Literatursendung : "Die Vorleser" als Einschlafhilfe

Essen. Mit Amelie Fried und Ijoma Mangold startete das ZDF die neue Literatursendung „Die Vorleser“. Bei der Premiere zeigte sich, dass 30 Minuten sehr lange sein können für einen Schlagabtausch mit argumentativen Wattebällchen.
Die gute Nachricht ist die schlechte: Sie mögen sich, die Amelie Fried und der Ijoma Mangold. Was die beiden sich an Gemeinplätzen von ihrer roten Couch zunickten, konnte gestern Abend beim Zuschauer nur Kopfschütteln und Langweile während der Premiere der neuen Literatursendung „Die Vorleser“ im ZDF auslösen.
Fried („dieses Buch finde ich richtig toll“) referierte brav den Inhalt ihrer Favoriten, Mangold unterstrich das Unstrittige mit nervösen Tai-Chi-Handbewegungen. Als die Luft im Studio nach den ersten beiden Büchern längst in hauchdünne Schichten filetiert war, ging der Literaturkritiker Mangold endlich in die Substanzoffensive – und fuchtelte dabei so wild mit dem Finger in der Luft herum, dass man sich glatt an den polternden Marcel Reich-Ranicki erinnert fühlte.
„Ich habe mich soooo gelangweilt“
Ijoma Mangold, Walter Sittler und Amelie Fried auf der Couch. (c) ZDF/Susanne Dittmann
Foto: Susanne Dittmann
Manch einer hätte in diesem Moment gern seine Fernsehgebühren freiwillig spontan um das Dreifache erhöht, nur um den Großvater aller telegenen Fernsehkritik auf das Konsenssofa nach Hamburg zu zaubern. Und sei es nur, damit Reich-Ranicki seinen berühmtesten Satz aussprechen kann: „Ich habe mich soooo gelangweilt.“
Doch der Reihe nach, denn eigentlich war nicht genug Zeit zum Langweilen da. Zur Begrüßung stellte die routinierte Moderatorin Amelie Fried im ehemaligen Hauptzollamt des Hamburger Hafens dem Publikum das „neue Fernsehgesicht“ Ijoma Mangold vor. Und dieser hatte zunächst auf sympathische Art und Weise Mühe, seine fliehenden Gesichtszüge im Zaum zu halten. Sein Blick verriet: Wohin mit den eigenen Augen, wenn so viele Augenpaare auf einen blicken?
Vorkoster im Hofe des Königs
Zum Glück hatte er aus der Reihe von Interviews, die er im Vorfeld geben musste, den Gedanken mit ins Studio genommen, dass „Die Vorleser“ strenggenommen Vorkoster im Hofe des Königs Zuschauer seien. Doch auch die an diesen Gedanken anschließende Binsenweisheit, nach der keine noch so schlechte Lektüre für den Leser „zu einem Gifttod führen könne“ hatte wenig Tröstliches. Denn, so die Erkenntnis nach 30 Minuten „Die Vorleser“, ein atemloses Sich-Buchinhalte-Nacherzählen kann tödlich langweilig sein. Ganz zu schweigen vom kurzen Videoeinspieler, der mit Statistik Stimmung machen wollte: Nur acht Prozent der Vorleser seien Väter. Kein Wunder also, dass so wenig Jungs zu einem Buch greifen. Ja, ja, da hörte man glatt das Zittern der Teetassen in den Schränken des Bildungsbürgertums.
Rettung deutete sich an, als sich die ZDF-Vorleser erstmals mit argumentativen Wattebällchen bewarfen. Anlass war das Werk von Per Olov Enquist, einem Autor, der seit Jahren für den Literaturnobelpreis gehandelt wird. Amelie Fried monierte in dessen „Ein anderes Leben“ einige Passagen, die zu lang seien. Mangold wollte aber genau diese Stellen nicht missen. Amelie Fried kritisierte, dass der Autor seiner Hauptfigur keinen Grund für seinen Absturz in die Alkoholsucht mit ins Glas kippt – Mangold empfand genau diesen Ansatz als gelungen. Oberflächliche Betrachter könnten an dieser Stelle auch eine Parallele zwischen den groben Blockstreifen auf Amelie Frieds Jackett und den feinen Nadelstreifen auf Mangolds Anzug ziehen.
Die Familie nervt
Das Spiel ging mit umgekehrten Vorzeichen in die Verlängerung, als die Ex-Talk-Masterin dem Zeit-Kritiker etwas von Joey Goebels „Heartland“ vorschwärmte. Sie: „Aber als Familienepos funktioniert es“, er: „Mich nervt diese Familie“. Nach diesem Schlagabtausch musste sogar Amelie Fried kurz und herzhaft lachen. Von diesem Moment an hätte es noch etwas werden können, doch die Dramaturgie der Sendung hatte anderes im Sinn. Also glitt Mangold mit den Worten „jetzt aber genug gepoltert“ ins Betuliche ab und der Gast des Abends kam.
Der bekannte Schauspieler Walter Sittler, dessen Papa Literaturprofessor war, durfte längst Bekanntes über Erich Kästner loswerden wie: „Er hat nie nur für Kinder geschrieben, sondern für alle“ – und dann hatte es sich schon ausgekästnert. Ijoma Mangold hechelte noch drei Kurztipps in den Äther, setzte sich – unbeabsichtigt oder nicht – auf Amelies Lesebrille und verabschiedete das Publikum an den Fernsehschirmen mit den Worten: „Hier im ZDF geht es jetzt weiter mit Lanz kocht“. Da musste selbst das Publikum im Studio lachen.














