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Fassbinder-Inszenierung ist zum Gelingen verdammt

21.09.2009 | 18:15 Uhr
Fassbinder-Inszenierung ist zum Gelingen verdammt

Mülheim. Der Streit um die geplante "Fassbinder"-Inszenierung mit dem als antisemitisch verschrienen Stück "Die Stadt, der Müll und der Tod" in der Mitte sorgt schon vor der Premiere am 1. Oktober für ein volles Theater.

Als Rainer Werner Fassbinders Stück „Die Stadt, der Müll und der Tod”, in dem ein jüdischer Bodenspekulant sämtliche antisemitischen Klischees auf sich vereint und im städtischen Auftrag ganze Viertel kahlschlagsaniert, 1999 in Tel Aviv inszeniert wurde, witzelte einer der Zuschauer: „Ich weiß gar nicht, was an dem Stück antisemitisch sein soll – hier bei uns ist doch jeder, der mit Grundstücken spekuliert und zu Prostituierten geht, ein Jude!” In Deutschland indes funktioniert dieser Witz ungefähr so gut wie der Appell des jüdischen Intellektuellen Michael Wuliger, Deutsche sollte doch bitte etwas normaler mit Juden umgehen – das eine verdoppelt nur die Befangenheit, das andere erinnert nur daran, dass in Deutschland jeder Antisemitismus-Verdacht einen geschichtlichen Grund hat.

Auch im Mülheimer Raffelberg-Theater ist an diesem Sonntagmittag ein paradoxes Echo des Zivilisationsbruchs zu vernehmen, den die Chiffre Auschwitz bezeichnet: Es sei „wie immer” vor einer Premiere, sagen Theaterchef Roberto Ciulli (75) und sein Dramaturg Helmut Schäfer (57), und sie sagen es fünf, sechs Mal – wohl wissend, dass diesmal das Gegenteil der Fall ist. Noch nie hat sich bei der üblichen Sonntagsmatinee, die eine Premiereninszenierung vorbereiten soll, so viel Publikum im Theater eingefunden wie jetzt, von Fernsehkameras ganz zu schweigen. Rechts wie links vom vollbesetzten Parkett hocken junge wie ältere Damen auf dem Boden, andere stehen draußen vor der Tür, lauschen herein.

Gegner sind nicht erschienen

Roberto Ciulli. Foto: Andreas Mangen

Gegner der Inszenierung von Fassbinders „Die Stadt, der Müll und der Tod”, von dem fast alle bislang nur den Titel gelesen haben, sind offenbar nicht erschienen. Der Protest, den der Zentralrat der Juden schriftlich zur Kenntnis gegeben hat, deutet auch eher auf Verletzung als auf bilderstürmerische Empörung. Als Fassbinders Stück mit seinen Anspielungen auf Ignatz Bubis 1975 im Frankfurter „Theater am Turm” entstand, verhinderte noch der örtliche Kulturdezernent Hilmar Hoffmann die Aufführung des Stücks. 1985 besetzten dann bei einem erneuten Versuch protestierende Juden die Bühne, so dass auch eine Aufführung in den Kammerspielen (Regie: Dietrich Hildorf) scheiterte. Es blieb bei einer Vorführung für die Presse, die seither als Uraufführung gilt. Öffentlich gezeigt wurde das Stück bisher nur im Ausland gezeigt, etwa in New York, in Paris, in Amsterdam und in Tel Aviv.

Eins steht jedenfalls fest: Wenn das Theater an der Ruhr es leid gewesen wäre, immer nur als kultureller Aktivposten der deutschen Außenpolitik in heiklen Weltgegenden wie Iran geschätzt zu werden, wenn es sich danach gesehnt hätte, auch daheim wieder mal politische Brisanz zu entfachen – der Plan hätte nicht besser ausgeheckt werden können. Ciulli und sein alter Fahrensmann Helmut Schäfer indes beteuern, sie hätten erst „aus der Presse erfahren”, dass „Die Stadt, der Müll und der Tod” ein Skandalstück sei.

Aktion Ehrenrettung

Abnehmen muss man ihnen allerdings, dass sie eine Ehrenrettung für Rainer Werner Fassbinder beabsichtigen. Genau wie sie Georg Büchner, Reinhold Michael Lenz und Federico Garcia Lorca in Stück-Collagen inszeniert haben, um sie von den Grabsteinen zu befreien, mit denen man sie erschlagen hat. Schließlich heißt die Inszenierung, die da am 1. Oktober im Raffelbergpark Premiere feiern soll, „Fassbinder”; schließlich umfasst sie neben dem Skandalstück auch noch das selten gespielte Drama des 20-jährigen Fassbinder „Nur eine Scheibe Brot” (in dem ein junger Regisseur, der einen Film über den Holocaust drehen soll, entdeckt, dass es dafür keine angemessene künstlerische Sprache gibt) sowie das „Blut am Hals der Katze”; und schließlich hat ein Theatertext immer nur ein Bein, das erst auf der Bühne um ein zweites ergänzt wird, wie der alte Theatermagier Roberto Ciulli gestern noch einmal betonen ließ.

