bestimmt.

02.02.2012
09:49
Anne Will analysiert Schlecker-Pleite mitten im Jobwunder
von g.kont | #8

Das ist doch alles Humbug mit "Wenn es der Wirtschaft gut geht geht es auch den Menschen gut". Dieses ominöse Gefasel von Wirtschaftswachstum und Jobwunder kann einen nur krank machen. 1. Es gibt kein unendliches Wachstum, die Erde wächst nicht mit. 2. Natürlich entstehen mehr Jobs wenn man eine Vollzeitstelle durch 2 Minijobs ersetzt. 3. Diese verlogende Politikermeute glaubt wohl immer, dass wir nicht wüssten, dass Lobbyisten die Politik bestimmen.

02.02.2012
09:36
Anne Will analysiert Schlecker-Pleite mitten im Jobwunder
von kamener1967 | #7

Oh ja, von dem "Jobwunder" habe ich auch schon gehört.
Ich kenne ein paar Leute, die daran teilhaben dürfen, bzw. durften.
Das sind Leute, die bei den hochgelobten Zeitarbeitsfirmen für 7 €/h beschäftigt werden und trotzdem zum Jobcenter mussten und sich auch als "Sozialschmarotzer" beschimpfen lassen.
Oder bei Schlecker beschäftigt waren und dann über die hauseigene Zeitarbeitsfirma bei Schlecker XXL arbeiten durften.
Ja von dem Jobwunder habe ich schon gehört.

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