Skandal um Missbrauch : Die Spuren des Wegschauens

Berlin. F ünf Tage nach der Enthüllung etlicher Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg zeichnet sich ab: Strafrechtlich sind die meisten Fälle seit langem verjährt, innerhalb der katholischen Kirche aber wird der Skandal Geschichte schreiben.
Gestern berichtete der Ordensführer der Jesuiten in Deutschland über weitere Opfer: Die beiden beschuldigten Jesuitenpater hatten nach ihrer Dienstzeit in Berlin auch in Hamburg, Göttingen und im Schwarzwald immer wieder Schützlinge missbraucht.
Seit Freitag ruht der Schulbetrieb im Berliner Canisius-Kolleg. Nicht wegen der Enthüllungen, sondern weil alle Schüler der Hauptstadt gerade eine Woche Winterferien haben. Eine Atempause für die schockierte Eliteschule? Nein: Am Montagnachmittag rangen Schulleiter Klaus Mertes und der oberste deutsche Jesuit Stefan Dartmann in der Aula des renommierten Gymnasiums um Antworten in einem Skandal, der mittlerweile keine lokale Angelegenheit mehr ist.
Die Berliner Staatsanwaltschaft hat bis heute 20 Missbrauchsfälle aus den 70er- und 80er Jahren am Berliner Jesuitenkolleg gesammelt, die Dunkelziffer kennt allerdings niemand. Unter den Opfern soll sich auch eine Frau befinden. Zwar haben die Ermittler derzeit keine Hinweise auf schwere Vergewaltigungen, doch die beiden Täter konnten über Jahre hinweg offenbar ungestört immer wieder neue Opfer demütigen.
Die wichtigste Frage derzeit: Warum wurden Hinweise auf sexuelle Übergriffe allenfalls ordensintern weitergegeben? Wo verlaufen die „Spuren des Wegschauens”, wie Mertes die systematische Vertuschung nennt?
Inzwischen ist ein Brief aufgetaucht, den Kollegschüler bereits Anfang der 80er Jahre an die Schulleitung und das erzbischöfliche Ordinariat geschickt hatten. „Ich schäme mich dafür”, sagt Mertes, „dass daraufhin nichts passiert ist.” Das sei „ein pädagogischer Skandal”. Ehemalige Schüler, die sich ihm seit 2006 anvertrauten, hatten um strikte Diskretion gebeten.
Die Berliner Rechtsanwältin Ursula Raue ist vom Jesuitenorden beauftragt worden, den Fall zu rekonstruieren. Der ehemalige Sportlehrer und Jesuitenpater Wolfgang S. hat mittlerweile zugegeben, Mitte der 70er Jahre am Berliner Canisius-Kolleg Kinder missbraucht zu haben. Die Rede ist von „exzessiven körperlichen Bestrafungsritualen”. Der heute 65-Jährige war später erst an eine Jesuitenschule in Hamburg, dann an das Jesuitenkolleg in Sankt Blasien im Schwarzwald gewechselt. In Hamburg haben sich laut Dartmann mittlerweile drei Opfer gemeldet, in Sankt Blasien zwei. Wolfgang S. lebt heute in Südamerika. Sein heute 69-jähriger Kollege Peter R., der zweite mutmaßliche Täter, war in den 70er Jahren Religionslehrer und Jugendseelsorger am Berliner Canisius-Kolleg. Er wechselte später nach Göttingen, wo mehrere Hinweise auf sexuelle Übergriffe auftauchten. Ehemalige Kollegschüler berichten, die beiden Pater hätten unterschiedliche Methoden der Demütigung angewandt. Der eine habe durch Schulnoten Druck ausgeübt, der andere die Kinder psychisch drangsaliert. Beide Pater haben den Orden vor Jahren verlassen.
Weit weg vom Alltag
Schulleiter und Jesuitenpater Klaus Mertes kritisierte indessen seine Kirche scharf: Die offizielle Sexualmoral sei immer noch weit entfernt vom Alltag der Menschen. Pater Stefan Dartmann entschuldigte sich: „Für das, was von Verantwortlichen des Ordens damals an notwendigem und genauem Hinschauen und angemessenem Reagieren unterlassen wurde.”












