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Hermann Hesse

Fans begehen 50. Todestag von Hermann Hesse auf Facebook

08.08.2012 | 16:40 Uhr
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Hermann Hesse (1877-1962) im Jahre 1961 in der Schweiz.Foto: Getty

Essen.   Vor 50 Jahren starb der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger des Jahres 1946. Mit seinen Romanen sprach er Generationen von Jugendlichen aus der geplagten, zerrissenen Seele – und das hält bis heute an, auf der Hesse Facebook-Seite , die ihm sein Verlag zum 50. Todestag eingerichtet hat.

Als Hermann Hesse am 9. August 1962 mit 85 Jahren starb , da schien er dort oben in seiner Tessiner Casa Rossa hoch über dem Luganer See ohnehin längst aus der Zeit gefallen, längst unmodern geworden zu sein. Mit Hesse, so urteilte die „Zeit” in ihrem Nachruf auf den Literaturnobelpreispreisträger, „sagen wir’s deutlich, ist heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen”.

Heute aber, fünfzig Jahre nach seinem Tod, wirkt Hesses Werk frisch wie das blühende Leben.

Gottfried Benn urteilte böse über Hesse

Auf Hesses Facebook-Seite, ein Spaß seines Verlags zum Jubiläum , texten seine Fans: Hesse habe für sie „die Welt verändert”, er schreibe „wie ein Heiliger”, hielte ihnen „den Spiegel vor” und „beflügele” sie. Fans, die 50 sind oder 15, stets aber im jugendlichen, zweifelnden, strauchelnden Alter gefangen genommen wurden von einem, über den einst die Gruppe 47 kollektiv lästerte und Gottfried Benn so böse urteilte: „Hesse. Kleiner Mann. Deutsche Innerlichkeit…”

Offenbar aber wird sie noch immer gebraucht, diese Innerlichkeit, als Gegenmodell zur Zeit. Hesse ist ein Autor für Menschen mit immer noch modernen Nöten: für all die Modernisierungsverlierer („Peter Camenzind“), die trotzigen Einzelgänger („Steppenwolf”), die Leistungserdrückten (“Unterm Rad”), die komplizierten Selbst- und Sinnsucher („Demian”, „Glasperlenspiel”). Hesse ist blumig, schwülstig, kitschig; er ist echt. Schreibend suchte er, sich selbst zu retten.

Kaltes, strenges Elternhaus

Am 2. Juli 1877 in Calw geboren, wuchs Hesse in einer Missionarsfamilie auf, die Kühle und Strenge der Eltern ist, selbst nach Maßstäben der Zeit, erschütternd. Ein Lebensanfang, dem so recht kein Zauber innewohnt. Der kleine Hermann gilt als schwierig, trotzig, eigensinnig; mit sieben Jahren gibt seine Familie ihn zur Erziehung ins Missionshaus. Die Mutter notiert, dass er bei den Sonntagsbesuchen daheim „bleich und mager und gedrückt” ist, freut sich aber vor allem, dass er „brav” geworden sei. Beginnt Hesse hier, die Außenwelt als feindlich zu erleben, sich seinen Innenwelten zu widmen? Bis zum Tod der Eltern wird er ja um ihre Anerkennung buhlen – und sie nie bekommen.

Literatur-Nobelpreisträger

Hesse schafft es mit viel Fleiß auf die Eliteschule Maulbronn, läuft von dort aber mehrmals weg, hinterlässt Selbstmorddrohungen, wird mit 14 Jahren in die Nervenheilanstalt Stetten eingewiesen. „Ist es recht”, fragt er in einem Brief an die Eltern, „einen jungen Menschen, der außer einer kleinen Schwäche der Nerven so ziemlich ganz gesund ist, in eine Heilanstalt für Schwachsinnige und Epileptische zu bringen, ihm gewaltsam den Glauben an Liebe und Gerechtigkeit und damit an Gott zu rauben?” Und dann schreibt er seinen berühmten, zornigen Satz, einen Satz, den wohl Millionen 14-Jährige unterschreiben würden: „Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen.”

Renaissance durch die Hippie-Bewegung

Es ist diese Wut, diese Sehnsucht, dieses Aufbegehren gegen die Institutionen, die sich in Hesses Werk spiegelt und die ihn zu einem „Jugenddichter” gemacht haben. Er starb um einige Jahre zu früh, um seine Renaissance durch die Hippie-Bewegung in Amerika zu erleben, die ihn in Folge auch in Deutschland wieder populär werden ließ – indem, zum Beispiel, der Name der US-Band „Steppenwolf“ Fragen aufwarf, die zur Lektüre führten.