Für ihn und Schäfer geht es vor allem darum, den Verfall der Sprache zu zeigen und was dieser mit dem Nationalsozialismus zu tun hat, als Ursache wie als Folge. So ist für Helmut Schäfer „der eigentliche Skandal, dass Fassbinder als Antisemit gilt”, obwohl er doch gerade den Antisemitismus auf die Bühne habe bringen wollen, um ihn zur Kenntlichkeit zu entstellen, um gerade dort die Mechanismen der Verdrängung offenzulegen.

Vielleicht hat das Unternehmen Ehrenrettung für Fassbinder auch den sensiblen Regisseur Roberto Ciulli blind dafür gemacht, dass in Deutschland das Herzeigen antisemitischer Klischees genügt, um alte Wunden und längst nicht verheilte Narben wieder schmerzen zu lassen. Den Beweis dafür, dass es sich lohnt, den Schmerz auszuhalten, um dem Antisemitismus, dem wachsenden Rassismus unserer Gegenwart etwas entgegenzusetzen, muss die Mülheimer „Fassbinder”-Inszenierung erst einmal antreten. Kaum eine Theaterpremiere war in der jüngsten Zeit so sehr zu künstlerischem Gelingen verdammt wie diese.

Jens Dirksen

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Kommentare
22.09.2009
13:13
Fassbinder-Inszenierung ist zum Gelingen verdammt
von Ben | #5

#4
Friedensengel, gibt es Beweise für ihre Äußerungen?
Wenn ja, wo kann man mehr erfahren?

21.09.2009
20:13
Fassbinder-Inszenierung ist zum Gelingen verdammt
von Friedensengel | #4

An Jens Dirksen .....

Noch gibt es Zeitzeugen für die braune Vergangenheit von Hilmar Hoffmann.
Schreiben Sie mir !

21.09.2009
20:11
Fassbinder-Inszenierung ist zum Gelingen verdammt
von Friedensengel | #3

Als Fassbinders Stück mit seinen Anspielungen auf Ignatz Bubis 1975 im Frankfurter „Theater am Turm” entstand, verhinderte noch der örtliche Kulturdezernent Hilmar Hoffmann die Aufführung des Stücks.

Dieser Kulturdezernent Hilmar Hoffmann lief 1944/1945 mit der brauen Fahne als Führer des Jungsturms durch Oberhausen-Osterfeld.

Hilmar Hoffmann hat eine Nazi-Vergangenheit. Es traut sich aber keiner das öffentlich zu machen.

21.09.2009
09:23
Fassbinder-Inszenierung ist zum Gelingen verdammt
von G.Hanke | #2

Wenn Ciulli und Schäfer beteuern, sie hätten erst „aus der Presse erfahren”, dass „Die Stadt, der Müll und der Tod” ein Skandalstück sei , dann sind sie entweder bornierte Ignoranten oder sie wollen uns in dreister Weise für dumm verkaufen. In beiden Fällen lässt meine Lust, dieses Theater aus unseren knapper werdenden und an vielen Stellen dringens benötigten Steuermitteln zu subventionieren, spürbar nach.

20.09.2009
18:44
Fassbinder-Inszenierung ist zum Gelingen verdammt
von Kanzlerkandidat | #1

Nur mal so zur Erinnerung:

