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Casting-Show : Supertalent furzt sich in die Herzen der Nation

Fernsehen, 18.10.2009, Sonja Mersch

Essen. Begabte Sänger, süße Kinder und geschmeidige Akrobaten werden gefeiert, peinliche Kandidaten dagegen gnadenlos ausgelacht: Bei RTL ist die neue Staffel „Das Supertalent“ mit einer Doppelfolge angelaufen. Der Kunstfurzer "Mr. Methane" ist eine Runde weiter.

Mia Quest (c) RTL / Stefan Gregorowius

Man nehme ein paar Vollspinner, vermenge sie mit peinlichen Witzfiguren und rühre zu Herzen gehende Familienstories und eine Handvoll tatsächlich begabter Sänger,Tänzer und Akrobaten unter. Dazu ein paar zuckersüße Kinder und natürlich Tiere - weil Kinder und Tiere einfach immer gehen: Fertig ist die Mixtur für einen Fernsehabend, von dem man sich ohne viel Mitzudenken getrost berieseln lassen und sich dabei trotzdem bestens unterhalten fühlen kann. Manch einer gibt es vielleicht nicht gerne zu, aber es ist so: Die Show hat ihre Momente, und die decken die ganze Bandbreite der Fernsehunterhaltung ab - von anrührend bis kitschig, lachhaft, atemberaubend oder einfach nur skurril. Wie immer mit dabei: eine ordentliche Portion Fremdschämen.

Ganz schlimm peinlich

Stefanie und Marion (li.) Breske. (c) RTL / Max Kohr

Die Kandidaten, die vor das Jury-Dreigestirn Bruce Darnell, Sylvie Vandervaart und Dieter Bohlen treten, sind selbstverständlich nach einem simplen Strickmuster vorgecastet - damit die Mischung (und damit die Quote) stimmt. Gerade in den ersten Sendungen geht es ja gar nicht allein um die Guten, die später das Rennen unter sich ausmachen werden, sondern um die armen Verirrten, die peinlichen Lachnummern. Schließlich müssen die Buzzer, mit denen die Jury unerträgliche Beiträge vorzeitig stoppen kann, unbedingt zum Einsatz kommen. Da wären erstmal, und wirklich zuallererst, die ganz schlimm peinlichen Bewerber. Wenn da ein Ingo mit den stahlharten Bauchmuskeln und wasserstoffblonder Perücke vor der Jury den Hampelmann macht, weiß man gar nicht, ob man ihn auslachen oder Mitleid haben soll. Manche Zuschauer gucken richtig erschrocken, schütteln fassungslos die Köpfe. Dann schon lieber die schielenden Zwillingsschwestern, denen sogar Bohlen attestiert, dass sie besser blasen als singen können.

Gnadenlos vorgeführt

"Mr. Methane" ist ein 42-jähriger Kunstfurzer aus England. (c) RTL / Stefan Gregorowius

Aber dann: ein 15-Jähriger mit Bunnyohren, der eine Daniel-Küblböck-Performance mit Kopfhörern abliefert – da hört der Spaß auf. Er hört weder Buhrufe noch Buzzer, und dass er sich bis auf die Knochen blamiert, kriegt er gar nicht mit. Es gibt Menschen, die müsste man eigentlich vor sich selbst schützen. Aber nicht bei RTL. Nicht wenn Dieter Bohlen in der Jury sitzt. Nicht, wenn man aus der Peinlichkeit Quote schlagen kann. Da werden Naivität und begrenzter IQ gnadenlos vorgeführt und ausgenutzt. Soetwas braucht niemand. Nicht, solange es genügend Verrückte gibt, die noch wissen, was sie tun.

Maria aus Essen zum Beispiel, eine völlig überdrehte Nudel, die für DSDS zu alt war und den Saal zum Toben bringt, während ihre Kinder und Enkel am Bühnenrand rocken. Ein weiteres Highlight: der Showtanz einer nackten Männerschar. Beim Twisten und Trippeln wippen die Plüschenten, die sich die Kandidaten jeweils über ihr bestes Stück gestülpt haben, fröhlich im Takt mit. Die Jungs wird man wiedersehen – ebenso (leider) den tausendfach vorab promoteten „Mister Methan“, der für das Auspupsen von Geburtstagskerzen und das Mitfurzen eines Strauss-Walzers allerdings nicht nur Applaus erntet. Ungewöhnliche Leistung hin oder her, ästhetisch ist das eben gerade nicht anzusehen wie ein 43-Jähriger im blaugrünen Spielanzug wie ein Käfer auf dem Rücken liegt und alle Welt an seinen Blähungen teilhaben lässt.

Vierjährige auf der Bühne

Dann doch lieber die lustige Seelöwen-Nummer – oder der zehnjährige Richard, der mit glockenheller Knabenstimme nach Nenas „Leuchtturm“ auch noch den Kelly-Family-Hit „I wish I were an angel“ schmettern darf und damit auch den letzten begeisterten Zuschauer klatschend vom Platz hochreißt. Zu Tränen rührt dagegen die kleine Ashley-Maria, neun Jahre alt, mit einem unfassbar traurigen "Somewhere over the rainbow". Dass schon eine Vierjährige von ihren Eltern auf die Bühne gestellt wird, um Heintjes „Mama“ zu schmettern, ist dagegen höchst fragwürdig – da mag das Mädchen noch so niedlich sein. Aber es gibt ja auch noch Erwachsene, die was können. So beeindruckt Dave Kaufmann, Fensterputzer aus München, mit einer Gesangsperformance voller Wehmut, und eine rumänische Panflötistin erobert die Herzen des Publikums im Sturm.

Wie die Jury am Ende begabte Sänger, Rollschuhakrobaten und junge Hip-Hop-Tänzer miteinander vergleichen will, kann man sich kaum vorstellen. Sicher ist aber: Die neue Staffel „Das Supertalent“ ist schon jetzt ein jubelnder und trubelnder bunter Jahrmarkt der Eitel- und Peinlichkeiten, auf dem sich, zum Glück, auch ein paar wirkliche Talente tummeln.

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