Von Essay-Bänden bis zur App

Gleich zwei neue Biografien laden ein, Hesses Leben zu entdecken: Sehr einfühlsam und freundlich spürt Heimo Schwilk in „Hermann Hesse – Das Leben des Glasperlenspielers“ (Piper, 432 S., 22,99 €) dem Dichterleben nach. Gunnar Decker entdeckt in „Hesse – Der Wanderer und sein Schatten“ (Hanser, 704 S., 26 €) die eher neurotischen Seiten Hesses. Ergänzend sei Bärbel Reetz’ Werk „Hesses Frauen“ (Insel Verlag, 426 S., 16,99 €) empfohlen.

Hesses Verlag Suhrkamp feiert seinen gewinnbringenden Hausautor mit Taschenbuchversionen der Werkausgaben („Das erzählerische Werk“, über 6000 Seiten, 128 €; „Das essayistische Werk“, über 7000 S., 148 €). Mit dem Band „Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen. Briefe 1881-1904“ (Suhrkamp, 600 S., 39,95 €) beginnt eine auf zehn Bände angelegte Edition.

35 000 Briefe soll Hesse hinterlassen haben. Neu hinzu kamen einige Facebook-Einträge, natürlich zusammengestellt aus seinen Texten: Was Hesses Fans heute von ihm wissen wollen, verrät das Bändchen „Hermann Hesse antwortet – auf Facebook“ (Suhrkamp Tb., 80 S., 5 €). Ebenso modern: eine „Hermann-Hesse-App“, die Gedichte, Tondokumente und Aquarelle enthält (3,99 € im iTunes-Store).

Auch heute noch sind es die deutschen Musiker eher noch als die zeitgenössischen Literaten, die sich auf Hesse beziehen: Peter Maffay nannte gar ein frühes Album „Steppenwolf“, Udo Lindenberg nennt sich einen „kleinen Bruder“ des Dichters, die Toten Hosen vertonten auf dem letztem Album ein Hesse-Gedicht. Schließlich geht es auch in der Musik vor allem ums Gefühl.

"Ich bin ein Leben lang ohne Kirche ausgekommen"

Mögen seinen Romanen auch komplexe Strukturen zugrunde liegen und philosophische Bezüge (der appolinisch-dionysische Konflikt etwa in den Doppelgängerstrukturen des „Steppenwolfs“), so strahlen seine expressiv-übersteigerten Sätze doch bis heute vor allem tiefes Empfinden aus: „Alles war Märchen, alles war um eine Dimension reicher, um eine Bedeutung tiefer, war Spiel und Symbol“, heißt es im „Steppenwolf“. Sätze, die die Literatur beinahe selbst in die Nähe eines „magischen Theater“ rücken.

Die Traumata seiner Jugend befeuern nicht nur Hesses Prosa, sie bestimmen auch seinen Lebensweg. Dass Hesse außerhalb der Kirche steht, für esoterische Heilsversprechen empfänglich ist, darf man seinem pietistischen Elternhaus anrechnen: Keinen Tag könne er ohne Religion leben, schreibt Hesse, „aber ich bin ein Leben lang ohne Kirche ausgekommen”.

Dass Hesse, den putzige Fotos beim Nacktwandern in seinem geliebten Tessin zeigen, ein „Berührungsneurotiker” ist, bezeugen seine Biografen. Drei Mal war er verheiratet, hat aus erster Ehe drei Söhne, und doch scheint es so, als hätten die Damen sich ihm geradezu aufgedrängt: Die Basler Fotografin Maria Bernoulli, acht Jahre älter als er und angeblich seiner Mutter sehr ähnlich.

Das noch junge Mädchen Ruth Wenger, auf das Hesse sich erst nur eher spielerisch einlässt. Schließlich die ebenfalls junge Ninon Dolbin, die ihn als Schülerin verehrte, ihm schrieb, 16 Jahre lang ihre Liebe in Briefen unterhielt. Das Adjektiv, mit dem er jede seiner Ehefrauen beschreibt, ist: “lieb”.

Ninon ist es, die bis zuletzt an seiner Seite lebt, ihn versorgt und abschirmt. Denn vor allem will der Schriftsteller ja eines: Ruhe vor den Zwängen und dem Drängen der Außenwelt. Legendär ist auch dieser Satz, der nicht in einem seiner Romane, sondern auf einem Schild vor seiner „Casa Rossa“ in Montagnola stand: „Bitte keine Besuche”.

Britta Heidemann

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