DIE ZEIT 38/1998: „Die Büchse der Pandora“

Die Wiederauflage des Fassbinder-Streits (…) Wenn Fassbinder damit auch sicher keine Judenfeindlichkeit schüren wollte, so strotzt sein Stück doch von haarsträubenden Klischees - nicht nur über Juden, auch über die Motive des Antisemitismus. Es hat weit mehr mit der spezifischen Verdrängungsgeschichte der Linken in Bezug auf ihre verdeckten antijüdischen Vorurteile zu tun als mit irgendeiner gesellschaftlichen oder sozialen Realität. Mitte der siebziger Jahre, als Der Müll, die Stadt und der Tod entstand, tobte in Frankfurt der sogenannte „Häuserkampf“. (…) Der Kampf ums Westend entwickelte sich zur Mutter aller Schlachten der militanten, linksradikalen Frankfurter Spontis (deren Wortführer Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer waren). (…) Zu den Frankfurter Bauspekulanten gehörten auch Juden. (…) Ausgerechnet junge Linke stellten nun einen jüdischen Bürger, der den Holocaust überlebt und sich in der Nachkriegsbundesrepublik zurechtgefunden hatte, als Inbegriff ausbeuterischen, raffenden Kapitals an den Pranger und reproduzierten damit indirekt einen Topos des Antisemitismus. Dass die jungen Linken dies mit dem guten Gewissen des revolutionären Antikapitalismus taten, machte die Sache nicht weniger bedenklich. Wenn schon den politisch angeblich so bewussten Linken, zu denen auch eine Reihe von jungen jüdischen „Antizionisten“ gehörten, die untergründige Implikation ihrer Feindprojektion entging, wie groß musste die Insensibilität für die Lage überlebender Juden in Deutschland erst in der legendären schweigenden Mehrheit der Bevölkerung sein? (…) „Der Reiche Jude ist ein rücksichtsloser Immobilienspekulant, der für seine Profitmaximierung Menschen auf die Straße werfen lässt und dafür entsprechend gehasst wird. Seine halbkriminellen Machenschaften werden von der Stadtverwaltung und der Staatsmacht aus Korruptheit und feigem Philosemitismus gedeckt. (…) In Fassbinders antikapitalistischem Horrorgemälde erscheint das schlechte Gewissen der Deutschen, ihre Angst vorm Imageschaden bei Antisemitismusverdacht, als Wettbewerbsvorteil für jüdische Geschäftemacher. (…) Das Stück ist von sozialem Realismus meilenweit entfernt. Seine Wirklichkeit ist die überhitzte Treibhausatmosphäre eines epigonalen Expressionismus. Die Welt, die Fassbinder zeigt, ist ein Pandämonium, bevölkert von manieristisch überhöhten Kunstfiguren. Ausbeutung, Bosheit, Haß, Gewalt sind hier Symptome einer fieberhaften Sucht nach Liebe, die im Moloch der sündig lockenden, brutalen Großstadt unerfüllbar bleiben muss. (…) Der Müll, die Stadt und der Tod ist ein Sammelsurium grell übersteigerter Motive aus dem Fundus zivilisationsphobischer literarischer Apokalyptik. Freilich ohne den Hoffnungsschein der katastrophischen Reinigung: Die Erde ist so unbewohnbar wie der Mond lautet der Titel eines Romans von Gerhard Zwerenz, dem Fassbinder einige seiner Hauptmotive entnahm. Der Filmemacher variiert damit seine Obsession: den Zusammenhang von Gewalt und Sexualität. Die antisemitischen Hetzreden des Franz B. entspringen seinem Sozial- ebenso wie seinem Sexualneid aus Verzweiflung wird er gar noch homosexuell. Der ideelle und ästhetische Horizont des Stückes ist der einer längst verblichenen Periode: der Spätzeit der alten Bundesrepublik. Es ist die Zeit des beginnenden Utopieverlusts der radikalen 68er-Linken und der aufkommenden Weltuntergangsstimmung, die das revolutionäre Veränderungspathos ersetzte. (…) Der erste öffentliche Streit um Fassbinders Stück brach schon bei der Erstveröffentlichung des Textes im Jahre 1976 aus. Damals beschuldigte Joachim Fest, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, den Autor des „linken Antisemitismus“. Dieser Vorwurf schien zutiefst paradox: War nicht die Linke der berufene Anwalt aller Unterdrückten und Schwachen? War sie nicht der natürliche Feind aller Formen von Faschismus und damit automatisch aller judenfeindlichen Ressentiments? Nun war Fassbinder kein Linker, er war überhaupt kein politischer Mensch. (…) Was aber könnte unter den gewandelten Verhältnissen (…) der Gewinn einer neu aufgelegten Fassbinder-Debatte sein? Die Westlinke hat ihren unreflektierten Antikapitalismus von einst längst in Frage gestellt. (…) Aber der apokalyptische antikapitalistische Affekt ist deshalb nicht verschwunden. Im Gegenteil. Die Strukturkrise in den östlichen Bundesländern wird in weiten Teilen der Bevölkerung dort als Folge einer manchesterkapitalistischen Überwältigung durch den Westen betrachtet. Nicht nur die PDS spielt auf der Klaviatur dieser Affekte. Auch die Rechtsradikalen knüpfen bewusst an die Überreste marxistischleninistischer Ideologie im Bewusstsein der Ex-DDR-Bevölkerung an. Sie agitieren gegen westliche, liberalistische „Dekadenz“, gegen die „internationale Herrschaft des Finanzkapitals“, gegen die „Eroberung“ der Ex-DDR durch die Lakaien der „anglo-amerikanischen Siegermächte“. Die DDR, sagen neuerdings führende Funktionäre der NPD, sei das „bessere Deutschland“ gewesen, weil sie sich gegen die „Artüberfremdung“ abgeschottet habe und sich das „deutsche Erbgut“ daher reiner habe erhalten können als im kosmopolitisch aufgelösten Westen.
Die Realität übersteigt aber längst alles, was Fassbinder in seinen düsteren Visionen ausphantasiert hat. Die Vorstellung, man brauche ihn, (…) ist ebenso grotesk wie die Befürchtung, die Aufführung seines verstiegenen Dramas könne den schlafenden Tiger des Antisemitismus wecken, hoffnungslos anachronistisch ist. (…) Fast sehnt man sich danach, dass Der Müll, die Stadt und der Tod endlich zum Repertoirestück wird. Dann wird man es in seiner ganzen aufgeplusterten Harmlosigkeit erkennen und getrost vergessen können. Die Frage bleibt allerdings, warum es keine aktuelle deutsche Dramatik gibt, die sich den bedrohlichen gesellschaftlichen und sozialen Verwerfungen der Gegenwart gewachsen zeigt. Aber das ist schon ein anderes Thema.

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