„Anderst schön“ – Eine zartbittere Romanze mit Charly Hübner

Roger (Charly Hübner) lässt Blumen sprechen, doch Ellen (Christina Große) spürt noch keine Frühlingsgefühle.
Roger (Charly Hübner) lässt Blumen sprechen, doch Ellen (Christina Große) spürt noch keine Frühlingsgefühle.
Foto: NDR/Christine Schroeder
Was wir bereits wissen
Er hat ein Herz für Antihelden: Charly Hübner spielt Roger, Hausmeister und Muttersöhnchen, zum Heulen komisch. Auch das Drehbuch ist grandios.

Hamburg.. Hängende Schultern, Dackelblick: Roger (Charly Hübner) ist der Hausmeister von der traurigen Gestalt. Nur bei einer einzigen Frau hat der Hüne mit den fettigen Haaren Schlag: bei Mutti. Alle anderen Damen machen Roger fahrig und verlegen – etwa als Ellen (Christina Große) in den tristen Plattenbau einzieht. Denn die Liebe hat ihn wie ein Blitz getroffen. Er hilft der Neuen beim Karton-Schleppen und demoliert prompt das Cello von Ellens Tochter Jill (Emilie Neumeister). Werden sich Roger und Ellen jemals finden?

Drehbuchautor Wolfgang Stauch und Regisseur Bartosz Werner erzählen in dem Film „Anderst schön“ eine bittersüße Liebesgeschichte, bei der Lacher und Schluck-Momente dicht beieinander liegen. Dass der Film in der Wohnklotz-Tristesse des Ostens spielt, verstärkt den herben Charme der schrägen Komödie nur noch.

Plattenbau wirkt wie DDR-Museum

Sie präsentiert eine Ansammlung ebenso skurriler wie sympathischer Verlierer, die in ihren Wohnungen, 25 Jahre nach der deutschen Einheit, so leben, als bevölkerten sie ein DDR-Museum. Die Szenerie wirkt wie ein Ball der einsamen Herzen. Die Party ist vorbei, die Musik verstummt, Katerstimmung greifbar – allen voran bei Rogers „Muddi“ Katrin Müller (Renate Krößner). Sie hält sich an zwei Dinge: an ihren Sohn und an Klaren. In beiden Fällen extrem. Das kann nicht gut gehen.

Onlinekanal „Muddi“ ahnt – lange vor ihrem Sohn – mit dem berühmten weiblichen siebten Sinn, dass es zwischen Sohn und Nachbarin knistert. Und genau das will die zutiefst verzweifelte Frau verhindern.

Ein ironisch-naiver Märchenton

Das klingt nach deprimierender Mutter-Sohn-Studie. Doch genau das ist sie nicht. Gleich mit den Bildern darf Roger einen ironisch-naiven Märchenton anschlagen: „Am Ende wird alles gut, und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es auch nicht das Ende.“

Charly Hübner hat bekanntlich ein Herz für Außenseiter, die wider Willen zu Helden werden – und sei es nur bei der Liebe ihres Lebens. Hübners Hausmeister ist das Gegenteil eines Blockwarts: Der Antiheld hat einen feinen Sinn für die Absurditäten des Lebens und, was ihn richtig sympathisch macht, ein goldenes Herz für seine „Muddi“, für alle, die am Leben leiden, und sogar für die Schafe seines türkischen Nachbarn, denen er augenscheinlich das Leben rettet.

Eine chaotische Lebenskünstlerin

Am Ende, hübscher Gag, unterhält Roger einen kleinen Zoo auf dem Dachgarten. Dort grübelt der weise Narr darüber nach, wie er seiner Angebeteten näherkommen kann.

Dabei ist dem Publikum schnell klar, dass die beiden so gut zusammenpassen wie Pommes und Currywurst: nämlich perfekt. Nachbarin Ellen ist eine chaotische Lebenskünstlerin, die mit ihrer Tochter vor einer zerbrochenen Beziehung davonlief – von West nach Ost. Die Frau mit den traurigen Augen arbeitet in einer Kneipe, und nebenher bietet sie bei einer Eros-Hotline stimulierende SMS an. Doch Liebe und Sex sind bekanntlich zweierlei.

Dass das Ende voraussehbar ist, schmälert den Wert des Films keineswegs. Entscheidend nicht das Ziel, sondern der Weg dahin: das Unmögliche wagen, gegen alle Widerstände. Nebenher verbreitet das Alltagsmärchen eine hoffnungsvolle Botschaft. Mut kann Tristesse verwandeln: in pure Poesie.

Fazit. Zartbittere Romanze mit hervorragendem Drehbuch und großartigem Ensemble, allen voran Charly Hübner. Sie verdient ein großes Publikum.

Freitag, 12. Juni, ARD, 20.15 Uhr